Interview: Staub als Fingerabdruck unserer Existenz
Planet Wissen (PW): Andere Menschen rümpfen beim Thema Staub die Nase – Sie nicht. Warum beschäftigen Sie sich als Künstlerin mit dieser Materie?
Jenny Michel (J.M.): Staub, diese leicht übersehene, oftmals auch negativ besetzte, als Schmutz abgetane Erscheinung, spielt eine größere Rolle als wir denken. Er steht am Anfang und am Ende aller Existenz, indem er die Eckpunkte des Lebens im Universum markiert. Zudem kann Staub als Bodensatz der Schöpfung angesehen werden, er sammelt sich in lichtlosen Spalten, in den Schluchten der Zeit. Staub birgt das Geheimnis unserer Vergangenheit in sich. Es ist der Fingerabdruck unserer Existenz, unsere Geschichte ist in unserem Staub eingeschrieben.
Staubflusen entstehen scheinbar aus dem Nichts durch einen langsamen Übergang von einer Dimension zur anderen, bei dem sich das Allerkleinste zum Kleinen anhäuft. Als stummer Zeitzeuge schaut er uns von den Ecken aus zu. Er ist das Protoplasma, also die formbare Urmaterie, aus der die Welt entsteht und zu der sie auch wieder wird. Wir tragen Staub die ganze Zeit mit uns herum – Staub lebt mit uns und überlebt uns.
PW: Inwiefern kann Staub ein Kunstwerk sein?
J.M.: In meiner Staub-Installationsreihe, die in Zusammenarbeit mit dem Künstlerkollegen Michael Hoepfel entstand, taucht Staub in den verschiedensten Formen auf: Als wissenschaftliche Staubsammlung mit Klassifizierungssystem, als Schmuckstück eingossen und veredelt in Polyesterharz, als Protagonist in Videoarbeiten und im Staubmanifest. Dieses besteht aus insgesamt 500 Zeichnungen, Texten und Collagen, die Staub als Gegenstand haben. Sie beinhalten wissenschaftliche Betrachtungen, verwoben mit fiktiven Ideen zum Thema Staub, die sich zu einem labyrinthartigen Netz, einem ganzen Staubkosmos verbinden. Die Staub-Installationsreihe ist als Huldigung an diesen unsichtbaren Zeitgenossen zu verstehen, diesen unbedeutenden, wertlosen Grundstoff, der doch so viel über uns aussagt.
PW: Was bezwecken Sie mit Ihrer Staubsammlung, dem Pulvarium? Ist das Kunst oder Wissenschaft?
J.M.: Das Pulvarium ist ein Staubsammelsurium, das ganz im Sinne wissenschaftlicher Sammlungen angelegt ist. Mit Hilfe einer ausführlichen, selbst entwickelten Systematik werden in insgesamt 40 Insektenkästen Staubflusen verschiedenster Herkunft und Beschaffenheit sortiert, kategorisiert und benannt. Sie sind dort aufgespießt wie Insekten und mit Etiketten versehen, die Auskunft über Familie, Gattung und Art der Flusen geben, was jedem der Staubgebilde Identität und Kontext verschafft. Die Systematik wurde nach dem Linnéeschen Prinzip angefertigt, nach dem bis heute die Tier- und Pflanzenwelt erfasst wird. Das Pulvarium ist eine Kunstarbeit, die sich wissenschaftlicher Methodik und Ästhetik bedient.
Ich benutze oft Versatzstücke wissenschaftlicher Denk- und Darstellungsweisen als Hülle, die dann mit Inhalten gefüllt werden, die einem inneren, imaginären Kosmos entspringen. Realität und Fiktion verschmelzen dabei zu einer Einheit, etwas Neues entsteht. Im Idealfall bewirken die Arbeiten beim Betrachter eine Hinterfragung gängiger Vorstellungen, eine Horizontverschiebung, die Raum für Absurdität und Kuriosität schafft.
PW: Manche Staubflusen haben Sie sogar in Gießharz konserviert. Warum?
J.M.: Staub stellt auf der einen Seite eine unvergängliche Daseinsform dar, auf der anderen Seite gibt es kaum etwas so Fragiles wie die großen, aus kleinen Partikelchen zusammengesetzten Staubgebilde, die einer unentwegten Metamorphose unterliegen. Durch das Eingießen in Polyesterharz wurden sie diesem zeitlichen Prozess entrissen und für die Ewigkeit konserviert, sozusagen in einen Schneewittchensarg gebettet. Sie erfahren einen Veredelungsprozess, werden zu kleinen Schmuckstückchen. Ihre Präsentation auf durchsichtigen Acrylglasplatten, von Nylonfäden in der Schwebe gehalten, verstärkt diesen Effekt noch. Neben dieser Absurdität des Konservierens eines den Zerfall symbolisierenden Mediums interessierte mich auch die Erhöhung eines unbedeutenden Phänomens, was uns vielleicht unseren Wertekanon noch einmal überdenken lässt.
PW: Statt Schneekugeln haben Sie Staubkugeln erfunden. Was steckt dahinter?
J.M.: Die Staubkugel ist während eines Aufenthaltes in Wien entstanden, wo die bekannte Schneekugel erfunden wurde. Ich habe dort Staub statt Schnee in die Kugel einfüllen lassen. Das Resultat ist ein Stillleben, in dem eine Miniaturlandschaft langsam unter dem Staub begraben wird – eine Parabel auf die Verfallstendenzen unserer Existenz.
PW: In ihren Ausstellungen zeigen Sie Filme zum Thema Staub. Inwiefern lässt sich dieser flüchtige Stoff filmisch in Szene setzen?
J.M.: Eigentlich stand die Idee einer filmischen Umsetzung des Themas Staub sogar am Anfang des gesamten Werkzyklus'. Angeregt durch einen wirklich sehr verstaubten Film kam mir die Idee, Staub auf Filmmaterial zu thematisieren. Das wurde in mehreren Staub-Video-Arbeiten direkt umgesetzt. Der Staub löst sich dort langsam vom Vordergrund – also das Filmmaterial, durch das wir als Zuschauer gewöhnlich einfach hindurchschauen – und entwickelt sein Eigenleben: Es beginnt im einen Fall auf dem Film zu tanzen, im anderen Fall greift er sogar ins Geschehen des Films ein, löscht dort die Protagonistin langsam aus.
PW: Sie setzen Staubflusen unter dem Bett mit fehlgeschlagenen Geburten neuer Universen gleich. Wie meinen Sie das?
J.M.: Dieser Vergleich hat mit der Entstehungsgeschichte der Materie zu tun. Bei der Materiebildung am Anfang des Universums spielte Staub anscheinend eine maßgebliche Rolle. Die große zerklüftete Oberfläche eines Staubkorns in Verbindung mit seiner geringen Dichte lässt einzelne Partikelchen leicht miteinander eine Verbindung eingehen. Bei einer Sternentstehung treiben zunächst einmal verschiedene Gase zusammen mit Heerscharen von Stäuben in einem sogenannten Sternentstehungsfeld herum. Treffen sich zwei Staubteilchen, bleiben sie aneinander haften. Atome landen nun nach und nach auf den Staubteilchen und bilden dort neue Moleküle aus. Durch UV-Strahlen und gefrorene Gase auf ihrer Oberfläche können nun Reaktionen in Gang gesetzt werden, die längere Molekülketten bilden.
Einen ähnlichen Prozess findet man bei der Entstehung von Staubflusen, wenn auch in einem anderen Maßstab: Auch hier bleiben kleine Staubpartikelchen aneinander haften und bilden zusammen mit Fasern größere Gebilde aus. Diese Art der Materiebildung ist jedoch schon von vornherein zum Scheitern verurteilt, da hier eben keine Materie im konventionellen Sinn entsteht, sondern eher etwas wie verkümmerte, verstümmelte Galaxien – und diese fehlgeschlagenen Geburten neuer Universen unter dem Bett werden dann oft als Schmutz beseitigt.
PW: Was passiert mit diesen verkümmerten Galaxien, wenn Sie sie beim Putzen entdecken?
J.M.: Besonders schöne Exemplare wandern in Staub-Sammelboxen. Inzwischen zerstöre ich aber auch dann und wann einige der Gebilde in den Ecken meiner Wohnung oder hindere sie daran, überhaupt in das Stadium der Materieherstellung einzutreten.
Interview: Irina Fernandes, Stand vom 17.06.2011










