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Interview: Prof. Michael Schredl

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Interview: Prof. Michael Schredl

In den letzten Jahrzehnten dominierten in der Traumforschung Theorien von Neurobiologen wie Allan Hobson, die dezidierte Gegner von psychoanalytischen Ansätzen der Trauminterpretation nach Freud sind. Die pointierte These Hobsons: Träume haben keinen Sinn, sondern die Zellen erzeugen im oberen Hirnstamm nur absolut zufällig Erregungen, die verschiedene andere Hirnbereiche aktivieren, etwa die Zentren für das Sehen, Hören, für Bewegung und Gleichgewicht. Auf die chaotische Stimulation reagiert das Gehirn damit, das Traumerleben zu interpretieren und ihm einen Sinn zu geben, obwohl es gar keinen gibt. Andere Traumforscher wie der Psychologe und wissenschaftliche Leiter des Schlaflabors am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, Prof. Michael Schredl, sind anderer Auffassung. Mit immer neuen Studien belegen sie den Zusammenhang von Alltags- und Traumerleben.

Prof. Michael Schredl mit Dennnis Wilms im Planet Wissen Studio (Rechte: SWR/ Brigitte Karwath)

Prof. Michael Schredl mit Dennnis Wilms im Planet Wissen Studio

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Planet Wissen (PW): Herr Schredl, sind Träume für Sie mehr als nur ein zufälliges neuronales Gewitter?

Michael Schredl (M.S.): Ja und nein. Zunächst einmal ist klar, dass auch während des Schlafes die Nervenzellen des Gehirns aktiv sind, ohne Aktivität auf dieser Ebene gibt es kein subjektives Erleben. Das ist im Wachzustand ganz genauso: Wenn wir denken, sind Nervenzellen in bestimmten Bereichen aktiv. Was jedoch geträumt oder gedacht wird, ist eine ganz andere Geschichte. Deshalb ist es wichtig, die beiden Ebenen auseinanderzuhalten. Aufgrund der neuronalen Aktivität kann ich nicht vorhersagen, was geträumt wird. Allan Hobson war eine Zeit lang der Einzige, der in der Traumforschung sehr öffentlichkeitswirksam publiziert hat und deswegen verstärkt wahrgenommen wurde. Die psychologischen Traumforscher sind, beginnend mit Calvin S. Hall, seit Ende der 40er Jahre aktiv, doch sie treten in den letzten Jahren immer mehr nach vorne, weil man sehr daran interessiert ist, die Bewusstseinsprozesse umfassend zu verstehen. Das nicht nur im Schlafzustand, sondern auch im Wachzustand. Zum Beispiel kommen bildgebende Verfahren zum Einsatz, die genau die Hirnaktivität messen und dann in Zusammenhang mit dem gesetzt werden, was die Person sieht oder denkt.

PW: Hat die psychologische Forschung denn jemals bezweifelt, dass Träume einen Sinn haben?

M.S.: Feststeht, dass es psychologisch gesehen Sinn macht, sich mit seinen Träumen auseinanderzusetzen. Dadurch kann man einen neuen Zugang zu den Problemen bekommen, die einen im Alltag beschäftigen. Auch in der Psychotherapie wird die Arbeit mit Träumen sehr erfolgreich eingesetzt. Welche Funktion biologisch oder psychologisch gesehen das Träumen selbst hat, kann man nicht direkt erforschen, weil man den Trauminhalt nicht messen oder aufzeichnen kann, wenn er nicht erinnert wird. Das heißt, ich kann nur etwas über Träume erfahren, wenn sie vom Wachbewusstsein erinnert werden. Dann weiß ich aber nicht, ob der positive Effekt dadurch zustandekommt, dass der Traum so geträumt wurde oder dass die Person über den erinnerten Traum nachgedacht hat. Kann zum Beispiel jemand die Trauer um eine Person besser verarbeiten, weil er davon geträumt hat, oder weil er den Traum aufgeschrieben hat und sich darüber Gedanken gemacht, sich ausgetauscht hat - das kann man nicht sagen!

PW: Sie haben gerade eine Studie abgeschlossen, die den Zusammenhang zwischen Wacherleben und Träumen sehr eindrucksvoll darstellt. Was haben Sie untersucht?

M.S.: Ich habe eine Serie von über 5000 Träumen eines Träumers analysiert und zwar daraufhin, ob und wie häufig sich in den Träumen seine Partnerin wiederfindet. Zunächst war die Annahme, dass sie häufig vorkommt, weil sie auch im Wachleben eine wichtige Rolle spielt. Zusätzlich hatte ich die Idee, dass die Häufigkeit, in der der Partner im Traum auftaucht, auch etwas mit der Beziehungsqualität zu tun hat. Die Traumserie stammt von einem Mann, der mit Mitte zwanzig eine Frau kennenlernt, mit ihr einige Zeit zusammen ist, sich dann trennt, dann ziehen sie zusammen und nach einem gemeinsamen Griechenland-Urlaub trennen sich die beiden wieder. Elf Jahre hat der Mann seine Träume aufgeschrieben, also auch noch Jahre, nachdem er mit der Frau nicht mehr zusammen war.

PW: Wie haben sich die unterschiedlichen Phasen der Beziehung in den Träumen gespiegelt?

M.S.: Während der Beziehung spielte die Partnerin eine sehr wichtige Rolle in den Träumen, in fast 20 Prozent der Träume kam dann die Partnerin vor. Noch etwas höher war die Häufigkeit, als beide zusammengewohnt haben. Aber nach jeder Trennung nahm der Prozentsatz ab, und das spiegelt sozusagen den "Vergessensprozess" wieder. Allerdings, und das ist schon interessant, auch Jahre, nachdem die Beziehung beendet war und keinerlei Kontakt mehr bestand, träumte der Mann hin und wieder von seiner ehemaligen Freundin.

PW: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus dieser Studie?

M.S.: Meine These ist, dass das Traumgeschehen das Wachleben spiegelt und dass es da eine Kontinuität gibt. Was einen im Wachzustand beschäftigt, beschäftigt einen auch im Traum, gerade was die sozialen Kontakte angeht. Aber der Traum greift auch auf vergangene Erfahrungen zurück, er verbindet aktuelle und vergangene Erlebnisse. Und genau das kann man mit dieser Studie belegen. Eine Beziehung ist eine intensive Erfahrung, die im Gedächtnis abgespeichert ist. Auch nach Jahren werden diese Erfahrungen in neue Träume eingebunden.

PW: Konnte man denn anhand der Träume Rückschlüsse ziehen, ob es in der Beziehung gerade gut lief oder nicht?

M.S.: Ja, die Beziehungsthemen spiegelten sich in den Träumen wider. Während der Beziehung gab es Träume, in denen gemeinsame Unternehmungen eingebaut waren, es gab auch erotische Träume. Nach einer Trennung kam es vor, dass sie doch noch mal als Paar zusammen waren, also der Wunsch danach im Traum gelebt wurde. Aber auch dass sie sich im Traum noch einmal getrennt haben und es dann zunehmend auch im Traum klar war, dass sie getrennt sind - das konnte man gut mitverfolgen.

PW: Welchen Nutzen sehen Sie in den Ergebnissen der Studie?

M.S.: Partner oder Partnerinnen spielen als wichtigste Bezugsperson im Leben eine wichtige Rolle im Traum und somit können die Träume wichtige Informationen über die Qualität der Beziehung enthalten. Es gibt eine aktuelle Studie aus den USA, die zeigt, dass zum Beispiel das Thema Untreue auch im Traum aufgegriffen wird, wenn der Beziehungspartner/-partnerin im Wachleben sich darüber Sorgen macht. Sich als Paar darüber auszutauschen, ist sehr gut für die Beziehung und das könnte auch in Paartherapien genutzt werden. Eine sehr schöne Studie zeigte, dass das regelmäßige gegenseitige Erzählen von Träumen die Partnerschaftsqualität verbessert.

Christiane Gorse, Stand vom 28.03.2011
Sendung: Was steckt in unseren Träumen?, 29.03.2011

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Bildcollage zum Thema Schlaf und Träume (Rechte: dpa)

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