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Trauerwege

Wer trauert, fällt aus dem Rahmen. Für Alltag und die üblichen menschlichen Kontakte haben Trauernde oft weder Kraft noch Sinn. Fast jede Kultur hält deshalb für sie Bräuche und Regeln bereit. Sie signalisieren den Menschen um sie herum: Hier lebt jemand in einer besonderen Gefühlswelt - die gilt es zu achten.

Eine Frau mit Regenschirm und dunkler Kleidung von hinten aufgenommen geht über den Weg eines Friedhofs. (Rechte: WDR Freeze)

Jede Trauer ist einzigartig

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Trauerkleidung

Die gesellschaftliche Sonderstellung der Trauernden fängt bei der Kleidung an. Bei uns trägt die Witwe Schwarz, im alten Ägypten war die Trauerfarbe Gelb, in Japan geht man in Weiß und auf Bali sind die Kleider der Weinenden bunt. Viele Naturvölker wechseln zu Beginn ihrer Trauer die Körperbemalung.

Soldaten tragen einen Sarg, über dem eine Deutschland-Fahne liegt. Dahinter stehen schwarz gekleidete Menschen. (Rechte: dpa)

Staatsakt für Alt-Bundespräsident Johannes Rau

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Trauernde Juden haben oft einen Riss im Stoff ihrer Oberbekleidung, gut sichtbar im Halsbereich. Dieser Brauch geht zurück auf wesentlich drastischere Maßnahmen biblischer Vorfahren: Im Alten Testament zerrissen Menschen, wenn sie vom Tod eines nahen Angehörigen erfuhren, ihre Kleider, legten ein grobes Gewand an, schütteten sich Asche auf ihr Haupt und setzten sich in den Staub. Daher stammt die Wendung "in Sack und Asche gehen".

Über den frommen Juden Hiob steht geschrieben, dass er sich sogar mit einer Scherbe ritzte. Selbstverletzungen als äußeres Zeichen von Trauer gibt es immer noch, vor allem bei Naturvölkern in Australien, Nord- und Südamerika. Im deutschsprachigen Raum konnte man lange Zeit an der Kleidung der Witwe erkennen, wie weit der Todesfall zurücklag. War sie nicht mehr völlig in Schwarz gekleidet, sondern trug sie zum Beispiel einen weißen Kragen, dann "trauerte" sie "ab". Ihr Trauerjahr war fast vorbei.

Mehrere Grabreihen auf einem Friedhof. Auf den Gräbern sind Blumen gepflanzt. (Rechte: Mauritius)

Blumen auf Gräbern verwelken mit der Zeit

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Trauerzeit

Witwen und Witwer sollen ein Jahr um ihren Ehepartner trauern - dieser Restbestand an gemeinsamer Trauerkultur ist in unserem Kulturkreis noch verbreitet. Das Trauerjahr gab es schon im Römischen Reich, allerdings nur für Witwen. Für alle anderen betrug die offizielle Trauerzeit neun Tage. Nach einer Verordnung des Königs Numa Pompilius durften Kinder unter drei Jahren gar nicht, ältere nicht länger als zehn Monate betrauert werden.

Kürzer war die Trauerzeit bei den Navajo-Indianern: Nach vier Tagen wurde weder Trauer noch das Gespräch über den Verstorbenen geduldet. Man vermutet, dass diese strikte Regel in der Angst vor dem Toten begründet ist.

Im Judentum ist die Trauerzeit unterteilt: Drei Tage sind für das Weinen da, sieben für das Klagen, dreißig für die Trauer. Ein ganzes Trauerjahr ist nicht den Witwen, sondern allein trauernden Eltern vorbehalten.

Weg neben einem herbstlichen Wald mit verfärbtem Laub und blauem Himmel. (Rechte: WDR)

Jeder geht seinen eigenen Trauerweg

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Trauerkontakte

In den ersten sieben Tagen nach der Beerdigung sollen jüdische Trauernde nicht arbeiten, sich nicht mehr als unbedingt nötig waschen, weder Nägel noch Haare schneiden, keine Kleidung wechseln (das zerrissene Oberkleid!), auf Schmuck und Sex verzichten und vor allem zu Hause bleiben.

Die erste Mahlzeit nach dem Begräbnis wird ihnen von Verwandten gereicht und in der Trauerwoche bekommen sie viel Besuch. Die Trauernden grüßen nicht und dem Besuch ist es verboten, das Gespräch zu beginnen. Als der schon oben erwähnte Hiob trauerte, kamen seine drei Freunde und saßen sieben Tage und Nächte schweigend bei ihm auf der Erde, bevor Hiob mit ihnen ein Gespräch begann.

Dieser zunächst merkwürdig anmutende Brauch hat den unschätzbaren Vorteil, dass Trauernden kein Gespräch aufgedrängt werden kann, weder von gutmeinenden Freunden, die mit Alltagsgeplauder vom Schmerz ablenken wollen, noch von selbsternannten Seelsorgern, die "Tröstliches" zu verkünden haben. Die Trauernden bestimmen selbst Stimmung und Richtung der Gespräche, weil sie am besten wissen, ob ihnen Ablenkung oder Aushalten des Verlustes gut tut.

Der Brauch, dass Trauernde ihr Haus nicht verlassen, hat allerdings nicht in allen Kulturen einen so fürsorglichen Hintergrund. Bei zum Beispiel dem südamerikanischen Indianerstamm der Araucaner werden Witwen für ein ganzes Jahr isoliert, weil man die Toten fürchtet und sie in der Nähe ihrer Angehörigen glaubt.

Trauerphasen

Im Englischen gibt es zwei Worte für Trauer: "mourning" beschreibt den sozialen und kulturellen Ausdruck der Trauer. "Grief" hingegen meint das Gefühl des Trauerns. Trauerregeln und -bräuche sind in unserer Gesellschaft kaum noch vorhanden. Das "mourning" verschwindet immer mehr und das "grief", die persönliche Trauer, gewinnt an Bedeutung.

Die Psychologie entwickelte Theorien zum Trauergefühl und mittlerweile ungezählte Phasenmodelle, die den typischen Trauerverlauf beschreiben sollen. Grob vereinfacht und mehrere Autoren zusammengefasst, kann man vier Trauerphasen unterscheiden:

- Schock: Die Nachricht des Todes will man nicht wahrhaben. Meist schlaflos und stumpf hält sich der frisch Trauernde die neue Realität vom Leib.
- Gefühle: Alle sind gegangen, man ist mit seinen Gefühlen allein. Was jetzt? Sich verkriechen? Geschäftig sein? Schreien? Verdrängen? Verrückt werden? Die Stimmung wechselt heftig. Freunde sind irritiert.
- Suche: Der Verstorbene begegnet den Betroffenen im Traum oder man sieht ihn in einer Menschenmenge. Man erinnert sich all seiner liebenswürdigen Eigenschaften, führt Zwiegespräche mit ihm.
- Leben: Den Verstorbenen sieht man jetzt mit seinen guten und weniger guten Seiten, weist ihm einen Platz im Herzen zu und holt ihn damit von außen nach innen. Jetzt wird der Blick frei für Freunde und den Alltag.

Alle Phasenmodelle klingen einleuchtend - theoretisch. Ihr praktischer Nutzwert wird allerdings oft überschätzt. Sie sagen nicht mehr als: Das alles kann Trauer sein. Doch Trauer lässt sich mit ihnen nicht zähmen und der Reihe nach in Phasen abarbeiten. Viele empfinden Trauern eher als ein Hin und Her - wie ein Ringen im Dunkeln, mit einem unbekannten Gegner.

Neue Traueröffentlichkeit

Mit dem Verschwinden der meisten Trauerbräuche kommt die Trauer immer weniger in der Öffentlichkeit vor. Doch vor allem im Internet kehrt sie zurück: "Virtuelle Friedhöfe" sind Gedenkstätten, in denen Menschen Lebensdaten, Fotos und Erinnerungen jeglicher Art von dem Menschen, um den sie trauern, ins Netz stellen. Man kann den Trauernden vorgefertigte Beileidskarten mailen.

Außerdem bietet das Internet zahlreiche Trauerforen, die zum Beispiel "verwaiste" Eltern, deren Kind starb, zusammenführen. Für außergewöhnliche Krisensituationen, die man mit anderen Betroffenen besprechen möchte, erweist sich das Internet als ideal.

Jürgen Dreyer, Stand vom 01.06.2009

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Collage aus Bildmotiven zum Thema Tod und Trauer (Rechte: dpa)

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