Motorräder
Wer hat's erfunden?
Der schwäbische Ingenieur Gottlieb Daimler gilt als Erfinder des Motorrads. Doch das erste Motorrad der Welt kommt eigentlich aus den USA - aus Roxbury, in Massachusetts. Dort erfindet bereits Ende der 1860er Jahre Sylvester Roper sein "Steam Velocipede", ein Dampf-Fahrrad. Das ist ein Zweirad, das von einem unter dem Sitz angebrachten Dampfmotor angetrieben wird. In vielerlei Hinsicht gleicht das Dampfrad bereits den Motorrädern von heute: Schon 1868 lässt sich die Geschwindigkeit durch das Drehen der Lenkstange um ihre eigene Achse regulieren. Dazu fährt Ropers Motorrad tatsächlich - wie es sich gehört - auf zwei Rädern und nicht, wie Gottlieb Daimlers "Reitwagen", mithilfe zweier weiterer Stützräder. 1896 erreicht Roper mit seinem Dampfrad die Spitzengeschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde - sein Motorrad ist bei weitem kein zufällig geglückter Einzelversuch.
Trotzdem gilt heute Daimler als Erfinder des Motorrads. Der Grund: Ropers Motor läuft mit Dampf; Daimlers "Reitwagen" wird dagegen das erste Zweirad, das mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet ist. Dessen Merkmale: ein Zylinder, 0,5 Pferdestärken (PS) und die erste erfolgreiche Probefahrt über drei Kilometer am 10. November 1885. Das moderne Motorrad ist geboren. Der "Reitwagen" geht allerdings nie in Serie – vielleicht ja, weil Daimler ein Jahr später die Motorkutsche erfindet und von da an mit der Entwicklung des Autos alle Hände voll zu tun hat. Das erste in Serie gefertigte Motorrad kommt ab 1894 aus der Münchner Fabrik "Hildebrand & Wolfmüller" - wegen technischer und finanzieller Probleme wird es allerdings nur drei Jahre lang produziert.
Räder für die Massen
Die industrielle Produktion von Motorrädern im großen Stil läuft 1901 an: George Hendee und Oscar Hedstrom schaffen in Springfield, Massachusetts, mit "Indian" die Marke, die für die folgenden 50 Jahre den Trend in puncto Qualität bestimmen soll. Es sind hauptsächlich Tourenräder mit großvolumigen Zweizylindermotoren, mit denen "Indian" um die Kunden wirbt – und darin schon bald Konkurrenz bekommt:
1902 nimmt im englischen Coventry "Triumph" seine Produktion auf. Gründer ist der Nürnberger Siegfried Bettmann, der bereits ab 1886 Fahrräder unter dem gleichen Namen vertrieben hat. Nach dem Konkurs von "Indian" im Jahr 1953 ist "Triumph" heute der älteste Hersteller von Motorrädern. 1903 betritt dann der letzte Mitbegründer des Motorradzeitalters die Bühne: In Milwaukee, im US-Bundesstaat Wisconsin, beginnt die "Harley-Davidson Motor Company" ihre Jahresproduktion mit drei Maschinen. 1920 machen William Harley, die Brüder Arthur, Walter und William Davidson ihre Marke mit 28.980 verkauften Motorrädern zum ersten Mal zum Weltmarktführer.
Modernes aus Japan und Deutschland
Nicht zuletzt die Weltkriege bewirken zum Teil gravierende Veränderungen in der Motorradwelt. In den 50ern verschwindet "Indian" als eigenständige Marke; das Werk in Springfield meldet Konkurs an. Zwar existiert der Name "Indian" weiter, doch verbergen sich dahinter zunächst Fabrikate von "Royal Enfield", später die des Konsortiums "Associated Motorcycles of England". Nachdem "Triumph" auf europäischer Seite technisch lange Zeit maßgeblich den Ton angegeben hat, wird die Firma in den 60er Jahren von ihren Konkurrenten eingeholt.
Andere Marken treten in den Vordergrund: Honda stellt 1969 mit seiner "CB 750 four" maßgeblich die Weichen für seinen Erfolg. Der neue, quer eingebaute Vierzylinder-Viertaktmotor wird ein Verkaufsschlager und sichert der Marke auf der ganzen Welt anhaltend gute Absatzzahlen – bis heute. Mit Yamaha erlangt ab den 70er Jahren eine weitere japanische Firma weltweite Marktanteile.
In Deutschland treibt BMW (Bayerische Motoren Werke) besonders in den 80er Jahren die Motorradentwicklung weiter voran: Die Bayern führen den geregelten Katalysator bei Motorrädern ein, dazu das erste serienmäßige Anti-Blockier-System und wichtige Neuerungen in der Lenkanlage.
Mittlerweile sind Motoren-Laufleistungen von 100.000 Kilometern und mehr keine Seltenheit mehr. Moderne Motorräder der führenden Hersteller rangieren technisch durchweg auf hohem Niveau. Auch Motorräder mit Elektroantrieb werden inzwischen angeboten. Diese sind aufgrund der geringen technischen Leistung zwar eher als Alternative zum Fahrrad und Motorroller gedacht. Allerdings gibt es auch die ersten Rennserien mit Elektromotorrädern, bei denen 2011 Durchschnittsgeschwindigkeiten von bis zu 160 Kilometern pro Stunde erreicht wurden.
Eine Frage der Sicherheit
Von den 50 Millionen Fahrzeugen, die 2010 in Deutschland zugelassen waren, waren 3,7 Millionen Motorräder – ein Anteil von 7,4 Prozent. In der Verkehrstotenstatistik liegt der Anteil der Zweiradfahrer jedoch viel höher: Jeder fünfte Mensch, der 2010 bei einem Unfall ums Leben kam, fuhr Motorrad oder Moped. Die Gründe für die Zahlen liegen auf der Hand: Motorräder haben im Gegensatz zu Autos keine Knautschzone, der Fahrer ist trotz Helmpflicht viel gefährdeter. Dazu kommt, dass Motorradfahrer eher dazu neigen, sich und ihre Fähigkeiten zu überschätzen – über die Hälfte der schweren Motorradunfälle geschehen ohne Fremdeinwirkung.
2006 stattete Honda erstmals ein Motorrad mit einem Airbag aus, auch Anti-Blockier-Systeme gehören bei immer mehr Modellen zum Standard. Doch letztendlich kann die Technik Fahrfehler auf dem Motorrad nur sehr begrenzt auffangen. Automobilclubs raten deshalb Motorradfahrern zu regelmäßigen Sicherheitskursen und Trainingsstunden, in denen umsichtiges Fahren und das Verhalten in Gefahrensituationen geübt werden.
Andreas Grigo/Ingo Neumayer, Stand vom 16.05.2013
Sendung: Planet Wissen Extra - Sportlich und fit, 16.05.2013
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