Interview: Beton und seine Schattenseiten
Planet Wissen (PW): Ist Beton tatsächlich ein reines Naturprodukt?
Rainer Stasch (R.S.): Nein. Wie beim Kunststoff auch sind lediglich die Ausgangsstoffe natürlichen Ursprungs. Zement als Hauptbestandteil entsteht aus Kalk, Ton und weiteren Mineralien, die durch Brennen verschmolzen und anschließend gemahlen werden. Beim Brennen werden hochgiftige Schwermetalle wie Thallium, Cadmium und Quecksilber freigesetzt, die nur schwer aus der Abluft gefiltert werden können. Zudem werden Abfälle wie zum Beispiel Kunststoffe und Altreifen zur Energieerzeugung verbrannt. In Ländern, in denen niedrigere Umweltstandards gelten und deswegen auf Filtersysteme verzichtet wird, kann die Umwelt deshalb erheblich belastet werden.
PW: Beton gilt als besonders langlebig und strapazierfähig. Würden Sie das bestätigen?
R.S.: Beton ist, sofern er materialgerecht verarbeitet wird, langlebig. Wir kennen jedoch viele Betonbauwerke wie Brücken und Sichtbetonfassaden, die 20 Jahre nach ihrer Erstellung aufwendig saniert werden müssen, beziehungsweise eigentlich abgerissen gehören. Ein weiteres Problem: Beton ist zwar hoch druckfest, aber nicht zugfest. Das heißt, dass der Beton mit Stahlmatten und -stäben durchzogen werden muss. Denn nur diese Bewehrung gibt ihm die Zugfestigkeit, die er braucht, wenn er zum Beispiel über größere Entfernungen wie im Hausbau oder bei Brücken gespannt werden soll.
PW: Die Industrie wirbt damit, dass Beton vollständig recycelbar ist. Ist das tatsächlich der Fall?
R.S.: Das trifft nur zu, wenn der Beton, beziehungsweise Stahlbeton, sauber ausgebaut wird, wenn er also keine Dämmstoffe, Bitumenbahnen oder Giftstoffe wie Polychlorierte Biphenyle (PCB) enthält. Außerdem muss die Aufbereitungsanlage entsprechend technisch ausgerüstet sein. Häufig wird nur ein Downcycling betrieben, das heißt, ein technisch minderwertigerer Baustoff wie zum Beispiel Verfüllmaterial, das im Straßenbau Verwendung findet, wird aus dem Beton produziert. Eine weitere Gefahr sind verunreinigte Betonteile. Außerdem können Beschichtungen, Anstriche oder Fugenmassen PCB enthalten. Deshalb besteht die Gefahr, dass die Recyclingbaustoffe zu einer Schadstoffquelle werden.
PW: Es wird häufig bemängelt, dass Beton nicht "atmungsaktiv" ist. Welche Konsequenzen hat das?
R.S.: Vor allem die Sorptionsfähigkeit ist für Baustoffe im Innenraum ein Qualitätskriterium. Mit Sorptionsfähigkeit ist die Eigenschaft gemeint, Luftfeuchtigkeit aufzunehmen, zu binden und auch wieder abzugeben. Beton ist schlecht sorptionsfähig, wodurch "Feuchtespitzen" auftreten können. Das sind kurzfristige Erhöhungen der Luftfeuchtigkeit, zum Beispiel in Bädern oder in Schlafzimmern, die nachts nicht gelüftet werden. Baustoffe mit guter Sorptionsfähigkeit wirken ausgleichend auf das Raumklima, Beton kann dazu keinen Beitrag leisten.
PW: Worauf sollten Bauherren achten, wenn sie mit Beton bauen möchten?
R.S.: Im privaten Wohnungsbau werden vor allem die Platten, die auf dem Erdreich aufliegen und das Gebäude nach unten abschließen, die sogenannten Sohlplatten, sowie Geschossdecken aus Beton hergestellt. Um dem Beton die fehlende Zugfestigkeit zu geben, wird er mit Stahlmatten oder Stahlstäben durchzogen. Dabei sollte man darauf achten, dass im Bereich von Schlafplätzen möglichst wenig an Stahlbewehrung verlegt wird, um das natürliche Erdmagnetfeld nicht zu verändern. Hier ist der Statiker gefordert. Alternativ sind Bewehrungen mit nicht magnetisierbaren Stählen möglich.
PW: Gibt es gesundheitliche Risiken für Menschen, die sich tagtäglich in Räumlichkeiten aus Beton aufhalten?
R.S.: Es gibt zwar den Spruch "Beton macht krank". Gemeint ist damit jedoch eine brutale, kalte Architektur mit einer monotonen Formensprache, wie sie in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Großsiedlungen und Trabantenstädten angewandt wurde. Die beim Brennen des Zements entstehenden Schadstoffe bleiben allerdings im Baustoff gebunden und dünsten nicht aus.
Christiane Tovar, Stand vom 12.01.2010







