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Otto Schotts Glasrezeptur

Gläser für optische Zwecke , Brillen, Fernrohre und Mikroskope gibt es schon seit Jahrhunderten. Im 19. Jahrhundert kommen aber Klagen auf. Die herkömmlichen Linsen haben Blasen, Schlieren und auch winzige kleine Einschlüsse. Um die Naturwissenschaften voranzutreiben, taugen sie nicht. Der Feinmechaniker Carl Zeiss (1816-1888) interessiert sich für dieses Problem. Er weiß, dass die Professoren der Universität Jena schon lange nach leistungsfähigen Mikroskopen suchen. So beschließt er 1846 eine feinmechanische Werkstatt zu eröffnen. Zu diesem Zeitpunkt erscheint es noch unvorstellbar, die Krümmung einer Linse und die Größe ihres Durchmessers vorher entsprechend zu berechnen.

Schwarzweiß-Porträt von Otto Schott als älterer Mann mit Schnurrbart. (Rechte: Schott Glaswerke)

Otto Schott begründete die moderne Glaswissenschaft

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Dr. Abbes Mikroskope

Der Physiker Ernst Abbe (1840-1905), Privatdozent an der Universität Jena, kommt Anfang der 1860er Jahre zu Zeiss, um Reparaturen an einem Mikroskop in Auftrag zu geben. Die beiden Männer kommen ins Gespräch und der Physiker erklärt dem Feinmechaniker, dass es eigentlich gelingen müsste, eine Linse je nach gewünschten Anforderungen im Voraus zu berechnen.

Zeiss glaubt dem Theoretiker und bietet ihm eine Zusammenarbeit an. So beginnt Abbe nebenbei als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Zeiss'schen Werkstatt mit der Berechnung von Linsen. Zehn Jahre später kann Zeiss das erste Sortiment von "Professor Dr. Abbe's theoretisch vorausberechneten Mikroskopobjektiven " anbieten. Ein Problem aber bleibt: Was nützt die präziseste Arbeit, wenn die Glasqualität der Linsen nach wie vor mangelhaft ist? Flaschen- und Fensterglas sind optisch fehlerhaft. Ein besseres Glas gibt es aber nicht.

Fieberthermometer und Laborgläser

Die Klagen über schlechtes Glas kommen auch aus anderen Bereichen der Naturwissenschaft. So taugt zum Beispiel auch das Laborglas der Chemiker wenig. Die Gefäße zerspringen schon bei relativ geringem Temperaturwechsel. Das Hauptproblem hat aber die Medizin. Die Fieberthermometer sind völlig ungenau, weil sich die Eigenschaften des Glases nicht berechnen lassen.

Ein Vergrößerungsglas auf der handgeschriebenen Rezeptur von Otto Schott. (Rechte: WDR Freeze)

Schott's Rezeptur für ein optisches Glas

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Ein Chemiker macht Glas

Otto Schott (1851-1935), ein junger arbeitsloser Chemiker, hat in seiner Studienzeit in Leipzig von Abbes Forderungen nach neuen optischen Gläsern gehört und beginnt erstmals auf mit wissenschaftlichen Glasschmelzversuchen. In einem kleinen Privatlabor im elterlichen Hause in Witten an der Ruhr entdeckt er, dass die Beschaffenheit des Glases chemisch beeinflussbar ist. Er findet heraus, dass die Mischung bestimmter Grundstoffe zu bestimmten Glasqualitäten führt. Schott experimentiert immer wieder mit anderen Grundstoffmischungen. Als er eine Probe Lithiumglas geschmolzen hat, ist er davon überzeugt, dass es für die optische Industrie von großem Interesse sein könnte. Am 27. Mai 1879 schickt er dem Jenaer Professor Abbe sechs Glasproben und einen ersten Brief:

Ein handgeschriebener Brief in altdeutscher Schreibschrift. (Rechte: WDR Freeze)

Brief von Otto Schott an Ernst Abbe vom 27. Mai 1879

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Brief von Schott an Abbe 1879

"Witten, den 27. Mai 1879
Herrn Professor Dr. Abbe, Jena
Hochgeschätzter Herr !
Vor kurzem stellte ich ein Glas her, in welches eine beträchtliche Menge Lithium eingeführt wurde und dessen spezifisches Gewicht verhältnismäßig niedrig war. Ich vermute, daß das bezeichnete Glas nach irgendeiner Richtung hervorragende optische Eigenschaften aufweisen wird, und wollte mir hierdurch erlauben, bei Ihnen anzufragen, ob Sie bereit sind, dasselbe zu prüfen oder von einem Ihrer Praktikanten auf Brechung- und Zerstreuungsverhältnisse insoweit untersuchen zu lassen, als sich daraus ergibt, ob meine Vermutung zutrifft.
Mit ausgezeichneter Hochachtung und Ergebenheit
Dr. Otto Schott, Witten"

Borosilicatglas heißt das Zauberwort

Der Jenaer Physikprofessor erkennt sofort, dass Schott das Handwerk auf eine neue, wissenschaftliche Basis stellt. Vereinbarungsgemäß schickt er nun fortlaufend Glasproben nach Jena, bis er drei Jahre später in die thürinigische Stadt übersiedelt. Alle Experimente schreibt Schott in sein Schmelzbuch. Schließlich entwickelt er einen völlig neuen Glastyp, das Borosilicatglas. Dieses Glas hat eine bis dahin nie erreichte optische Qualität. Die Welten der Kleinstlebewesen öffnen sich fortan den Wissenschaftlern. Unter dem neuen Mikroskop entdeckt der Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) beispielsweise 1882 den Tuberkelbazillus.

Erstes glastechnisches Laboratorium

Schott, Abbe und Zeiss tun sich nun zusammen und gründen 1884 das "Glastechnische Laboratorium Schott und Genossen" in Jena. Staatliche Förderungsmittel werden bereitgestellt, allerdings nicht ohne Auflagen. Für besonders dringlich hält man die Entwicklung eines beständigen Thermometerglases, was Schott tatsächlich noch im gleichen Jahr anbieten kann. Eine weitere Auflage ist, ein Laborglas zu entwickeln, das hitzebeständig ist und wechselnde Temperaturen aushält. Auch das gelingt.

Lampen und Kochgeschirr

Den wirtschaftlichen Aufschwung erlebt das Unternehmen, das mit dem optischen Glas begann, aber erst durch die massenhafte Herstellung von Zylindern für die Gasbeleuchtung. Mit den gleichen Eigenschaften wie das Laborglas, bleibt es lange Zeit weltweit einzigartig. Ein weiterer lukrativer Markt eröffnet sich in den 1920er und 1930er Jahren: Haushaltsgeschirr und Kaffeemaschinen aus hitzebeständigem Glas.

Bärbel Heidenreich, Stand vom 29.12.2010

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