Interview mit Rudolf Strahm
Planet Wissen (PW): "Jute statt Plastik" war ab Mitte der 70er Jahre der Slogan einer ganzen Generation. Was steckte dahinter?
Rudolf Strahm (R.S.): Mit der "Erklärung von Bern" suchten wir in der Schweiz nach einer Verbindung des Solidaritätsgedankens mit den Drittweltländern und dem aufkommenden Umweltbewusstsein im Westen. Die Jutetaschenaktion wurde zum Symbol für Natürlichkeit, Umweltverträglichkeit, fairen Handel, internationale Solidarität, umweltgerechtes Handeln bei uns – sie war ein Entwicklungsbeitrag. Ehrenamtliche verkauften Jutetaschen, verbunden mit Informationen über Bangladesh und über den Rohstoffverbrauch bei der Plastiktüten-Produktion und die Umweltbelastungen.
PW: Was wollte man erreichen?
R.S.: Man wollte zeigen, dass Jute zum einen armen Frauen in Bangladesh helfen kann und zudem Plastik und seine Giftstoffe ersetzen kann. Damals war PVC noch sehr verbreitet und das war beim Verbrennen hochgiftig, heute ist das zu großen Teilen verschwunden. Man wollte zeigen, dass Solidarität, fairer Handel mit natürlichen Materialien möglich ist und die Plastikstoffe ersetzt werden können.
PW: Wo und wie wurde die Jutetasche hergestellt?
R.S.: Bangladesh hatte sich zuvor in einem blutigen Krieg von Pakistan abgelöst und wurde dann von einer Flutkatastrophe heimgesucht. Wir arbeiteten mit Frauenkooperativen auf sehr einfachem technischem Niveau, sie hatten anfangs nicht einmal Nähmaschinen. Jute verarbeiten war dort jedoch Tradition. Die Frauen wurden durch diese Arbeit selbstständiger, haben Geld nach Hause gebracht. Millionen von Taschen wurden im Laufe der Jahre nach der Schweiz, Deutschland, Holland und Frankreich geliefert.
PW: Heute werden laut Umweltbundesamt jährlich mit 5,3 Milliarden sogar mehr Plastiktüten hergestellt als noch 1978. Erfährt "Jute statt Plastik" neuen Aufschwung?
R.S.: Zwar ist der Plastikkonsum nicht weniger geworden, aber die giftigen Polymere sind zurück gegangen, PVC, also Polyvinylchlorid ist jetzt verboten, die giftigen sauren Giftstoffe beim Verbrennen entstehen nicht mehr. Es wurde ersetzt durch Polyaethylen. Und es gibt heute in manchen Ländern starke Recyclingstrukturen (zum Beispiel für PET-Flaschen, Batterien, Glas, Papier etc), vormals herrschte nur eine Wegwerfmentalität. Die ganze Kampagne war eine Bewußtseinsaktion für ein neues Umweltbewusstsein, selbst zu handeln, aktiv unseren Lebensstil zu verändern. Auch die Fair Trade Labels haben sich verfestigt, selbst europäische Großimporteure benützen heute Fair Trade-Kennzeichen.
PW: Wird es zu einem Plastiktütenverbot kommen?
R.S.: An ein Plastiktütenverbot denke ich nicht, aber sämtliche Chlor- und Cadmium-haltigen Kunststoffe mussten verschwinden, weil sie beim Verbrennen Umweltgifte freisetzen. Deutschland und die EU sind viel strenger geworden. Unsere Regierungen wären nie von selbst aktiv geworden. Nur durch die Zivilgesellschaft, die NGOs und Bürgerinitiativen, haben sie diese Schritte getan. Und die Jute-Tasche wirkt bis heute an den Supermarktkassen nach, sie wurde abgelöst vom Baumwollbeutel.
Interview: Almut Röhrl, Stand vom 06.12.2010
Sendung: Leben mit Kunststoff - Von Nylonstrümpfen, Plastikstühlen und Müllbergen , 24.11.2011





