Athen

Schwarzweiß-Zeichnung: Rekonstruktion der Akropolis

Antike

Athen

"Athen ist der einzige Ort", so hat es der stolze Staatsmann Perikles auf den Punkt gebracht, "an dem ein unpolitischer Mensch nicht als ein stiller, sondern als ein schlechter Bürger gilt."

Am Anfang war ein Aufstand

Zwischen 508 und 322 vor Christus gehorchen die Athener zum ersten Mal keinem König, keiner Adelskaste, keinem Tyrannen mehr, sondern nur sich selbst – und das mit solcher Konsequenz und Leidenschaft, dass diese Zeit in der Geschichte der Demokratie bis heute als Glücksfall dasteht. Allerdings: Frauen und Sklaven bleiben außen vor.

Wir schreiben das Jahr 508 vor Christus. Isagoras, oberster Beamter Athens und Günstling des Adels, hat sich auf dem Burgberg verschanzt – gemeinsam mit Kleomenes, dem König von Sparta, der ihm zu Hilfe geeilt ist. Rufe der Missbilligung dringen durch die dicken Mauern: Tausende Athener haben sich spontan an den Hängen der Akropolis versammelt und machen ihrem Zorn Luft.

Steiniges Felsplateau mit Touristen, im Hintergrund die Akropolis

Der Areopag: Von diesem Hügel aus herrschte der Adel

Zwar hat der Spartaner Kleomenes erst zwei Jahre zuvor die Stadt von der Tyrannenherrschaft befreit, nun aber sollen mit seiner Unterstützung wieder die alteingesessenen Adelsfamilien zurück an die Macht gelangen. Doch das Volk will endlich selbst sein Schicksal in die Hand nehmen. Nach drei Tagen müssen sich die Belagerten geschlagen geben und flüchten aus der Stadt.

Wie kommt es, dass in der griechischen Antike ausgerechnet Athen den Weg zur Demokratie einschlägt – anders als beispielsweise Sparta, dessen Bürger sich mit ihrer politischen Machtlosigkeit abfinden? Die Antwort ist auf den Feldern rings um die Stadt zu suchen. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus wächst die Bevölkerung so rasant, dass die Höfe jedes einzelnen Bauern immer kleiner ausfallen.

Viele müssen sich bei reichen Adligen Geld borgen, arbeiten fortan als Schuldknechte oder werden von ihren Gläubigern in die Sklaverei verkauft. Aufstände brechen los – bis der Athener Solon 594 vor Christus als Schlichter angerufen wird. Erstmals beteiligt er die einfachen Leute an der Macht: Die Volksversammlung, das Treffen aller Athener, und das Volksgericht stehen fortan jedem offen. Nur politische Ämter sind noch an ein Mindesteinkommen gebunden. Errungenschaften, die der Tyrann Peisistratos 50 Jahre später schnell wieder kassiert – doch ein Anfang ist gemacht.

Kleisthenes reformiert das Staatswesen

Grobe, in Stein gehauene Stufen führen einen Hügel hinauf.

Wo einst das Volk tagte, sind heute nur Ruinen übrig

Wiederum 50 Jahre später, nach der erfolgreichen Belagerung des Burgbergs, schlägt dann endgültig die Stunde der Demokratie. Diesmal gießt der Beamte Kleisthenes den Protest der Athener in konkrete Reformvorhaben – und gilt seither als Begründer der attischen Demokratie. Um das Jahr 507 vor Christus schafft er eine neue Instanz, den "Rat der 500": Er soll künftig die Beschlüsse der Volksversammlung vorbereiten und macht sie damit erstmals zu einem handlungsfähigen Gremium.

Und noch wichtiger: Die Ratsmitglieder werden nicht gewählt, sondern durch das Los bestimmt – jedes Jahr aufs Neue. Genauso ist es beim Volksgericht, bei den obersten Richtern, Archonten genannt, und bei den Beamten: Sie alle werden ausgelost. So ist sichergestellt, dass die Verantwortung nicht wie früher in der Hand einiger weniger verbleibt.

Hier hat also seine Wurzeln, was mehr als zwei Jahrtausende später beispielsweise die "Grünen" ausprobieren sollten: Das sogenannte Rotationsprinzip, mit dem zumindest in der Theorie immer wieder andere Parteimitglieder an die Macht gelangen sollen.

Das bürgerliche Selbstbewusstsein wächst

In den folgenden Jahrzehnten füllen die Athener die neu geschaffenen Institutionen erfolgreich mit Leben. Mit der Seeschlacht von Salamis (480 vor Christus) enden die Perserkriege siegreich für den Stadtstaat – nicht zuletzt dank der überlegenen Athener Flotte und ihrer Ruderer. Zumeist eher ärmliche Leute, nehmen diese nun immer selbstbewusster ihren Platz in der Politik ein. Und das neue Antlitz der Stadt bestärkt sie darin.

Das klassische Athen aus der Vogelperspektive

Akropolis, Agora und Pnyx

Betritt man Athen beispielsweise von Südwesten, so fällt einem sofort die Pnyx am Rande des Marktplatzes ins Auge. In diesem herrschaftlichen Bau werden 40 Mal im Jahr die Volksversammlungen abgehalten. Jeder männliche Bürger über 18 Jahre darf teilnehmen – und entsprechend lebhaft geht es zu. Den meisten Überlieferungen zufolge hat jeder, unabhängig von Alter und Herkunft, tatsächlich die Chance, in die Debatte einzugreifen.

Denn um die Dominanz besonders wortmächtiger Redner zu brechen, darf man pro Thema nur einmal sprechen. "Jeder steht auf und beratschlagt mit", so schreibt etwa Platon im "Protagoras": "in gleicher Weise Zimmermann, Schmied, Schuster, Kaufmann, Schiffseigner; arm wie reich; von hoher und niedriger Abstammung."

Von Stimmen und Scherben

Inhaltlich sind den Diskussionen ebenso wenig Grenzen gesetzt. Die Volksversammlung streitet über die Aufrüstung der Flotte genauso wie über den Preis der öffentlichen Theateraufführungen oder den Bau neuer Kultstätten auf der Akropolis. Außerdem wird die Arbeit der politischen Amtsinhaber überprüft.

Drei Tonscherben – auf der obersten ist der Name 'Aristeides' eingeritzt.

Mit diesen Scherben wurde der Feldherr Aristeides verbannt

Gibt es Beweise für Machtmissbrauch oder begründete Furcht vor einem Putsch, kann der Verdächtigte per Abstimmung für zehn Jahre aus Athen verbannt werden. Dabei müssen die Stimmberechtigten seinen Namen auf eine Scherbe ritzen - daher der Begriff des sprichwörtlich gewordenen "Scherbengerichts".

Dass die attische Demokratie gerade auch wegen dieses Instruments bisweilen populistisch aus dem Ruder läuft, ist seitdem immer wieder behauptet worden. Allerdings ziehen schon allein die Gesetze den Athenern enge Grenzen.

So kann etwa nur einmal im Jahr ein Scherbengericht abgehalten werden, und das auch nur, wenn mindestens 6000 Stimmberechtigte – etwa ein Fünftel aller Vollbürger – anwesend sind. Zudem zeigt sich die Volksversammlung selbst oft sehr besonnen und revidiert allzu hektisch gefasste Beschlüsse im Nachhinein: So mancher Verbannte ist offenbar nach kurzer Zeit wieder in die Stadt zurückgeholt worden.

Das dunkle Geheimnis des Athener Wohlstands

Porträtbüste des Perikles aus Marmor: ein bärtiger Mann, der einen Kriegshelm trägt.

Perikles führte in Athen Diäten ein

Angreifbar ist die direkte Demokratie Athens aus einem ganz anderen Grund: Je nach Schätzung sind lediglich zwischen 15 und 20 Prozent der Bevölkerung überhaupt zur Teilnahme am politischen Leben berechtigt. Frauen sind aufs Haus beschränkt. Den zahlreichen Sklaven wird zwar zumeist Respekt entgegengebracht, einige schaffen es sogar, sich freizukaufen – an der Volksversammlung teilnehmen dürfen sie nicht.

Mindestens ebenso strikt geht Athen mit den zahlreichen Einwanderern um, die in der Stadt leben. Grundbesitz ist ihnen verwehrt, sie müssen eine Kopfsteuer entrichten, und die Vollbürgerschaft erlangen nur wenige von ihnen – und das, obwohl das Wirtschaftsleben ohne sie nicht auskommen könnte.

Bis heute wird in der Antikenforschung heiß diskutiert, ob den Athenern ihr vergleichsweise zeitraubendes politisches Engagement ohne die Arbeit von Sklaven und Frauen überhaupt möglich gewesen wäre: hielten diese doch den Alltag am Laufen, während die stimmberechtigten Männer munter auf dem Marktplatz diskutierten.

Ein Gegenargument sind die Diäten, die Perikles, einer der wichtigsten Staatsmänner Athens, eingeführt hat: Er lässt jedem Teilnehmer der Volksversammlung ein Honorar auszahlen. Damit ist eigentlich niemand mehr darauf angewiesen, dass andere seinen Verdienstausfall ausgleichen. Trotzdem zeugt diese Frage vom blinden Fleck der Athener Freiheitsliebe.

Ein Ende und ein Anfang

Wandgemälde: Aristoteles und seine Schüler

Aristoteles und seine Schüler

Was schließlich das Ende der attischen Demokratie einläutet, ist schnell erzählt. Athen übersteht den Peloponnesischen Krieg gegen Sparta (431 bis 404 vor Christus) und hält sich selbst dann noch, als Alexander der Große von Makedonien aus stetig seine Macht ausbaut.

Dem Ansturm von Alexanders Nachfolger Antipatros müssen sich die stolzen Demokraten dann allerdings geschlagen geben. Nach mehreren Niederlagen sowohl der Athener Flotte als auch der Landstreitkräfte besetzt Antipatros 322 vor Christus den Athener Hafen Piräus und etabliert von dort aus eine Oligarchie – eine Herrschaft der Vermögenden, die mehr als eineinhalb Jahrhunderte Volksherrschaft beendet.

In ihrer Wirkung kann die attische Demokratie jedoch kaum überschätzt werden. Viele demokratische Bewegungen der Moderne sollten sich später auf sie berufen. Und eins steht ohnehin fest: Mit den während dieser Zeit gebauten Tempeln der Akropolis, mit Philosophen wie Sokrates, Platon und Aristoteles, mit den Tragödien von Sophokles und den Komödien von Aristophanes prägt diese ebenso kurze wie lebendige Zeit bis heute unser Bild vom antiken Griechenland.

Weiterführende Infos

Autor/in: Kerstin Hilt

Stand: 07.02.2012, 12:00

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