Sokrates

Das klassische Athen

Sokrates

Wann immer sich auf dem Marktplatz von Athen eine Menschenmenge bildet, ist die Chance groß, dass in ihrer Mitte ein bärtiger Mann mit zerfurchter Stirn zu finden ist. "Philo-soph" nennt er sich, Freund der Weisheit, und was er anzubieten hat, gibt es umsonst: Gespräche über die Tugend, die Seele, die Gerechtigkeit. Sokrates (469 bis 399 vor Christus) gilt heute als Begründer der Philosophie - und war für manche Athener doch kaum mehr als ein wunderlicher Streuner.

Sokrates wird zum Tode verurteilt

Ein so großes Publikum hat Sokrates selten: 501 Geschworene haben sich eingefunden, um zu hören, was der stadtbekannte Philosoph zu seiner Verteidigung vorzubringen hat. "Missachtung der Götter" und "Verführung der Jugend", so lautet die Anklage - am Pranger steht allerdings Sokrates' ganze Lebensweise: seine Respektlosigkeit allen Autoritäten gegenüber. Sein scheinbar zielloses Umherschweifen auf dem Marktplatz, immer bereit für ein gutes Gespräch, aber offenbar ohne das Bedürfnis, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Schnell ist klar, dass es auf ein Todesurteil hinauslaufen könnte. Aber was macht Sokrates? Kein Entgegenkommen, keine Entschuldigung, kein Bitten um Mitgefühl - nichts Derartiges kommt ihm über die Lippen.

Gemälde: Sokrates auf einer Liege im Gefängnis, umringt von Schülern und Freunden.

"Der Tod des Sokrates": Gemälde von Jacques Louis David

Stattdessen stellt er seine Ankläger bloß, verwickelt sie in einen Disput, an dessen Ende der Beweis ihrer Gedankenlosigkeit und Unvernunft steht. "Solange ich atme und Kraft habe, werde ich nicht ablassen zu philosophieren und euch zu befeuern", sagt Sokrates. Danach ist sich das Gericht schnell einig: Tod durch den Schierlingsbecher. Später, in der Haft, wird ihn Sokrates offenbar in vollständigem Gleichmut leeren - im Kreis seiner Freunde und Weggefährten, die ihn bis zuletzt zur Flucht überreden wollen. Sokrates weist das von sich. Unrecht tun, also sich der Strafe zu entziehen, sei schlimmer als Unrecht erleiden, also die Strafe auf sich nehmen.

Sokrates' Schüler überliefern seine Lehre

Sokrates mag zwar als Gründervater abendländischer Philosophie gelten, doch er ist ein Philosoph ohne Werk. Keinen einzigen seiner Gedanken hat er je niedergeschrieben, weswegen so mancher Historiker sich sogar schon zu der kühnen These aufgeschwungen hat, Sokrates habe nie existiert. Dagegen spricht allerdings, mit welcher Akribie seine Schüler in ihren Werken ein Bild von ihm zeichnen - insbesondere Platon und Xenophon.

Blick auf den Marktplatz von Athen von oben, so, wie er heute aussieht: vereinzelte kaputte Säulen.

Der Marktplatz von Athen: hier philosophierte Sokrates

Platon geht sogar so weit, seine eigene Philosophie seinem Lehrer Sokrates gewissermaßen in den Mund zu legen. Platons Schriften sind in Form von Dialogen verfasst, die Sokrates mit anderen Athenern führt - ein Zeichen des Respekts gegenüber dem geistigen Ziehvater, aber auch eine geschickte Vereinnahmung. So gelten in der Forschung heute lediglich Platons frühe Dialoge als einigermaßen verlässliche Darstellung von Sokrates' Denken. In den späteren Werken sei es eindeutig Platon selbst, der spricht.

Eins ist jedenfalls sicher: Die schwierige Überlieferungslage führt direkt ins Herz Sokratischen Denkens. Für Sokrates bedeutet Philosophieren nämlich nicht, sich in die Studierstube zurückzuziehen, sondern seine Gedanken im Dialog zu entwickeln, gemeinsam mit anderen - und zwar dort, wo Athen sein gesellschaftliches und politisches Zentrum hat: auf dem Marktplatz.

Was ist Philosophie? Wie Sokrates argumentiert

"Hebammenkunst", Mäeutik, so nennt Sokrates (übrigens Sohn einer Hebamme) seine Art, Gespräche zu führen - sozusagen eine geistige Geburtshilfe, die das Gegenüber durch gezieltes Fragen selbst Schlüsse ziehen lässt, statt nur zu belehren. Für Sokrates' Verständnis der Philosophie bedeutet das zweierlei. Zum einen kann Philosophie nicht in der Suche nach einer unumstößlichen, letztgültigen Wahrheit bestehen. Vielmehr muss sich jedes Ergebnis, zu dem das Denken gelangt, wieder neuen Zweifeln, Anfechtungen, Nachfragen stellen. Jedes Wissen ist immer nur vorläufig. "Ich weiß, dass ich nichts weiß", so bringt Sokrates dieses Dilemma aller Erkenntnis auf den Punkt.

Gemälde: Sokrates im Kreis seiner Schüler.

"Sokrates und Schüler" – Gemälde von Gustav Spangenberg

Zum anderen heißt das auch, dass wirkliche Erkenntnis nur in der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber gewonnen werden kann. Damit ist Philosophieren immer auch ein Dienst an der Gemeinschaft. Es vollzieht sich im öffentlichen Raum und bezieht sich auf öffentliche Angelegenheiten. So liefert sich Sokrates besonders gerne Wortgefechte mit ehrgeizigen Jungpolitikern - vielleicht eine Angewohnheit, die ihn später das Leben kosten wird: Gehören doch drei seiner Schüler später zu den "Dreißig Tyrannen", die nach der Niederlage Athens gegen Sparta im Jahr 404 vor Christus die Demokratie in der Stadt für einige Zeit aushebeln werden - freilich ohne Sokrates' Billigung. Einiges spricht dafür, dass der Anklagepunkt "Verführung der Jugend" auf diesen Umstand zurückgeht.

Sokrates über Staat und Gerechtigkeit

Dass Sokrates einer der eifrigsten Verfechter der Athener Demokratie ist, zeigt ein von Platon überlieferter Dialog über die Gerechtigkeit. Darin behauptet der Sophist Thrasymachos, das Gerechte sei das dem Stärkeren Zuträgliche. Gleichzeitig, so behauptet er, sei es gerecht, dass die Schwächeren - in einem Staatswesen also die Regierten - den Regierenden Gehorsam leisteten. Sokrates stellt eine scheinbar harmlose Gegenfrage: Könnten sich denn die Stärkeren, die Regierenden auch irren? Natürlich, antwortet Thrasymachos - und gibt Sokrates damit die Möglichkeit, seine ganze Argumentation aus den Angeln zu heben.

Denn wenn sich die Regierenden irren könnten, so fährt Sokrates fort, dann müsse es den Regierten doch auch erlaubt sein, sich gegen Fehlentscheidungen zu wehren. Ansonsten müssten ja die Regierten, also die Schwächeren, etwas tun, das den Stärkeren in Wahrheit abträglich ist. Thrasymachos beginnt an seiner These zu zweifeln. Also holt Sokrates zu einem weiteren Argument aus: Sei man wirklich von seiner Sache überzeugt, so wolle man nicht nur das eigene Beste, sondern vor allem das Beste des Gegenübers - so etwa im Falle des Arztes, der den Nutzen des Kranken und nicht den Eigennutz im Sinn habe.

Dem muss Thrasymachos zustimmen, und so kann Sokrates per Analogieschluss behaupten: Wie ein guter Arzt handle ein gerechter Regierender nicht im eigenen Interesse - also gewissermaßen nach dem Recht des Stärkeren -, sondern im Interesse der Regierten. Damit ist Thrasymachos' These, die Gerechtigkeit sei allein das dem Stärkeren Zuträgliche, widerlegt. Allerdings muss Sokrates am Ende zugeben, dass er trotz des langen Gesprächs noch immer nicht wisse, was denn nun eigentlich das Wesen der Gerechtigkeit ausmache.

Sokrates' Vermächtnis

Mit seiner Scheu vor letzten Wahrheitsansprüchen beweist Sokrates eine Art von intellektueller Redlichkeit, wie sie vielen seiner Nachfolger fehlen wird: Bei ihm ist das Philosophieren ein offener Prozess und nicht die Arbeit an einem hermetischen Gedankengebäude, das sich selbst nicht mehr in Zweifel zieht.

Genau das macht ihn zwei Jahrtausende nach seinem Tod wieder für die Philosophen der Neuzeit interessant. Dem französischen Aufklärer Jean-Jacques Rousseau etwa dient Sokrates mit seiner bewusst naiven Fragetechnik als Kronzeuge gegen die moderne Zivilisation, in der, so Rousseau, Erziehung und Bildung die Menschen verdorben habe. "Dieser gerechte Mann", da ist sich Rousseau sicher, "würde unsere eitlen Wissenschaften verachten!"

Sokrates-Statue vor der Akademie in Athen.

Erkenne dich selbst! Sokrates-Statue in Athen

Sokrates selbst hätte solche großen Worte wohl vermieden. Die Inschrift am Orakel von Delphi - "erkenne Dich selbst!" - war auch sein demütiger Wahlspruch; und sogar als es auf den Tod zuging, hatte er immer noch den Mut zuzugeben, dass er nicht genau wisse, ob seine Seele weiterleben würde oder nicht. Sokrates' Vermächtnis lässt sich also am besten aus seinen letzten Stunden ablesen: Mutig sein im Denken - und nie das Zweifeln aufgeben.

Autor/in: Kerstin Hilt

Stand: 07.02.2012, 12:00

Darstellung: