Harm Paulsen – Vorreiter der Experimentalarchäologie

Methoden der Archäologie

Harm Paulsen – Vorreiter der Experimentalarchäologie

Harm Paulsen hat mit zahlreichen Experimenten das Leben unserer steinzeitlichen Vorfahren erforscht. Er baute Jagdwaffen, steinzeitliche Arbeitsgeräte und überquerte mit dem Einbaum die Ostsee. So konnte er klären, wie Dinge entstanden und wie sie genutzt wurden. Doch diese Herangehensweise stieß bei Fachkollegen nicht immer auf Gegenliebe. Zunächst oft kritisch beäugt wegen seines ungewöhnlichen Zugangs zur Wissenschaft, zählt Harm Paulsen heute zu den Vorreitern der Experimentalarchäologie.

Planet Wissen: Herr Paulsen, Sie gelten als einer der Pioniere der Experimentalarchäologie. Was unterscheidet Sie von "normalen" Archäologen?

Harm Paulsen: Wenn Ausgrabungen gemacht werden, gibt es dort viele Funde, die typologisch eingeordnet werden können, und man weiß, aus welchem Material sie gefertigt sind. Aber eines weiß man nicht: Wie funktionieren die und wie wurde damit gearbeitet? Wenn man diese Funde, beispielsweise Arbeitsgeräte, nachbaut und versucht diese zu benutzen, dann spricht man von Experimentalarchäologie. Ein Kriterium ist für mich der professionelle Umgang mit dem Material. Das heißt, dass ich zunächst die Äxte aus Feuerstein selbst herstelle und dann wie damals - ohne modernes Hilfswerkzeug - ein Boot baue. Der Einbaum soll nicht nur so aussehen wie in der Steinzeit, er soll auch so funktionieren.

Wie kam es dazu, dass Sie sich für experimentelle Archäologie interessiert haben?

Archäologie - das war immer das Tollste, das ich mir vorstellen konnte - von klein auf. Als ganz kleiner Junge habe ich immer bei meiner Oma auf dem Teppich gelegen und habe ihre Bücher verschlungen. Dabei war ein altes Lexikon, Meyers kleines Konversationslexikon, mit herrlichen alten Stichen und Tafeln über Archäologie. Die fand ich toll, die habe ich heute noch vor Augen.

Pfahlbauten in einem See.

Steinzeitliche Pfahlbauhäuser am Bodensee

Da sah man zum Beispiel ein Pfahlbauhaus. Und dann habe ich beschlossen, so ein Haus im Teich selbst zu bauen. Das hat natürlich nicht funktioniert, aber das war prägend. Ich hatte immer schon den Traum, selbst solche Dinge nachzubauen. Später habe ich mich dann mit den steinzeitlichen Indianern beschäftigt, mich mit ihrer Kultur vertraut gemacht und mir angeschaut, wie sie zum Beispiel ihre Bögen gemacht haben.

Diese Kindheitsträume legen nahe, dass Sie gerne Archäologie studiert hätten. Haben Sie aber nicht. Warum?

Das stimmt. Ursprünglich wollte ich Archäologie studieren, aber meine Oma meinte, "was nützt der Titel, wenn du hast kein Lebensmittel". Archäologie war damals eine brotlose Kunst und der finanziell vielversprechendere Beruf des Radarelektronikers hat mich auch interessiert. Also habe ich das gelernt. Dann hatte ich einen schweren Unfall und das Schicksal hat mich wieder in die Archäologie katapultiert - als Angestellter im schleswig-holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf. Da ich nicht studiert habe, hatte ich immer eine andere Herangehensweise an archäologische Fragestellungen als die klassische Wissenschaft. Mein Wissen habe ich nicht im Rahmen eines Studiums, sondern als Seiteneinsteiger erworben.

Lange Zeit bekamen Sie ordentlich Gegenwind aus der Fachwelt. Warum?

Das Bild zeigt die weißgetünchte, barocke Fassade des Schlosses.

Landesmuseum Schloss Gottorf

Ich war wirklich ein Sonderfall. Nichts gegen die Universität, aber da wurde in den 70er Jahren traditionell ausgebildet, salopp gesagt, das hielt ich für Antiquitätenkunde im Elfenbeinturm. Während meiner Anstellung damals - ich bin schon seit den 60er Jahren im archäologischen Dienst - haben mir viele Wissenschaftler vorgeworfen, das sei doch keine ernsthafte Archäologie, was ich betriebe. Mit meinen Experimenten würde ich nur "rumspielen". Sie warfen mir vor: "Herr Paulsen, was Sie da machen, ist unserer Archäologie nicht würdig. Wir sind Geisteswissenschaftler. Was Sie machen, ist eine Flucht ins Manuelle." Da musste ich leider sagen, dass alles, was die Archäologie untersucht, manuell gefertigt worden ist. Tatsächlich war ich der Vorkämpfer, in einer Zeit, in der Experimentalarchäologie noch ein Fremdwort war.

Wie sieht die Zusammenarbeit heute an den Universitäten aus?

Heute ist das glücklicherweise nicht mehr so, das hat sich sehr gewandelt, und die Experimentalarchäologie ist als eigener wissenschaftlicher Zweig etabliert. Es gibt mittlerweile viele Universitäten, die Experimentalarchäologie anbieten. Viele der Studenten von damals, die bei mir waren, sind heute Fachleute an den Universitäten. Das macht mich ein bisschen stolz.

Heute gelten Sie vor allem als Experte für die Steinzeit…

Das stimmt aber nur zum Teil. Ich finde die Steinzeit sehr spannend, aber ich befasse mich auch mit anderen Kulturen der Vorzeit wie zum Beispiel der Bronzezeit. Mein besonderes Interesse gilt aber tatsächlich dem Herstellen alter Steingeräte. Das hat mir den Spitznamen "Harm Feuerstein" eingebracht und meinen Ruf als Steinzeit-Experte gefestigt.

Eine Ihrer Leidenschaften ist das Bogenschießen. Welche Ergebnisse erzielen Sie mit Ihren Experimenten?

Ich selbst bin mit dem Bogen groß geworden. Wenn irgendwo ein Bogen gefunden wird, dann wird in der Archäologie zunächst der Typ, das Alter, die Holzart und die kulturelle Zusammengehörigkeit festgestellt. Irgendwann bekommt das Stück eine Nummer und wird ins Magazin gelegt. Dann fängt meine Arbeit eigentlich erst an.

Harm Paulsen

"Bin mit dem Bogen groß geworden"

Ich hole mir den Bogen und unterziehe ihn nochmals einer genauen Untersuchung. Dann baue ich die Waffe aus identischem Holz mehrfach nach. Mehrere Bögen sind wichtig, damit ich einen eindeutigen Beweis habe. Mit den fertigen Bögen schieße ich auf alles, was nicht schnell genug läuft und zwei Ohren hat! (lacht) Aus den Schussergebnissen errechne ich später den Mittelwert. Jeder Holzbogen ist verschieden und quasi ein Individuum. Mein Experiment liefert Zusatzinformationen, die Archäologen nicht aus dem Fund herauslesen können. Ich weiß somit, wie die Waffe funktioniert. Aber was der Mensch in der Steinzeit über den Bogen dachte, bleibt auch mir verborgen.

Mit unserem heutigen globalen Denken, kann man sich damit überhaupt die Lebensumstände unserer Vorfahren vorstellen, auch wenn man Techniken von damals beherrscht?

Ein Steinzeitfischer steht in einem Boot am Ufer und fängt im Schilf Fische.

Alles andere als dumm und primitiv

Das ist kein Problem der Technologie, sondern ein Problem der "Software", die wir im Kopf haben. Das Gehirn der Menschen von heute ist randvoll mit Wissen, mit dem man in der Steinzeit nichts anfangen kann. Wir in unserer hochtechnisierten Welt denken immer, dass die Steinzeitmenschen dumm und primitiv waren. Das stimmt aber nicht. Die hatten damals in der Steinzeit 100 Prozent ihrer Gehirnkapazität frei für ein Wissen, das wir heute gerne hätten. Dazu zählen Erfahrungen von vielen Jahrtausenden: Die Steinzeitmenschen hatten möglicherweise 30 Worte für den Wind, 50 für den Schnee, sie kannten jeden Grashalm. Das Wissen, das wir heute haben, reicht für ein Leben in der Steinzeit nicht aus.

Autor/in: Interview: Sandra Kampmann

Stand: 15.06.2011, 13:00

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