Deutsche Kolonien

Weiße Mutter mit drei kleinen Kindern und afrikanischer Haushaltshilfe

Deutsche Geschichte

Deutsche Kolonien

"Wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne!" Mit dieser berühmt gewordenen Sentenz umschrieb der spätere Reichskanzler von Bülow Deutschlands Sehnsucht nach kolonialer Weltgeltung. "Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht!" Mit diesem Schlachtruf schickte Kaiser Wilhelm II. seine Soldaten nach dem chinesischen Boxeraufstand auf einen grausamen Rachefeldzug. Zwei Zitate, zwei Facetten deutscher Kolonialpolitik: die Hoffnung auf Wirtschaftswachstum und Weltruhm einerseits – die Unterwerfung der Eingeborenen andererseits.

Am Anfang war Skepsis

Während andere Großmächte Kolonie nach Kolonie errichteten, hielt sich Deutschland lange zurück. Zwar hatte bereits 1683 der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm die Festung Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana erschaffen, um von dort aus mit Gummi, Gold und Sklaven zu handeln. Doch das sollte für lange Zeit die einzige deutsche Kolonie bleiben.

Deutschland war bis 1871 in viele Einzelstaaten zersplittert. Die Großmächte Spanien, Portugal, England und Frankreich hatten die Welt längst unter sich aufgeteilt. Und wäre es nach Otto von Bismarck gegangen, hätte sich daran auch nach der Reichsgründung von 1871 nicht viel geändert. Der Kanzler wollte nicht das fragile europäische Machtgleichgewicht mit kolonialem Muskelspiel gefährden.

Bismarck überlegt es sich anders

Zeichnung: Bismarck schneidet in einer Runde von Diplomaten einen Kuchen an, auf dem 'Afrique' steht.

Französische Karikatur zur Kongo-Konferenz

Was ihn 1884 dann doch umstimmte, ist bis heute umstritten. Vermutlich wollte er mit seiner Kehrtwende die ihm wohlgesonnene Nationalliberale Partei bei den damaligen Reichstagswahlen unterstützen. Doch es gab auch ökonomische Gründe.

So fürchteten Unternehmer wie der Hamburger Reeder Adolph Woermann oder der Bremer Kaufmann Franz Lüderitz, dass ihre afrikanischen Plantagen und Handelsstützpunkte ohne staatlichen Schutz zur leichten Beute anderer Kolonialmächte werden könnten. Außerdem, so argumentierten sie, würden Kolonien durchaus wirtschaftlichen Nutzen bringen – zum einen als möglicher Absatzmarkt, zum anderen als Lieferant für Rohstoffe wie Kautschuk oder Palmöl.

Einen ganz anderen Aspekt hoben die Anfang der 1880er Jahre gegründeten Kolonialvereine hervor: Schon jetzt wachse die deutsche Bevölkerung so rasant, dass immer mehr Menschen außer Landes gingen – ein herber Verlust für das Deutsche Reich, den man nur dadurch vermeiden könne, dass man den Auswanderern als Alternative deutsche Kolonien in Übersee schmackhaft mache.

Nachdem schließlich im Lauf des Jahres 1884 an den ersten afrikanischen Stützpunkten die deutsche Flagge gehisst worden war, lud Bismarck im November die führenden europäischen Mächte zur sogenannten Kongo-Konferenz nach Berlin ein. In monatelangen Verhandlungen teilte man dort die letzten weißen Flecken des afrikanischen Kontinents unter sich auf – ohne Rücksicht auf den Willen der dortigen Bevölkerung.

Verträge per Handzeichen

Doch wie muss man sich die kolonialen Landnahmen ganz praktisch vorstellen? Im späteren Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, beispielsweise kaufte der 21-jährige Abenteurer Heinrich Vogelsang einem Nama-Häuptling ein paar Quadratkilometer Land ab – für 200 alte Gewehre und 100 englische Pfund. Von diesem Gebiet aus, der späteren Lüderitzbucht, wollte das Kontor von Franz Lüderitz Handel treiben und das Hinterland erschließen.

In Deutsch-Ostafrika, im heutigen Tansania, Burundi und Ruanda, spielten weniger wirtschaftliche Interessen denn koloniale Großmachtfantasien eine Rolle: Dort wollte sich der Kolonialagitator Carl Peters ein Land "ganz nach meinem Geschmack" schaffen, wie er später schrieb.

Mit Geschenken und notfalls mit Gewalt brachte er die dortigen Dorfvorsteher dazu, Verträge abzuschließen. Gegen Land versprach Peters ihnen Schutz – wie auch immer der aussehen mochte. Unterzeichnet wurden die Verträge mit ein paar Kreuzchen auf Papier, manchmal genügten auch Handzeichen. Schwer vorstellbar, dass die Einheimischen wussten, was sie da taten.

Anfangs ließ Bismarck die Kolonialpioniere einfach gewähren. Zwar versprach er ihnen deutsche Rückendeckung für den Fall, dass sie in Gefahr gerieten. Vor den Ausgaben für eine umfassende Kolonialverwaltung schreckte er jedoch zurück. Selbst den Begriff "Kolonien" versuchte er zu vermeiden und sprach stattdessen lieber von "Schutzgebieten".

Doch schon bald erwies sich diese Strategie als unrealistisch. Wollte man im großen Stil Plantagen oder sogar – wie in Deutsch-Südwest – Eisenbahnlinien anlegen, musste man die Deutschen vor Ort mit den Insignien deutscher Kultur bei Laune halten und sie im Ernstfall vor dem Groll der Eingeborenen schützen.

Bald wurden Polizeikräfte und Beamte in die Kolonien entsandt, Schulen, Kirchen und Kultureinrichtungen gegründet. Außerdem waren meistens christliche Missionare im Einsatz, die die Ureinwohner mit zum Teil erheblichem Sendungsbewusstsein der "Zivilisation" zuführen wollten. Allerdings nahmen sie ihre Schutzbefohlenen vielerorts auch vor dem gewaltsamen Vorgehen der Kolonialverwaltung in Schutz.

Die Kolonien im Einzelnen

Auf einem Dorfplatz mit runden Hütten wird die deutsche Flagge gehisst; Deutsche stehen stramm, Einheimische gucken zu (zeitgenössische Zeichnung).

In einem Dorf in Kamerun wird die Reichsflagge gehisst

Überhaupt hatte jede Kolonie ihre eigene Geschichte. Togo und Kamerun sowie die pazifischen Besitzungen Deutsch-Neuguinea und Deutsch-Samoa waren vor allem als Handels- und Plantagenkolonien angelegt: Man kaufte den dortigen Einwohnern beispielsweise Kaffee, Kakao, Kokosnüsse, Kopra und Palmprodukte ab und verschiffte die Waren nach Europa.

In Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika hoffte man dagegen, Siedler aus dem Mutterland anlocken zu können – wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Während seit der Reichsgründung 1871 pro Jahr bis zu 200.000 Menschen aus Deutschland auswanderten, vor allem nach Amerika, zog es zwischen 1884 und 1914 insgesamt nur 40.000 von ihnen in die deutschen Schutzgebiete.

In China wiederum ging es eher um Symbolpolitik: Dort sollte die 1898 für 99 Jahre gepachtete Kiautschou-Bucht zu einer deutschen "Musterkolonie" nach dem Vorbild des unter britischer Verwaltung stehenden Hongkong ausgebaut werden. Tatsächlich verfügte 1914 Kiautschous Hauptstadt Tsingtao, ein ehemaliges Fischerdorf, über einen neuen Hafen, Trinkwasseranlagen, eine Universität und sogar eine deutsche Brauerei.

Wirtschaftlich gerieten die Kolonien allerdings fast allesamt zum Verlustgeschäft. Nur im Fall von Togo konnte das Deutsche Reich einen geringen Überschuss erzielen. Hinzu kam, dass die immer zahlreicheren Kolonialskandale wie auch die blutig niedergeschlagenen Aufstände von Einheimischen – etwa der Herero und der Maji-Maji in Afrika sowie der Boxer in China – für zunehmend schlechte Presse im Mutterland sorgten. Die Kolonialeuphorie der frühen 1880er Jahre hatte sich bis zum Ersten Weltkrieg merklich abgekühlt.

Der deutsche Kolonialismus: Traum und Trauma

Karikatur 'Ein Sonntagnachmittag in Afrika': Ein buntes Durcheinander von afrikanischen Frauen, Männern und Kindern, die zum Teil mit Zylinder und Soldatenfräcken bekleidet sind. In einem Käfig sind zwei dicke weiße Männer zur Schau gestellt.

Karikatur über das Leben in den Kolonien

Mit dem Traum vom deutschen Kolonialreich sollte es dann auch bald schon wieder vorbei sein. Bereits Ende 1914, wenige Monate nach Kriegsausbruch, fielen Togo, Deutsch-Neuguinea, Samoa und Kiautschou an die Alliierten. Lediglich in Ostafrika blieben die deutschen Schutztruppen unter ihrem Kommandeur Paul von Lettow-Vorbeck bis 1918 unbesiegt – ein Umstand, der Lettow-Vorbecks fast mythischen Ruf während der Weimarer Republik begründete.

Außer im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika wurden die ehemaligen Siedler nach Kriegsende oft für Jahre interniert und mussten schließlich in ein Deutschland zurückkehren, das auf sie nicht gewartet hatte und sich durch sie nur an die Schmach der eigenen Niederlage erinnert fühlte.

Aufwind bekamen sie erst wieder mit der Machtergreifung der Nazis: Neben der Erschließung neuen "Lebensraums" im Osten plante Hitler auch eine abermalige Kolonisierung Afrikas. Mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches 1945 war schließlich auch dieser größenwahnsinnige Traum endgültig ausgeträumt.

Autorin: Kerstin Hilt

Stand: 08.08.2016, 12:00

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