Die Geschichte der Bundeswehr: 1945 bis 1962

Deutsche Geschichte

Die Geschichte der Bundeswehr: 1945 bis 1962

Armeen haben strenge Hierarchien und sind auf dem Befehlsprinzip aufgebaut. Dennoch wurde die Bundeswehr als "Parlamentsarmee" nach demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien gestaltet. Hat sich dieses Konzept bewährt?

Wie und warum hat sich die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zu einer internationalen Einsatztruppe gewandelt? Planet Wissen schildert den Wandel der deutschen Bundeswehr in drei Teilen. Teil 1 reicht vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum ersten Auslandseinsatz 1960.

1945: Besetzt und entmilitarisiert

Soldaten im Panzer

Ihre Aufgaben haben sich geändert

Das Ende des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1945 bedeutete für Deutschland auch das Ende seiner Armee. Die Alliierten hatten noch während des Krieges für den Fall des Sieges die Demilitarisierung des Landes beschlossen. Deutschland, das zwei Weltkriege begonnen hatte, sollte seinen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Einfluss komplett verlieren. Wehrmacht, Waffen-SS sowie alle weiteren deutschen Militärverbände wurden aufgelöst, noch vorhandene Waffenvorräte wurden vernichtet oder aus Deutschland weggeschafft. Zudem musste die deutsche Rüstungsindustrie auf Geheiß der Siegermächte ihren Betrieb einstellen, Firmenanlagen wurden demontiert und zerstört.

Im Rahmen der Entnazifizierungspolitik der Alliierten wurden viele Wehrmachtssoldaten und SS-Angehörige dahingehend überprüft, welche Rolle sie in der NS-Zeit gespielt hatten und ob sie etwa an schweren Verbrechen beteiligt gewesen waren. Bis auf die ranghöchsten Militärs kamen allerdings die meisten Soldaten, die für Hitler in den Krieg gezogen waren, unbehelligt und mit intaktem Ruf davon.

Soldat in Kölner Ruinen, im Hintergrund der Dom

Stunde Null in Köln

Schon kurz nach Kriegsende gab es zwischen den Siegermächten Diskussionen über den Umgang mit den besiegten Deutschen. Die Sowjetunion plädierte für ein äußerst hartes Vorgehen. Die USA hingegen förderten schon bald den schnellen wirtschaftlichen Aufbau. Ihnen war daran gelegen, Deutschland als antikommunistische Bastion zu etablieren.

Ab 1949: Diskussion um Wiederbewaffnung

Nach Gründung der Bundesrepublik am 23. Mai 1949 war die Frage nach einem eigenen Militär eine der größten Diskussionen im Deutschen Bundestag. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) wollte Deutschland fest im westlichen Bündnissystem verankern. Neben der politischen Abstimmung im Europarat und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in der Montanunion strebte Adenauer auch die militärische Beteiligung Deutschlands am Nordatlantik-Pakt (NATO) an. Politiker der Opposition, vor allem von SPD und KPD, verurteilten die Pläne und verwiesen auf die jüngste deutsche Vergangenheit und die furchtbaren Folgen der beiden Weltkriege. Auch innerhalb der Regierung waren Adenauers Pläne umstritten. So trat der damalige Bundesinnenminister Gustav Heinemann 1950 von seinem Amt zurück, weil er gegen die Wiederbewaffnung war.

Konrad Adenauer am Rednerpult

Adenauer wollte die Bindung an die NATO

Wenn Deutschland keine Armee hat, kann es auch keinen Krieg führen, so lautete die Argumentation der außerparlamentarischen "Ohne mich!"-Bewegung, an der sich Gewerkschaften, Intellektuelle und Friedensaktivisten beteiligten. Unter dem Eindruck des Korea-Kriegs änderte sich Anfang der 1950er Jahre allerdings die Einstellung vieler Deutscher zur Wiederbewaffnung. Der Kalte Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion ließ die Ängste vor Kämpfen auf deutschem Boden wachsen; eine Armee zu Verteidigungszwecken erschien dabei vielen als notwendiges Übel. 1952 wurde mit den westlichen Siegermächten der Deutschlandvertrag geschlossen, der dem Land weitgehende Souveränität ab Mai 1955 gewährleistete. Gleichzeitig trat Deutschland der NATO bei. Der Weg für eine eigene Armee war frei.

1955: Gründung der Bundeswehr

Am 12. November 1955 bekamen die ersten 101 freiwilligen Soldaten ihre Ernennungsurkunde. Etwas mehr als zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte die Bundesrepublik eine Armee auf. Einen offiziellen Namen bekamen die Streitkräfte allerdings erst im April 1956. Der Vorschlag "Wehrmacht" wurde verworfen, weil man eine begriffliche Nähe zur NS-Zeit verhindern wollte. Stattdessen entschied sich der Bundestag für "Bundeswehr" in Anlehnung an die "Reichswehr" der Weimarer Republik.

Per Grundgesetz wurde die Bundeswehr als Verteidigungsarmee definiert. Gleichzeitig wurde die Vorbereitung oder das Führen eines Angriffskriegs für strafbar und verfassungswidrig erklärt. Das Oberkommando der Armee wurde in zivile Hände gelegt. In Friedenszeiten untersteht sie dem Verteidigungsminister, im Kriegsfall dem Bundeskanzler. Zudem übt das Parlament über die Budgetbewilligung sowie den Verteidigungsausschuss eine Kontrollfunktion aus.

Rekruten auf einer LKW-Lade

Soldatennachschub für die Bundeswehr

Viele deutsche Männer sahen die Bundeswehr in der wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit als attraktiven Arbeitgeber. Bereits in den ersten acht Monaten des Gründungsjahres 1955 meldeten sich 150.000 Freiwillige. Um zu verhindern, dass NS-Verbrecher in leitende Positionen kamen, mussten sich höhere Dienstgrade einem Ausschuss stellen. Dennoch hatten nahezu alle Offiziere im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht gedient. Adenauer wies die Kritik an diesem Zustand mit der Bemerkung zurück, die NATO akzeptiere keine "18-jährigen Generäle". Die Wiederbewaffnung Deutschlands wurde von der Sowjetunion kritisch beäugt und führte zur Berlin-Krise im Jahr 1958.

1956: Einführung der Wehrpflicht

1956 wurde die allgemeine Wehrpflicht beschlossen, am 1. April 1957 rückten die ersten 10.000 Wehrdienstleistenden in die Kasernen ein. Die Einführung der Wehrpflicht hatte zum einen rein praktische Gründe: Um die angestrebte Truppenstärke von einer halben Million aktiver Soldaten (plus 700.000 Reservisten) zu erreichen, reichte es nicht aus, nur Soldaten auf freiwilliger Basis zu verpflichten. Außerdem sollte die Armee stärker mit der deutschen Gesellschaft verbunden werden. Das Idealbild des Bundeswehrsoldaten wurde als "Staatsbürger in Uniform" beschrieben. Die Bundeswehr sollte keinen "Staat im Staate" bilden. Grundrechte und rechtsstaatliche Prinzipien sollten beachtet werden. So wurde im Bundestag mit dem Wehrbeauftragten eine Vertrauensperson installiert, an die die Soldaten Beschwerden und Eingaben richten können, wenn sie ihre Grundrechte missachtet sehen.

Das Prinzip der "Inneren Führung" mit demokratischen Prinzipien hielt dem Praxistest nicht immer stand. Ein Teil der in der Wehrmacht ausgebildeten Offiziere griff zu schikanösen Methoden und wies große Mängel in der Menschenführung auf. So befahl im Juni 1957 ein Unteroffizier die Durchquerung eines Flusses, obwohl dies vorher für zu gefährlich befunden worden war. 15 Soldaten wurden mitgerissen und ertranken in den Fluten.

Anfangs betrug die Dauer des Wehrdienstes zwölf Monate, eingezogen wurden alle deutschen Männer über 18 Jahren. Die Möglichkeit, den Kriegsdienst zu verweigern, nahmen damals nur sehr wenige in Anspruch. Bis 2010 leisteten mehr als acht Millionen Deutsche den Grundwehrdienst ab.

1960: Erster Auslandseinsatz

In den ersten Jahren der Bundeswehr wurde der Ernstfall zwar oft geprobt, doch er trat nie ein. Erst 1960 fand der erste Auslandseinsatz von Bundeswehrsoldaten statt, der allerdings nicht aus Kampfeshandlungen bestand: Bei einem schweren Erdbeben starben am 29. Februar 1960 im marokkanischen Agadir 15.000 Menschen, Zehntausende wurden obdachlos. Zwei Tage später setzten sich drei Geschwader der Luftwaffe sowie die Flugbereitschaft des Verteidigungsministeriums in Bewegung, insgesamt 31 Transportmaschinen wurden bereitgestellt. Diese hatten ein komplettes Lazarett, Medikamente, Zelte und Sanitätssoldaten von Heer, Marine und Luftwaffe an Bord. Die Soldaten halfen bei der Evakuierung, versorgten die Verletzten und bereiteten Trinkwasser auf. Transportmaschinen flogen mehrmals täglich von Deutschland nach Marokko, um Hilfsgüter und Materialien zu liefern. Mitte April 1960 kehrten die letzten Soldaten nach Deutschland zurück.

Soldaten graben in Trümmern

Suche nach Überlebenden

Der Einsatz wurde als Erfolg bewertet und half, das nationale und internationale Ansehen der Bundeswehr zu vergrößern. Das Vertrauen der Weltgemeinschaft in die deutsche Armee und ihre Fähigkeiten wuchs im Laufe der Jahre stetig an. Bis 2010 brachen Hilfstruppen der Bundeswehr zu mehr als 100 Einsätzen auf - bei Naturkatastrophen, Hungersnöten oder Großbränden.

Autor/in: Ingo Neumayer

Stand: 10.07.2014, 13:00

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