Wenker Sprachatlas

Geschichte der Dialekte

Wenker Sprachatlas

Der Wenker Sprachatlas aus dem 19. Jahrhundert ist der älteste und umfassendste deutsche Sprachatlas. Er basiert auf Sprachdaten, die aus 40.000 Orten stammen. Aus technischen und finanziellen Gründen wurden diese Darstellungen jedoch nie publiziert. Das Marburger Forschungszentrum "Deutscher Sprachatlas" stellt die historischen Karten und Daten ins Netz und kombiniert sie mit vielen inhaltlichen und bildlichen Ergänzungen.

Mit dem Fragebogen durch das Land

Der Marburger Dialektforscher Georg Wenker schuf mit seinem "Sprachatlas des Deutschen Reichs" den ersten und heute noch umfassendsten Sprachatlas gesamtdeutscher Dialekte. Er erfasste in über 40.000 Orten Sprachdaten, die er auf 1668 handgezeichneten Karten zu Papier brachte. In der Zeit von 1876 bis 1887 wurde die Erhebung der einzelnen lokalen Dialekte in unterschiedlichen Etappen mit diversen Fragebögen vorgenommen.

Den Anfang der Untersuchung startete Georg Wenker im Jahr 1876 in der Umgebung seiner Heimatstadt Düsseldorf. Der Fragebogen dieser ersten Unternehmung enthielt 42 Sätze. Vorformulierte, schriftsprachliche Sätze sollten durch die Dialektsprecher in den jeweiligen ortstypischen Dialekt übertragen werden.

Die Sätze waren so ausgewählt, dass spezifische lautliche und grammatikalische Besonderheiten des jeweiligen Dialekts hervortreten sollten. Zum Beispiel sollte durch das Wort "Apfel" nachvollziehbar werden, ob die einzelnen Dialekte die Zweite Lautverschiebung mitgemacht hatten oder nicht. Je nach Region sagten die Dialektsprecher bereits "Apfel" oder weiterhin "Appel".

Nachdem die Anfangsphase erfolgreich verlaufen war, weitete Wenker seine Forschungen auf ganz Westfalen aus. Hier erstellte er einen für die Region typischen Fragebogen mit 38 Sätzen. Danach wurde das Forschungsvorhaben auf Anraten der "Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften" auf ganz Nord- und Mitteldeutschland ausgedehnt.

Wiederum erstellte die Gruppe um Wenker einen Fragebogen mit 40 Sätzen – den klassischen "Wenker-Sätzen". Gegenüber dem Fragebogen für Westfalen kamen zwei Sätze hinzu, und die anderen wurden ein wenig verändert. Die Erhebung dieses Großgebietes dauerte von 1879 bis 1880.

Schließlich ging die Leitung des Projektes vom Marburger Institut auf den Staat über. Als letzter noch fehlender Sprachraum sollte ab 1887 Süddeutschland erfasst werden. Für diese letzte Erhebung griff man auf die Fragebögen aus Nord- und Mitteldeutschland zurück. Allerdings fügte man noch einzelne Wörter wie die Wochentage oder die Zahlen hinzu. Georg Wenker ging es darum, mit den unterschiedlichen erhobenen Dialektmerkmalen ganze “Sprachlandschaften“ in Deutschland zu charakterisieren.

Deutscher Sprachatlas heute

Das Marburger Forschungsunternehmen, angeführt von Georg Wenker, hat die deutsche Dialektologie nachhaltig bestimmt. Durch die erhobenen Daten war es erstmals gelungen, die Dialekte in Deutschland einzuteilen. Heute geht es darum, diesen Sprachatlas mit seinen 1668 handgezeichneten Karten, die in ihrem Bestand gefährdet sind, im Internet zu veröffentlichen und somit einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Angestellten des "Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas" in Marburg arbeiten daran, die Karten des Wenker-Atlas technisch zu erschließen und für das Internet aufzubereiten. Außerdem werden die Karten des Wenker'schen Sprachatlas im Netz noch mit kulturgeschichtlichen und sozialhistorischen Informationen verknüpft, sodass die Karten für heutige Internetnutzer noch anschaulicher werden.

Da die historischen Karten noch durch moderne Sprachkarten ergänzt werden, kann man die Veränderung einer gesprochenen Sprache über einen Zeitraum von einem Jahrhundert besser nachvollziehen. Die Wenker-Fragebogen sowie Tonaufnahmen der Wenker-Sätze wurden vom Projekt "Digitaler Wenker-Atlas" (DiWA) online veröffentlicht, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Weitere Digitalisierungen folgen. Das Nachfolgeprojekt "REDE" (Regionalsprache.de) befasst sich auf Basis des Wenker-Atlas' mit der Erschließung der modernen Regionalsprachen des Deutschen. Auch "REDE" veröffentlicht seine Ergebnisse nach und nach online.

Autorin: Sabine Kaufmann

Stand: 01.10.2015, 13:27