Der Brandanschlag von Solingen

Geschichte der Gastarbeiter

Der Brandanschlag von Solingen

Mit Parolen wie "das Boot ist voll" und "Ausländer raus" wurde vor allem in den späten 1980er und 1990er Jahren das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern dramatisch vergiftet. Vor allem neonazistische Gruppen griffen immer wieder ausländerfeindliche Stimmungen auf. Der Brandanschlag von Solingen 1993 gehört zu den fürchterlichsten Anschlägen gegen Ausländer in der Geschichte der Bundesrepublik.

Eine Lücke erinnert an die Brandnacht

Das ausgebrannte Haus der Gastarbeiterfamilie. Der Dachstuhl ist größtenteils zerstört, die Fenster sind herausgebrochen.

In diesem Haus starben fünf Menschen

Die Nachbarn von damals blicken auf eine Baulücke. Zwischen ordentlichen Mehrfamilienhäusern wiegen sich Kastanien im Wind. Hier stand das Haus der Familie G. "Wir können uns erinnern", erzählen die Nachbarn, "wie die damals oft friedlich auf der Straße saßen und vor der Haustüre Tee tranken. Da war nichts Ausländerfeindliches". Bis zur Nacht zum 29. Mai 1993.

In den frühen Morgenstunden kreischen Polizeisirenen und rasen Feuerwehrwagen durch das Viertel. Die Nachbarn blicken aus dem Fenster und sehen, dass Flammen aus den Fenstern und dem Dach im Haus gegenüber schlagen. "Unser Türkenhaus brennt", sagen sie.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Vier junge Männer hatten sich mit einem Benzinkanister in den Hausflur der Gastarbeiterfamilie geschlichen und ein Feuer gelegt, das verheerende Auswirkungen hat. Die Flammen breiten sich so schnell aus, dass die Bewohner nicht mehr flüchten können. Eine junge Frau springt in den Tod, vier weitere Frauen und Mädchen verbrennen. Der Sohn der Familie G. überlebt mit schweren Verletzungen.

Demonstranten mit türkischen Fahnen stehen Polizisten gegenüber, die mit Schilden und Helmen ausgerüstet sind.

Demonstration nach dem Anschlag

Das Motiv für die Tat: Ausländerhass. Die Täter kommen teilweise aus der Nachbarschaft, sie werden innerhalb weniger Tage gefasst. Trotzdem kommt Solingen nicht zur Ruhe. Nach dem Brandanschlag reisen Türken aus dem ganzen Land in die Stadt. Tagsüber finden Demonstrationen statt. Nachts brennen Mahnfeuer, wütende Gruppen schlagen Schaufensterscheiben ein, Geschäfte werden geplündert.

Es ist das erste Mal, dass sich Ausländer nach einem Anschlag zur Wehr setzen. Viele Solinger bleiben in diesen Tagen verschreckt zu Hause und verrammeln Türen und Fenster. "Das war wie nach einem Bombenangriff", erinnern sich Bürger, "wie Solingen am 4. November 1944, als die Stadt bombardiert wurde. So haben die unsere Innenstadt zusammengeschlagen".

Der Prozess

Im April 1994 findet der Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf gegen die vier jungen Männer aus der Neonazi-Szene statt. 500 Zeugen sagen aus. Alle vier Angeklagten werden schließlich schuldig gesprochen, schuldig des fünffachen Mordes. Die Täter werden zu zehn bis 15 Jahren Haft verurteilt.

Widersprüche und Ermittlungsfehler prägen den Prozess. Viele Solinger bezweifeln noch heute, dass die Verurteilten tatsächlich alle für die Tat verantwortlich sind. Aber darüber reden möchten die wenigsten. Der Anschlag ist wie eine Wunde, die immer wieder aufbricht, wenn darüber gesprochen wird.

Etwa 8000 Türken wohnen in der Stadt. "Das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken war schon vorher schlecht", sagt ein türkischer Arbeiter, der seit über 30 Jahren in Solingen lebt und arbeitet, "aber nach dem Anschlag ist alles noch viel schlimmer geworden."

Solingen nach dem Anschlag

Unmittelbar nach dem verheerenden Feuer ruft die Stadt zahlreiche Projekte und Aktivitäten ins Leben, die das deutsch-türkische Verhältnis verbessern sollen. Doch es nützt wenig. Begegnungen gibt es kaum, Beschwerden immer wieder. Anwohner ärgern sich über Türken, die auf den Wiesen vor der Stadt picknicken, weil der Rauch der Grillfeuer sie stört. Zum Probieren kommt kaum einer. "Wir sind eben anders", sagt eine junge Türkin, "aber es wäre doch schön, wenn die Deutschen etwas spontaner wären".

Eng geschichtete Stahlringe bilden einen Wall. In jeden Ring ist der Name seines Spenders eingraviert.

Ein Mahnmal erinnert an den Anschlag

Viele türkischstämmige Solinger der zweiten und dritten Generation haben längst einen deutschen Pass. Als Deutsche fühlen sie sich deswegen noch lange nicht. "Mein Sohn kommt aus der Schule und erzählt mir, dass er beschimpft wird. Als dummer Türke, als Ölauge. Was soll ich dem erzählen? Ich sage dann: Es ist etwas Besonderes, ein Türke zu sein. Was soll ich sonst sagen", berichtet ein junger Fußballspieler, der sich mit seiner Mannschaft regelmäßig in der Solinger Moschee trifft, in der auch Mevlüde G. regelmäßig betet.

Mevlüde G. hat den Anschlag, bei dem ihre Töchter und Enkelinnen verbrannten, überlebt. Sie wünscht sich, dass Türken und Deutsche besser miteinander auskommen, aber den Tätern kann sie nicht verzeihen. "Gott möge sie so bestrafen, wie ich selbst gelitten habe." Ihr Sohn musste über 20 Operationen über sich ergehen lassen und ist durch die Verbrennungen immer noch so schwer entstellt, dass er sich nicht aus dem Haus traut.

Heute erinnern eine Gedenktafel und ein Mahnmal an den Anschlag. Ein Symbol gegen Fremdenfeindlichkeit: ein Wall, zusammengesetzt aus Stahlringen. Jeder Ring trägt den Namen seines Spenders.

Autor: Malte Linde

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Stand: 09.02.2016, 13:30

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