Studentenbewegung

Rudi Dutschke

Rudi Dutschke war eine der wichtigsten Figuren der 1968er-Generation. Er gab der Studentenbewegung ein Gesicht und galt als der deutsche Che Guevara. Rudi Dutschke hielt flammende Reden und ging als "Bürgerschreck" in die bundesdeutsche Geschichte ein.

Von Natalie Muntermann

Jugend in Ost-Deutschland

Alfred Willi Rudolf Dutschke wurde am 7. März 1940 in Schönfeld in Brandenburg geboren. Nach dem Abitur in Luckenwalde wollte der begeisterte Leichtathlet zunächst Sportjournalismus an der Universität Leipzig studieren. Er erhielt jedoch keinen Studienplatz, weil er den Wehrdienst in der "Nationalen Volksarmee" der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) verweigert hatte.

Daraufhin pendelte Dutschke ab 1960 regelmäßig nach West-Berlin, um das West-Abitur nachzuholen. Er wollte in der Bundesrepublik studieren. Als im August 1961 in Berlin die Mauer gebaut wurde, blieb Dutschke im Westen und schrieb sich im folgenden Wintersemester an der Freien Universität Berlin für das Fach Soziologie ein.

Die "Außerparlamentarische Opposition"

1966 wurde angesichts der schwachen Parlamentsopposition von Studenten, Intellektuellen und Künstlern die "Außerparlamentarische Opposition" (APO) gegründet. Die APO engagierte sich in innen- und außenpolitischen Fragen und verstand sich als Gegengewicht zu den zahlenmäßig weit überlegenen Regierungsparteien.

Dutschke, der geistige Anführer der APO, sah in spektakulären Happenings die einzige Möglichkeit, etwas an der politischen Lage zu verändern: "Ohne Provokation werden wir überhaupt nicht wahrgenommen."

Um auf sich und seine Interessen aufmerksam zu machen, musste man auffallen: Sitzblockaden, sogenannte Sit-ins, Demonstrationsmärsche und Sprechchöre schienen die geeigneten Mittel dazu zu sein. Demonstrationsparolen wie "USA raus aus Vietnam!" oder "Ho, Ho, Ho Chi Minh!" stehen noch heute symbolisch für die 1968er-Bewegung.

Rudi Dutschke (rechts) diskutierte gerne | Bildquelle: wdr

Die Studentenproteste

Die Studentenbewegung um Dutschke rief in den späten 1960er-Jahren den sogenannten "langen Marsch durch die Institutionen" aus. Denn ihrer Ansicht nach war das gesellschaftspolitische System der Bundesrepublik und seine Einrichtungen durchsetzt von ehemaligen Nazi-Funktionären. Die sollten durch Leute aus den eigenen Reihen ersetzt werden, um eine grundsätzliche Reform und eine Veränderung des gesamten gesellschaftlichen Klimas zu bewirken. Ein langwieriges Vorhaben.

Dem "Establishment" wurde der Kampf angesagt, also den Autoritäten in Schule, Universität oder Elternhaus. "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" – hieß die Studentenparole: Endlich sollte die braune Vergangenheit vieler Professoren an bundesdeutschen Universitäten aufgearbeitet werden. Nach über einem Jahrzehnt wurde die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit lautstark eingefordert.

Dutschke als Rhetoriker und Analytiker

Nachdem sich 1966 die große Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger gebildet hatte und 1967 der Student Benno Ohnesorg durch einen Polizisten getötet worden war, trat Dutschke immer häufiger in der Öffentlichkeit auf. Bei der Abrüstungskampagne und bei Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg erwies er sich als hervorragender Rhetoriker.

Rudi Dutschke war ein Hauptvertreter der "Neuen Linken" | Bildquelle: akg-images

Rudi Dutschke hatte aber auch organisatorisches Talent: Den "Internationalen Vietnam-Kongress" in West-Berlin gestaltete er maßgeblich mit. Dutschke stand für Aktionen, die die Öffentlichkeit aufmerksam machten, war jedoch kein ausgesprochener Aktionist.

Vielmehr war er Theoretiker und Analytiker. Ausführlich befasste er sich mit marxistischen und sozialistischen Theorien von Lenin, Marx und Lukács. Daneben verfasste er selbst Theorien. Er war einer der Hauptvertreter der "Neuen Linken" in der Bundesrepublik.

Das Attentat auf Dutschke

Am Gründonnerstag 1968 wurde Rudi Dutschke vom 23-jährigen Josef Bachmann auf offener Straße niedergeschossen und schwer verletzt. Bachmann, dem rechtsextreme Tendenzen nachgesagt werden, wurde später zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Rudi Dutschke überlebte das Attentat nur knapp. Eine Gedenkplatte vor dem Haus auf dem Kurfürstendamm in Berlin erinnert noch heute an die blutige Tat.

An den Ostertagen nach dem Attentat kam es zu den schwersten Unruhen, die die Bundesrepublik bis dahin erlebt hatte. In Berlin, Hamburg, München und Essen brannten die Lieferwagen des Springer-Verlags. Demonstranten warfen Molotow-Cocktails gegen das Springer-Hochhaus in der Berliner Kochstraße. Der Grund für den Hass gegen den Großverlag: Die Springer-Presse hatte Stimmung gegen Dutschke und die Studentenbewegung gemacht. Man müsse hart "durchgreifen", die Täter "abschieben" und "ausmerzen".

Attentat auf Rudi Dutschke (am 11.04.1968) WDR ZeitZeichen 11.04.2018 14:48 Min. Verfügbar bis 08.04.2028 WDR 5

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Die Zeit im Exil

Nach mehreren schwierigen Operationen erholte sich Dutschke langsam von den Folgen des Attentats. Grundfähigkeiten wie Lesen und Sprechen musste er neu lernen. Danach ging er nach England, wurde aber nach zwei Jahren wegen angeblicher "subversiver Tätigkeit" ausgewiesen. Ab 1971 lehrte er als Gastdozent im dänischen Aarhus und pendelte fortan zwischen Dänemark und der Bundesrepublik. Dort setzte Dutschke sich für die Wahrung der Menschenrechte ein.

Dutschke 1979 | Bildquelle: dpa

1973 promovierte er in Berlin mit der Arbeit "Zur Differenz des asiatischen und westeuropäischen Weges zum Sozialismus". Ein Jahr später veröffentlichte er eine populärwissenschaftliche Fassung seiner Dissertation über den Marxisten Lukács.

In dem Buch beschreibt Dutschke seine Vorstellung von einem deutschen Weg zum Sozialismus, ohne Führungsanspruch aus Moskau, Ost-Berlin oder Peking. In seinem letzten Lebensjahr engagierte Dutschke sich politisch für "Die Grünen".

Dutschkes Tod

Rudi Dutschkes Tod war tragisch: Er ertrank am 24. Dezember 1979 in Aarhus nach einem epileptischen Anfall in seiner Badewanne. Der Anfall war eine Spätfolge des Attentats. Er hinterließ seine Frau Gretchen Dutschke-Klotz, mit der er seit 1966 verheiratet war, und drei Kinder: Hosea Ché, Polly-Nicole und Rudi Marek. Letzterer wurde erst drei Monate nach dem Tod seines Vaters geboren.

Am 3. Januar 1980 wurde er auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem beigesetzt. Der Theologe Martin Niemöller hatte ihm sein Grab überlassen, nachdem zunächst kein Grabplatz frei war. Etwa 6000 Gäste begleiteten den Trauerzug.

(Erstveröffentlichung 2007. Letzte Aktualisierung 08.05.2020)