Verdun

Deutsche Geschichte

Verdun

Der Ort Verdun steht für eines der blutigsten Kapitel des Ersten Weltkriegs. Ganze Armeen fielen im Kampf um wenige hundert Meter Boden. Bis heute ist das sinnlose Massensterben an den Fronten des Städtchens Verdun, 240 Kilometer vor Paris, ein Symbol für das menschenverachtende Antlitz des Ersten Weltkrieges. Verdun wurde für eine ganze Generation von Franzosen und Deutschen zum Trauma. Das Erbe des Ersten Weltkrieges ist in Verdun noch heute spürbar.

Entscheidungssuche an der Westfront

1914 versuchten die deutschen Streitkräfte, in einem schnellen Aufmarsch im Westen die französischen Armeen einzukesseln und vernichtend zu schlagen. Der Versuch scheiterte, die alliierten und die deutschen Heere standen sich auf einer Frontlänge von rund 700 Kilometern von der belgischen Küste bis zur Schweiz gegenüber. Augenblicklich erstarrten die Fronten, der Bewegungskrieg ging über in den Stellungskrieg.

Unter Einsatz von heftigem Artilleriebeschuss versuchten sich die Gegner gegenseitig sturmreif zu schießen, um den nachfolgenden Infanterie-Einheiten einen Durchbruch zu ermöglichen. Jeder Versuch misslang unter großen Verlusten. Der jeweilige Angreifer war dem tödlichen Maschinengewehrfeuer der gegnerischen Verteidigung nicht gewachsen.

Das Schwarz-Weiß-Bild zeigt einen zerschossenen Landstrich im Stellungskrieg zwischen den einander gegenüberliegenden Fronten. Daher rührt der Name Niemandsland.

Das Niemandsland - Von Granaten umgepflügt

Nachdem im Jahr 1915 die alliierten Streitkräfte wiederholt vergeblich versucht hatten, an einem begrenzten Frontabschnitt die deutsche Linie niederzuwalzen, ging die Oberste Heeresleitung (OHL) im Frühjahr 1916 zur groß angelegten Offensive bei der französischen Maasfestung Verdun über. Verdun, herausragender Eckpfeiler der französischen Frontlinie, lag strategisch wichtig auf den Höhen über der Maas am östlichen Ende der französischen Grabenlinie. Verdun war darüber hinaus ein Symbol der französischen Widerstandskraft.

Stellungskrieg im Niemandsland

Die Landschaft um die Stadt Verdun glich bald einer Kraterlandschaft wie auf einem unbewohnten Stern. Über Dutzende von Kilometern erstreckte sich ein immer wieder von Granaten durchpflügtes, mit tiefen, wassergefüllten Kratern durchzogenes Ödland – das Niemandsland. Ein ehemals blühender Landstrich mit seinen Ansiedlungen, Häusern, Straßen und ganzen Wäldern war buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht worden und niemand vermochte mehr die Städtchen und Häuser in der grauen Schlammwüste zu lokalisieren.

Schwarz-Weiß-Foto von einem Munitionslager. Männer arbeiten zwischen Stapeln von Raketen und Granaten.

Alliiertes Munitionslager an der Westfront

Die Front war durchzogen von einem Schützengrabensystem. Lauf- und Verbindungsgräben wurden ausgehoben, Unterstände und notdürftig mit Bohlen und Brettern befestigte Erdlöcher bildeten den kläglichen Schutz, der den Soldaten geblieben war. Kilometerlange Stacheldrahtverhaue und Maschinengewehrnester markierten die jeweiligen besetzt gehaltenen Frontabschnitte.

Terror der Materialschlacht

Während die deutschen Befehlshaber aus sicherem Abstand das Frontgeschehen durch ihre Scherenfernrohre beobachteten, brachten Nahkampf und Ausharren an der Front unvorstellbare Entbehrungen und Grausamkeiten für den einfachen Soldaten mit sich: Katastrophale hygienische Verhältnisse und mangelnde medizinische Betreuung, überall Verwesungsgestank, dazu schlechte oder gar keine Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser und nur unzureichende Informationen über das unmittelbare Kriegsgeschehen machten den Soldaten das Frontleben zur Hölle.

Der Schrecken des Schützengrabendaseins wurde nur durch das Inferno der großen Offensiven übertroffen. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg waren Schussverletzungen das geringere Übel: Die größten Verluste verursachte der Artilleriebeschuss. Allein im Bois des Caures fielen nach groben Schätzungen am ersten Angriffstag der Verdunoffensive 1916 auf nur einem halben Quadratkilometer 80.000 Granaten. Manche Granattrichter maßen im Durchmesser 50 Meter, so dass Soldaten im feindlichen Feuer regelrecht "untergepflügt" wurden.

Das Bild zeigt einen Ausschnitt des französischen Nationalfriedhofs. Büsche mit roten Blüten stehen zwischen weißen Kreuzen.

Soldatenfriedhof in Verdun

Oft lagen einzelne Frontabschnitte tagelang ununterbrochen unter Trommelfeuer. Systematisch sollte der Gegner zermürbt, seine Kampfkraft geschwächt werden. Schlecht oder sogar gar nicht geschützt war der Frontsoldat Kälte, Nässe und dem Schlamm des Ödlands ausgesetzt. Tagelange Schlaflosigkeit durch Lärm und Todesangst verursachten psychische Strapazen, die weit über alles Ertragbare hinausgingen.

Für eine Handvoll Geländegewinne

Trotz des in seinem Ausmaß bis dahin einmaligen Einsatzes von Menschen und Waffen führte das mörderische Ringen auf keiner der beiden Seiten zu irgendeinem strategischen oder taktischen Vorteil. Der Plan, mit einem martialischen Aufgebot an Menschen und Material die gegnerische Front im Sinne der Ermattungsstrategie "ausbluten" zu lassen, schlug fehl. Abertausende der eigenen Männer fielen in diesem sinnlosen Kampf für eine Handvoll unbedeutender Geländegewinne – ein Kampf, der längst irrationalen Charakter angenommen hatte und bald darauf vielfach heroisiert und mythisch verklärt wurde.

Das Gemälde von Carl Strathmann zeigt eine Angriffswelle deutscher Infanterie-Einheiten. Das Entsetzen ist den Männern ins Gesicht geschrieben.

Carl Strathmanns Gemälde "Sturmangriff"

Die "Knochenmühle von Verdun" forderte rund 700.000 Menschenleben. Gesicherte Zahlen konnten nie ermittelt werden, Schätzungen bemessen die deutschen Verluste auf 338.000, die der Franzosen auf über 364.000 Tote.

Autor/in: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 19.05.2014, 13:00

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