Die langen Schatten des Krieges

Weimarer Republik

Die langen Schatten des Krieges

Die politischen Anstrengungen der jungen Weimarer Republik werden von Anfang an von den Folgen des Ersten Weltkriegs überschattet. Die Wirtschaft des deutschen Reiches muss neu entfacht werden. Die Ansprüche der alliierten Siegermächte müssen bedient oder abgewehrt werden. Die Außenpolitik der Weimarer Republik beginnt unter denkbar schlechten Voraussetzungen. Dennoch können Mitte der 1920er Jahre beträchtliche Erfolge verbucht werden. Erst die Weltwirtschaftskrise zwingt den verheißungsvollen Neubeginn der Weimarer Demokratie in die Knie.

Rheinlandbesetzung und Ruhrkampf

Schild "Ausverkauf".

Die Wirtschaftskrise brach der Weimarer Republik das Genick

Ein erster diplomatischer Erfolg ist der Vertrag von Rapallo, den der deutsche Außenminister Walther Rathenau 1922 auf der internationalen Wirtschaftskonferenz in Genua mit Russland schließt. An den Westmächten vorbei gelingt es der deutschen Delegation mit Sowjetrussland einen Vertrag zu schließen, in dem beide Staaten auf gegenseitige Kriegsentschädigung verzichten und vereinbaren, wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Die Westmächte nehmen verärgert zur Kenntnis, dass das besiegte Deutschland seine politische Handlungsfreiheit zurückgewinnt und eigene politische Pläne verfolgt.

Doch Deutschland ist nach wie vor durch die diktierten Friedensbedingungen des Versailler Vertrages stark geschwächt. Neben Gebietsabtrennungen und hohen Reparationsleistungen waren auch die linksrheinischen Gebiete des deutschen Reiches und die rechtsrheinischen Brückenköpfe Köln, Koblenz und Mainz besetzt worden. Der Versailler Vertrag sah eine Besatzungszeit von mindestens 15 Jahren vor. Für die Deutschen eine herbe Demütigung, die politisch nie akzeptiert wurde.

Die angespannte Stimmung entlädt sich 1923 im Ruhrkampf. Mit Misstrauen hatte der französische Präsident Poincaré die ständigen deutschen Klagen gegenüber den Reparationsforderungen der Westmächte registriert. Als Deutschland zum Ende des Jahres 1922 mit Kohle- und Holzlieferungen im Rückstand ist, lässt Poincaré am 11. Januar 1923 französische Truppen ins Ruhrgebiet einmarschieren.

Französische Soldaten marschieren im Ruhrgebiet ein

Französische Soldaten marschieren im Ruhrgebiet ein

Die deutsche Politik und Bevölkerung reagieren entsetzt. Sofort werden sämtliche Reparationslieferungen an Frankreich und Belgien ausgesetzt, die deutsche Bevölkerung wird unter Lohnausgleichszahlungen zum Generalstreik aufgerufen. Doch die Ruhrbesetzung bricht der geschwächten deutschen Wirtschaft endgültig das Rückgrat, Deutschland gerät in den Strudel der Hyperinflation.

Der Dawes-Plan

Am 26. September gibt Reichskanzler Gustav Stresemann den Ruhrkampf auf. Stresemann erkennt, dass nur auf diplomatischem Wege mit Frankreich eine Übereinkunft gefunden werden kann. Nachdem Frankreich seinerseits vergeblich versucht hat, durch Unterstützung von Separatisten an Rhein und Ruhr eine selbstständige rheinische Republik aus dem deutschen Reichsverband zu lösen, erkennen die Alliierten, dass ein wirtschaftlich geschwächtes Deutschland nicht in der Lage ist, den geforderten Reparationsleistungen nachzukommen. Sind die Reparationsbedingungen dem besiegten Deutschland von den Siegermächten bislang diktiert worden, kommt es auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise von 1923 zur politischen Kehrtwende.

Die USA geben ihre isolationistische Haltung auf und mischen sich verstärkt in die europäischen Verhandlungen mit Deutschland ein. Der amerikanische Finanzexperte Charles G. Dawes legt im Auftrag der amerikanischen Regierung einen neuen Reparationsentwurf vor, den sogenannten Dawes-Plan. Darin wird Deutschland eine wirtschaftliche Erholungspause eingeräumt. Für die kommenden fünf Jahre werden erträglichere Zahlungsbedingungen vereinbart und die deutsche Wirtschaft wird mit internationalen Krediten in Höhe von 800 Millionen Goldmark gestärkt.

Stresemann und die Politik der Wiederannäherung

Gustav Stresemann war Mitbegründer und führender Politiker der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei (DVP). Er war Mitglied der Nationalversammlung und wenige Monate sogar Reichskanzler. Sechs Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahr 1929, vertritt Stresemann das Deutsche Reich als Außenminister und erreicht in dieser Zeit für Deutschland entscheidende Fortschritte in der Wiederannäherung an Frankreich und der Reduzierung der Reparationsforderungen. Er baut auf Verständigung statt Konfrontation. Er erkennt, dass nur auf dem Weg der Aussöhnung Deutschlands Rückkehr als gleichberechtigtes Mitglied in das Konzert der europäischen Mächte erreicht werden kann.

Während Stresemann aufgrund seiner maßvollen Politik der Konsolidierung heftig von den radikalen Rechten im eigenen Lande angegriffen wird, erwirbt er sich als konstruktiver Realpolitiker bei den ehemaligen europäischen Feinden großes Vertrauen und Ansehen. Gemeinsam mit dem französischen Außenminister Aristide Briand gelingt Stresemann schrittweise eine erste Normalisierung der Beziehungen mit dem "Erbfeind" Frankreich. Beiden Politikern wird daraufhin für ihre erfolgreichen Bemühungen der Nobelpreis verliehen.

In dem von ihnen angeregten Vertrag von Locarno legen Stresemann und Briand am 16. Oktober 1925 das Fundament für eine neue europäische Ordnung. Deutschland erkennt die neuen Westgrenzen als unveränderlich an, und Frankreich, Deutschland und Belgien wollen auf jede künftige, gewaltsame Veränderung der territorialen Frage verzichten. Am 1. Dezember 1925 beginnt Großbritannien schrittweise mit der Räumung des besetzten Rheinlandes.

Gustav Stresemann mit Aristide Briand und Sir Joseph Austen Chamberlain.

Stresemann verhandelt auf der Konferenz in Locarno

Schon in Locarno hat Stresemann die Weichen für Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund gestellt. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte diesen Bund der Völker angeregt, um kriegerische Auseinandersetzungen künftig bereits im Ansatz zu verhindern. Am 2. September 1926 wird Deutschland feierlich in den Völkerbund aufgenommen. Stresemann spricht vor den Delegierten der Bundesversammlung von einer neuen Ära der Völkerverständigung. Von diesem Tag an ist Deutschland wieder gleichberechtigtes, souveränes Mitglied der europäischen Völkerfamilie.

Der Young-Plan

Im Jahr 1929 wird das Problem der Reparationen neu verhandelt, da Deutschland nicht in der Lage ist, die im Dawes-Plan festgesetzten jährlichen Zahlungen aufzubringen. Unter dem amerikanischen Finanzexperten Owen D. Young wird der sogenannte Young-Plan ausgearbeitet, der Deutschland eine größere Selbstbestimmung im Management der Zahlungsverpflichtungen von insgesamt 122 Milliarden Goldmark zuerkennt.

Doch die neue Strategie lässt sich der deutschen Bevölkerung nur sehr schwer verkaufen, denn der Young-Plan legt 59 Jahresraten zu je zwei Milliarden Goldmark fest. Die Deutschen fühlen sich in eine Art Schuldsklaverei verkauft, die mehrere Generationen dauern soll. Bis zum Jahr 1988 sollen insgesamt 112 Milliarden Goldmark Schadensersatz an die Alliierten gezahlt werden.

Gleichzeitig bieten die Siegermächte Deutschland die sofortige, endgültige Räumung des Rheinlandes an, wenn Deutschland den Young-Plan ratifiziert. Daher drängt Stresemann auf die Unterzeichnung des Vertrages. Fünf Monate vor seinem Tod, am 12. März 1930, kommt das Abkommen zustande. Das Reinland wird von den Besatzungsmächten freigegeben.

Weltwirtschaftskrise 1929

Am 25. Oktober 1929 kommt es zum folgenreichen "Schwarzen Freitag" an der New Yorker Börse. Die USA erleben den schwersten Börsencrash ihrer Geschichte. Aufgrund einer Überhitzung des Aktienmarktes als Folge zügelloser Investitionspolitik bricht die anhaltende Phase der amerikanischen Hochkonjunktur über Nacht zusammen. Die USA, Geldgeber der Welt, Finanziers der europäischen Alliierten und Kreditgeber der Weimarer Republik, sind pleite. Die Folgen für Deutschland sind dramatisch. Schlagartig ziehen die USA ihr Kapital aus Deutschland ab und fordern Schulden und Kredite ein, weil sie mit frischem Geld die eigene Wirtschaft wieder ankurbeln müssen.

Börsianer vor der Wallstreet 1929.

Der Börsencrash der Wallstreet brachte die Weltwirtschaft ins Wanken

Deutschland bekommt den Rückzug der amerikanischen Investitionen drastisch zu spüren. Die Weltwirtschaftskrise treibt die Zahl der Arbeitslosen sprunghaft in die Höhe. Von 1,6 Millionen im September 1929 steigt die Zahl der Arbeitslosen im Jahr 1933 auf über sechs Millionen. Die inzwischen hervorragend organisierte Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) nutzt diese Situation konsequent für sich aus und wird zum Sammelbecken für die verelendenden und unzufriedenen Menschen.

Der Beginn der 1930er Jahre markiert einen Systemwechsel in Deutschland. Die Weimarer Republik neigt sich dem Ende zu. Mit legalen Mitteln wird Hitler Reichskanzler. Erst höhlt er die Verfassung der Weimarer Republik aus, dann schafft er Deutschlands erste Demokratie ab. Für das Deutsche Reich beginnt nach einem hoffnungsvollen demokratischen Aufbruch die dunkle Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft.

Autor/in: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 22.10.2014, 13:00

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