Chruschtschows Geheimrede

Stalin

Chruschtschows Geheimrede

Im Februar 1956 beendet der damalige Erste Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (KPdSU), Nikita Chruschtschow, mit einem Paukenschlag die düstere Ära des Stalinismus. Erstmals, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, prangert der sowjetische Regierungschef drei Jahre nach dem Tod des Diktators die Auswüchse des stalinistischen Terrors an und leitet so eine Epoche der innenpolitischen Entspannung ein, das sogenannte "Tauwetter", benannt nach einem Roman Ilja Ehrenburgs.

Der Geist Stalins

Schwarzweiß-Foto: Nikita Chruschtschow bei einer Fernsehansprache 1962.

Nikita Chruschtschow

Der 20. Parteitag der KPdSU beginnt am 14. Februar 1956. Es ist der erste Parteitag nach dem Tod Stalins. Als Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956 ausgewählte Delegierte am Ende des Parteitages zu einer geschlossenen Sondersitzung bittet, ist der Diktator bereits drei Jahre tot. Doch sein Geist weilt immer noch unter den Lebenden: Stalins sterbliche Überreste liegen konserviert im Mausoleum. Zum Denkmal erstarrt begegnet man ihm an unzähligen Plätzen, Straßen und Städte tragen seinen Namen.

Als Chruschtschow seine Rede beginnt, sind die Nerven der Anwesenden zum Zerreißen gespannt. Was ist das für eine Sondersitzung, von der niemand weiß und die kurzfristig anberaumt scheint? Journalisten haben keinen Zutritt, jegliche Aufzeichnungen sind verboten, Tonbandmitschnitte nicht gestattet.

Schwarzweiß-Foto: Die Stalin-Statue im Wartesaal des Moskauer Flughafens.

Stalin-Statue am Moskauer Flughafen 1956

Persönlich und aus einem spontanen Impuls heraus verfasst, wirkt die nun beginnende Rede Chruschtschows nicht, wie er in seinen Memoiren später nachdrücklich behauptet. Der Erste Sekretär liest die mehr als 20.000 Wörter umfassende Rede vom Blatt ab, statt sie frei vorzutragen. Überhaupt scheint Chruschtschow sehr angespannt. Die Worte wirken genau gewählt, die Rede auffallend sorgfältig redigiert – alles hat den Anschein, von langer Hand vorbereitet worden zu sein.

Wider den Übermenschen

Es sei "unzulässig und dem Geist des Marxismus-Leninismus zuwider, [...] eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen, der gottähnliche, übernatürliche Eigenschaften besitzt, zu einem Menschen, der angeblich alles weiß, alles sieht, für alle denkt, alles kann und in seinem ganzen Verhalten unfehlbar ist. Ein solcher Glaube an einen Menschen, und zwar an Stalin", so Chruschtschow, sei "viele Jahre lang kultiviert worden".

Plakat: Gestikulierender Stalin in Uniform, hinter ihm eine Fahne mit dem Porträt Lenins.

Propaganda: Ruhm dem großen Stalin!

Die Delegierten sind wie vom Donner gerührt. Sie wirken wie versteinert, wagen kaum zu atmen, im Saal herrscht Totenstille. Chruschtschow beharrt: "Stalin hielt sich nicht damit auf, die Menschen zu überzeugen, aufzuklären und geduldig mit ihnen zusammenzuarbeiten, sondern er zwang anderen seine Ansichten auf und verlangte absolute Unterwerfung unter seine Meinung. Wer sich seiner Konzeption widersetzte oder einen eigenen Standpunkt zu vertreten, die Korrektheit der eigenen Position zu beweisen suchte, wurde unweigerlich aus dem Führungskollektiv ausgestoßen und anschließend sowohl moralisch als auch physisch vernichtet ... "

Wider den stalinistischen Terror

Chruschtschow stößt Stalin endgültig vom Thron: Stalin, der Tyrann, der Despot, der sich "in einer ganzen Anzahl von Fällen als intolerant und brutal erwies und [...] seine Macht missbrauchte. Anstatt seine politische Korrektheit zu beweisen und die Massen zu mobilisieren, schlug er oft den Weg der Unterdrückung und physischer Vernichtung ein, und zwar nicht nur im Kampf gegen tatsächliche Feinde, sondern auch gegen Personen, die keine Verbrechen gegen die Partei und die Sowjetregierung begangen hatten".

Schwarzweiß-Foto: Von Tannen gesäumte schlichte Grabplatte Stalins an der Kreml-Mauer.

Stalins Grab unterhalb der Kreml-Mauer

Mit detaillierten Schilderungen der Repressionen und Verhaftungen geht Chruschtschow schließlich auf die physische Liquidierung ganzer Kader und Gruppen unter Stalin ein. Chruschtschow zeichnet ein finsteres Bild der stalinistischen Säuberungen, der ständig drohenden Verhaftung und Vernichtung durch den Diktator, der unberechenbar war und nach reinem Gutdünken herrschte.

Täter und Opfer

Aber Chruschtschow rückt nur mit einem Teil der Wahrheit heraus. Nur die Verbrechen Stalins an der Partei, nicht die am sowjetischen Volk werden thematisiert. Und er betont: "Andererseits hat Stalin in der Vergangenheit der Partei, der Arbeiterklasse und der Internationalen Arbeiterbewegung zweifellos auch große Dienste geleistet." Schließlich erklärt sich Chruschtschow sogar kurzerhand zum Opfer des Despoten: "Wer versuchte, sich gegen grundlose Verdächtigungen und Anschuldigungen zur Wehr zu setzen, fiel den Repressalien zum Opfer." Doch auch Chruschtschow war eine Kreatur Stalins. Als Moskauer und ukrainischer Parteichef war er selbst an den Säuberungen beteiligt gewesen und hatte zahlreiche Erschießungen befehligt.

Schwarzweiß-Foto: Stalin geht auf einer Sitzung des Zentralkomitees 1936 mit dem jungen Chruschtschow Papiere durch.

Josef Stalin und Nikita Chruschtschow 1936

Nach der Rede herrscht lähmendes Entsetzen, die Anwesenden sind wie betäubt. Nur langsam finden die Delegierten wieder zu sich. Die Londoner "Daily Mail" kolportiert am 22. Mai 1956 die folgende Geschichte: "Nach seiner Rede wurde Chruschtschow ein Zettel hinaufgereicht, auf dem geschrieben stand: "Was tatest Du, als Stalin diese Verbrechen beging?" Chruschtschow las die Frage vor und sagte: "Ich bitte den Fragesteller aufzustehen." Niemand rührte sich. "Das", sagte Chruschtschow, "ist genau das, was ich getan habe, während Stalin an der Macht war."

Entstalinisierung und Tauwetter

Das stalinistische System der Straflager wird in weiten Teilen aufgelöst, Millionen Häftlinge kommen frei. Die eigens eingerichtete Kommission zur Rehabilitierung stalinistischer Opfer wird mit einer Flut von Gesuchen überschwemmt. In den sozialistischen Bruderländern bringt das politische Tauwetter die kommunistischen Regime ins Wanken. Das aber kann die Sowjetunion nicht zulassen, sie schlägt hart zurück. In Polen wird der aufsehenerregende Streik der Posener kompromisslos und blutig unterdrückt. In Ungarn formiert sich im Oktober 1956 der gewaltsame Arbeiter- und Studenten-Aufstand, der von der sowjetischen Armee mit Panzern überrollt wird.

Schwarzweiß-Foto: Der zertrümmerte Kopf des Stalin-Denkmals liegt auf der Straße, Passanten schauen neugierig hin.

Ungarn 1956: Zerschlagung des Denkmals

1961 verfügt die sowjetische Regierung schließlich die Entfernung des Leichnams Stalins aus dem Lenin-Mausoleum. Stalin wird an der Kreml-Mauer neu beerdigt. Straßen, Plätze, Gebäude und Städte werden umbenannt, Stalin-Denkmäler demontiert und beseitigt. Chruschtschows Rede, die als sogenanntes Geheimreferat mit dem Titel "Der Personenkult und seine Folgen" in die Geschichte eingeht, wird in der Sowjetunion jahrzehntelang öffentlich weder bestätigt noch dementiert. Erst 1989 wird die Authentizität der Rede endgültig anerkannt und erstmalig in den "Nachrichten des ZK der KPdSU" publiziert. Doch da liegt das Regime des Sowjetkommunismus längst in Trümmern.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 27.08.2013, 13:00

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