Der große Terror

Stalin

Der große Terror

Macht durch Terror war für Stalin Bedingung und Triebfeder seines Handelns. Erst der Terror machte ihn zum unumschränkten Alleinherrscher. "Stalins Macht ruhte im Terror. Wo die Funktionäre einander denunzierten und vor Angst vergingen, konnte er die Rolle des Herrn über Leben und Tod spielen", so der Stalin-Forscher Jörg Baberowski. Allein auf dem Höhepunkt des großen Terrors 1937/38 wurden mehr als 1,5 Millionen Menschen verhaftet, 700.000 von ihnen hingerichtet.

Der rote Terror

Zeichnung: Preisgekrönter Entwurf für den Sowjetpalast von Boris M. Iofan. Auf einem monströsen Turm steht eine überlebensgroße Statue.

Entwurf für den nie realisierten Sowjetpalast

Seit Beginn der russischen Revolution war der Terror gegen Andersdenkende ein gängiges Instrument bolschewistischer Machtausübung. Trotzki setzte schon 1918 die Milizen der Roten Armee gegen die eigenen Landsleute ein. In einem erbitterten Bürgerkrieg behaupteten die Bolschewiki schließlich den eigenen Machtanspruch. Mit seinem berüchtigten Dekret "Über den roten Terror" vom 5. September 1918 empfahl Lenin systematische Terrormaßnahmen gegen den Klassenfeind und stellte die sowjetische Geheimpolizei "Tscheka" über das Gesetz:

Schwarzweiß-Foto: Identifizierung der Toten, nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn 1943. Zwei Männer stehen mit Schreibblöcken in einem Meer exhumierter Leichen.

Entdeckung von Massengräben in Katyn 1943

"In der augenblicklichen Situation ist es absolut lebensnotwendig, die Tscheka zu verstärken ..., die Klassenfeinde der Sowjetrepublik in Konzentrationslagern zu isolieren und so die Republik gegen sie zu schützen, jeden, der … in Verschwörungen, Aufstände und Erhebungen verwickelt ist, auf der Stelle zu erschießen." Die Tscheka wurde ein Staat im Staat, ein Machtapparat, der die planmäßige Durchführung der Terrormaßnahmen in einem nun rechtsfreien Raum abwickelte. Schon zu Lebzeiten Lenins wurden Konzentrations- und Straflager errichtet, politisch Andersdenkende rücksichtslos verfolgt, verhaftet, gefoltert, getötet.

Wider die Feinde des Bolschewismus

Gemälde: Lenin verkündet den Sieg der Revolution. Vor ihm zahlreiche Zuhörer, vereinzelt mit Gewehren.

Lenin während der Oktoberrevolution 1917

Die Bolschewiki besaßen seit der Machtübernahme ein ausgeprägtes Gespür für Feindbilder. Feinde, das waren ihrer Ansicht nach all diejenigen, die sich der Diktatur des Proletariats in den Weg stellten, die die Weltanschauung der Sowjets nicht unterstützten oder von der offiziellen kommunistischen Ideologie abwichen. Feinde, das waren Andersdenkende, Besitzende, Priester, Gläubige und Oppositionelle. In der Vorstellung der Sowjets sollte das Kollektiv durch chirurgische Eingriffe von feindlichen Elementen bereinigt werden, die sich wie ein Geschwür über den Volkskörper hermachten. Terror schien ihnen dazu das einzig geeignete Instrument.

Lenin war ein rücksichtsloser Schreibtischtäter, der in der Sowjetunion die Ausübung von willkürlicher Gewalt durch den Staat fest verankerte. Anfangs schätzte er Stalin, weil er jemanden brauchte, der Aufgaben erledigte, an denen sich die anderen nicht die Finger schmutzig machen wollten. Doch die Partei der Bolschewiki war für Lenin eine Art Orden, ein heiliger Bund, in dem unter den Kadern gestritten wurde, in dem Auseinandersetzungen auf der Suche nach der richtigen Ideologie stattfanden. Gewalt gegen die eigenen Reihen - das war für Lenin absolut tabu. Lenin war ein Gewaltmensch, aber weniger totalitär als Stalin.

Von der Säuberung zum Mord

Schwarzweiß-Foto: Stalin schreibt am Schreibtisch.

Schreibtischtäter Stalin

Ganz anders Stalin. Stalin baute den Terrorapparat zu einer Vernichtungsmaschine um. In immer neuen Säuberungswellen ließ er Bauern, unzählige Parteikader, große Teile der Roten Armee, aber auch ethnische Minderheiten, Juden und Geistliche zu Abertausenden verhaften und liquidieren. Säuberung nannten die Stalinisten diesen Vorgang. Doch die Säuberung (auf Russisch: "Tschistka") existierte bereits unter Lenin. Sie war ein parteiinterner Vorgang, der unzuverlässige Genossen wieder auf Linie bringen sollte. Nichtkonforme Mitglieder wurden denunziert, sie mussten sich für Abweichungen rechtfertigen, öffentlich Selbstkritik üben und wurden im Zweifelsfall aus der Partei ausgestoßen.

Unter Stalin mutierte die Säuberung jedoch zur Tötungsmaschine. Eine Säuberung bedeutete jetzt nicht nur Absetzung, sondern die physische Vernichtung. Und es war Stalin, der entschied und befahl, wer Freund war oder Feind, wer als Verräter verhaftet und hingerichtet wurde und wer der Erschießung entging.

Der große Terror beginnt

Schwarzweiß-Foto vom achten Sowjetkongress 1936: Chruschtschow, Schdanow, Kaganowitsch, Woroschilow, Stalin, Molotow, Kalinin und Tuchaschewski in der ersten Reihe.

Stalin beseitigt die Spitzen von Partei und Armee

1934 lieferte die Ermordung des Leningrader Parteisekretärs und Stalin-Konkurrenten Kirow dem Diktator den willkommenen Vorwand, um gegen die eigenen Reihen loszuschlagen. In einer groß angelegten Säuberungskampagne fielen zwei Drittel der führenden Kader, Funktionäre und Delegierten des Zentralkommitees der KpdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) dem stalinistischen Terror zum Opfer. Die Mitglieder wurden verhaftet, konterrevolutionärer Umtriebe wie trotzkistischer Opposition, der Abweichung von der Parteilinie und der Spionage oder Sabotage angeklagt und "überführt".

Durch Einschüchterung, Folter und Sippenhaft gefügig gemacht, wurden die Opfer zu absurden Geständnissen gezwungen, in öffentlichen Schauprozessen zur Selbstanklage genötigt und anschließend hingerichtet.

Selbst Genossen der ersten Stunde und Weggefährten Stalins wie Sinowjew, Kamenew und Bucharin fielen dem großen Terror zum Opfer. Als die Partei zerstört war, holte Stalin zum Schlag gegen die Rote Armee aus. Marschall Tuchatschewski, einst Ikone der Militärs, wurde subversiver Machenschaften verdächtigt und Stalin hob das Nest der "überführten Verschwörer" gründlich aus.

Stalin beseitigte die komplette Kommandospitze der Armee. 10.000 Offiziere wurden verhaftet und hingerichtet, darunter Marschälle und Generäle. Die Rote Armee sollte sich von diesem Vernichtungsschlag nicht mehr erholen. Millionen Rotarmisten verloren in den Schlachten des Zweiten Weltkriegs aufgrund einer buchstäblich kopflosen Armeeführung ihr Leben. Durch die Zerstörung von Partei und Armee hatte sich Stalin nun endgültig zum Alleinherrscher aufgeschwungen.

Herr über Leben und Tod

Blick auf ein Papier in russischen Schreibmaschinenlettern, daneben handschriftliche Anmerkungen.

Befehl zur Massenverhaftung

In diesem tödlichen Klima aus Gewalt, Willkür, Misstrauen und Denunziation herrschte Stalin mit unverminderter Grausamkeit. Er "schien es zu genießen, Herr über Leben und Tod zu sein. Manchmal rief er seine Opfer an, sprach ihnen Mut zu, obgleich er bereits die Anweisung erteilt hatte, sie verhaften zu lassen", schreibt der Stalin-Forscher Jörg Baberowski. Stalin gehörte nicht zu den Diktatoren, die die physische Vernichtung nur an ihre Schergen delegierten. Durch die Öffnung der russischen Archive haben Historiker die unmittelbare Täterschaft Stalins minutiös nachweisen können. Stalin kümmerte sich immer wieder persönlich um die einzelnen Morde.

Das System des stalinistischen Terrors war so auf die Person des Diktators ausgerichtet, dass niemand es wagte, ohne seine Einwilligung Entscheidungen zu treffen. Stalin hingegen wusste, wer was wann gegen wen unternahm. So bilanziert Baberowski nach der Auswertung zahlreicher von Stalin persönlich unterschriebener Todeslisten und Befehle: "Am 12. Dezember 1938 entschied Stalin an nur einem Tag über den Tod von 3167 Menschen.

Zwischen Februar 1937 und Oktober 1938 erhielt er 383 Listen mit den Namen von 44.477 führenden Staatsfunktionären, Staatssicherheit- und Armeeoffizieren. 38.955 dieser Personen wurden, weil Stalin ihre Namen markiert hatte, ohne Gerichtsverfahren erschossen." Die Tatsache, dass die russischen Archive die entsprechenden Befehle und Listen so unverschleiert dokumentieren, deutet darauf hin, dass Stalin zu keinem Zeitpunkt ein Unrechtsbewusstsein besaß oder ein schlechtes Gewissen hatte.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

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Stand: 29.07.2016, 13:00

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