Kinderarbeit in Europa

Kinderarbeit in einer englischen Weberei des 19. Jahrhunderts.

Kinderarbeit

Kinderarbeit in Europa

Oliver Twist und die Grubenkinder in englischen Bergwerken: Daran denken viele Menschen, wenn von Kinderarbeit in Europa die Rede ist. Doch Kinderarbeit ist auch im 21. Jahrhundert – auch in Europa.

Gegen Müßiggang und moralische Verwahrlosung

Zeichnung eines Kleinen Mädchens mit einem Besen

Illustration zu Victor Hugos "Die Elenden"

Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Kinderarbeit in ganz Europa weit verbreitet. Deutschland bildete da keine Ausnahme. In der Landwirtschaft, in Heimbetrieben und in der sich schnell entwickelnden Industrie waren die unterbezahlten Kinder beliebte Arbeitskräfte. Oft mussten sie körperlich anstrengende Arbeiten erledigen, die sie krank machten. Kaum ein Kind bekam eine richtige Ausbildung, geschweige denn eine Schulbildung.

Kinderarbeit wurde unter anderem auch als geeignetes Mittel angesehen, um Kinder vor Müßiggang und moralischer Verwahrlosung zu schützen. So mussten auch Waisenkinder von klein auf ihren Lebensunterhalt mitverdienen. "Arbeitserziehung" nannte das die frühe Pädagogik. Erst das Arbeiterschutzgesetz von 1891 verbot den Einsatz von Kindern unter 13 Jahren in Fabriken. Davor hatte das Mindestalter bei neun Jahren gelegen.

1903 und 1908 wurde das Kinderschutzgesetz verschärft und die erlaubte Arbeitszeit für Kinder auf elf Stunden täglich herabgesetzt. Die Einschränkung galt auch für Kinder, die von ihren Eltern zur Heimarbeit eingesetzt wurden. Weiterhin arbeiteten viele Kinder statt zur Schule zu gehen, denn die allgemeine Schulpflicht setzte sich nur sehr langsam durch. Kinderschutzkommissionen versuchten, die Einhaltung des Gesetzes zu kontrollieren und generell die Lage der Kinderarbeiter zu verbessern – ein nicht immer einfaches Unterfangen.

Schwabenkinder

Gesetze konnten nicht verhindern, dass bis in die 1930er Jahre hinein sogenannte Schwabenkinder auf den deutschen Bauernhöfen schufteten. Aus Österreich, Graubünden oder Südtirol kamen Kinder, oft nicht älter als zwölf Jahre, zu Fuß über die Alpen. Zuhause konnten die Eltern die kinderreichen Familien nicht mehr ernähren, also wurden die Kinder in die Fremde geschickt. Ein Brauch, der auf das 16. Jahrhundert zurückging. 1930 kamen die letzten "Schwabenkinder" nach Deutschland.

Für Kinder, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen, galten weder Schulpflicht noch Schutzgesetze, und so wurden diese Mädchen und Jungen auf Kindermärkten an die Bauern vermietet. Der größte fand unter menschenunwürdigen Bedingungen in Ravensburg statt: "Auf einem öffentlichen Platz ausgestellt waren 400 Jungen und Mädchen – keiner über 14 Jahre alt – um in eine siebenmonatige Knechtschaft für die Meistbietenden geschickt zu werden", so beschrieb eine amerikanische Zeitung 1908 die Kindermärkte.

"Wir Buben sind alle von dem Waggon ausgeladen worden, und da sind die Bauern gekommen und haben einen ausgesucht. Die haben natürlich schon geschaut, ob er kräftig ist, ob er arbeiten kann. ... 10-, 12-jährige Buben, 13-jährige..., und dann haben sie den besten, den kräftigsten oder so, rausgesucht." So erinnerte sich Willi Kopf später an seine Zeit als "Schwabenkind".

Bis 1914 wurden Kinder armer Familien aus Österreich, Südtirol und der Schweiz auf schwäbischen Märkten verkauft. Der letzte ganz große Markt fand 1914 in Ravensburg statt. Danach lief der Handel unauffälliger durch private Vermittlung ab.

Die Arbeitstage bei den Bauern waren lang und die Arbeit schwer. Wie die Kinder behandelt wurden, hing stark vom einzelnen Bauern ab. "Wir haben immer Hunger gehabt", erinnerten sich viele "Schwabenkinder" später an diese Zeit.

Ferienjob oder Kinderarbeit

Junge putzt Autoscheibe

Ab 15 Jahren darf man in Deutschland in den Ferien jobben

In der Bundesrepublik Deutschland ist Kinderarbeit generell verboten. Allerdings gibt es Ausnahmen, die Kindern einen Ferienjob oder eine gewisse Mithilfe zum Beispiel auf dem elterlichen Hof erlaubt – sofern die Beschäftigung "leicht und für Kinder geeignet ist", wie es im Jugendarbeitsschutzgesetz heißt, und nicht zu lange dauert. Die Arbeit darf die Kraft und Zeit für die Schule und das Lernen nicht beeinträchtigen. Kinder unter 13 Jahren dürfen überhaupt nicht beschäftigt werden, es sei denn, die Arbeit dient therapeutischen oder pädagogischen Zwecken.

Es lohnt sich, auch bei den vermeintlich ganz "normalen" Nebenjobs deutscher Schüler genauer hinzusehen. Für die Unesco nimmt Kinderarbeit in dem Moment verbotene Ausmaße an, wenn der Schulbesuch und die geistige oder körperliche Entwicklung der Kinder gefährdet sind. Die wenigsten Kinder in Deutschland arbeiten um des Überlebens willen. Aber das alltägliche Geldverdienen nebenbei, um die jugendlichen Konsumwünsche zu erfüllen, nimmt manchmal extreme Ausmaße an. Und viele Arbeitgeber nutzen die Kinder aus.

Dass Kinder gar nicht mehr zur Schule gehen und stattdessen arbeiten, kommt in Deutschland nur sehr vereinzelt vor. Die deutsche Schulpflicht wird streng kontrolliert. Allerdings sprechen manche Studien vor dem Hintergrund der hohen Zahl an Sozialhilfeempfängern auch von einem Trend zur "unfreiwilligen Kinderarbeit". Die Kinder seien in diesen Fällen gezwungen, zur finanziellen Untersützung ihrer Familien zu arbeiten. Kinderarmut ist auch in der Bundesrepublik ein aktuelles Problem. Manche Kinder werden wegen der wachsenden Armut auch in die Prostitution gedrängt.

Kinderarbeit in Osteuropa

In anderen europäischen Ländern ist das Problem der Kinderarbeit viel gravierender, und hier geht es für die Kinder teilweise ums Überleben. Besonders in Osteuropa hat die Kinderarbeit große Ausmaße angenommen. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa sind breite Bevölkerungsschichten verarmt. Armut ist eine der Hauptursachen für Kinderarbeit.

Viele früher selbstverständliche Leistungen wie Bildung kosten plötzlich Geld, und der Alltag ist teuer geworden. Durch die weit verbreitete Arbeitslosigkeit ist ein Schulabschluss nicht mehr länger eine Garantie für einen Arbeitsplatz. Zudem kümmern sich immer weniger Eltern darum, dass ihre Kinder regelmäßig zur Schule gehen.

Das schnell verdiente Geld zählt mehr als ein Bildungsabschluss, ohne dass dabei realisiert wird, dass die Kinder dadurch in einen Teufelskreislauf geraten. Sie können niemals einen richtigen Beruf ausüben und werden wahrscheinlich gezwungen sein, ihre eigenen Kinder ebenfalls zur Arbeit zu schicken.

Kinderarbeit ist in Osteuropa eine relativ neue Erscheinung. Diese fehlende "Tradition" führt paradoxerweise dazu, dass die Kinder noch gefährdeter sind als in Entwicklungsländern, in denen sich Kinderarbeit zum Teil auch ganz offiziell abspielt. Arbeitende osteuropäische Kinder bewegen sich häufig im kriminellen Umfeld der Straße und sind durch Kinderprostitution und Pornografie gefährdet.

Viele Kinder schlagen sich irgendwie auf der Straße durch. Ihre Familien haben sich aufgelöst, oder die Kinder sind vor Gewalt zu Hause geflohen. Neben den gefährdeten Straßenkindern gibt es auch viele Kinder, die als billige Arbeitskräfte zeitweise oder dauerhaft in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Die Pestizide fügen den Kindern oft bleibende gesundheitliche Schäden zu.

Beispiel Portugal

Auch in westlichen Ländern Europas gibt es Kinderarbeit. Auch wenn es meist keine genauen Zahlen gibt, so schätzen Studien das Ausmaß der Kinderarbeit sehr hoch ein. Ob in Italien, Großbritannien, Spanien und Portugal – vielfach gehen Kinder, trotz Schulpflicht, einer meist illegalen Arbeit nach, die sie vom Schulbesuch ganz oder zumindest teilweise abhält.

Laut Schätzungen portugiesischer Hilfsorganisationen arbeiteten noch in den 1990er Jahren in Portugal mehr als 200.000 schulpflichtige Kinder Vollzeit, die meisten von ihnen in der Landwirtschaft sowie der Schuh- und Textilindustrie. Die Zahl zu Beginn des 21. Jahrhundert durch Regierungsprogramme, die die Kinderarbeit eindämmen, deutlich zurückgegangen. Doch mit der Wirtschaftskrise von 2008, die Portugal stark gebeutelt hat, steigt die Zahl der arbeitenden Kinder wieder an – zumeist nach der Schule oder in den Ferien. Vor allem landwirtschaftliche Kleinbetriebe können sich keine anderen Arbeiter mehr leisten.

Das Wichtigste, aber auch Schwierigste beim Kampf gegen die portugiesische Kinderarbeit ist es, einen Wandel im Denken der Gesellschaft zu bewirken. Viele Kinder aus armen Verhältnissen sind nicht motiviert, in die Schule zu gehen, und die Eltern sorgen nicht dafür, dass sie lernen. Die Eltern sind froh, wenn jemand ihren Kindern Arbeit gibt, zumal der Schulbesuch oft schwer zu finanzieren ist.

Angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten sehen die Eltern in einer Schulbildung auch häufig keinen Gewinn für die Kinder. Viele Facharbeiter sind arbeitslos, und die Fabriken stellen oft nur gering entlohnte Hilfsarbeiter ein. Häufig betrifft das Problem Kinderarbeit mehrere Generationen. Ehemalige Kinderarbeiter bleiben meist lebenslang Hilfsarbeiter und schicken später auch ihre eigenen Kinder wieder zur Arbeit.

Kinderarbeit ist nur zu bekämpfen, wenn sich überall die Erkenntnis durchsetzt, dass Kinder auf die Schulbank und nicht in die Fabrik oder aufs Feld gehören. Die Verantwortlichen müssen gemeinsam langfristige Strategien entwickeln. In dieser Situtation ist es fatal, dass der portugiesische Staat 2012 sein Programm gegen die Kinderarbeit aus Geldmangel auslaufen ließ.

Autoren: Ulla Rehbein/Tobias Aufmkolk

Stand: 25.07.2016, 10:27

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