Inquisition

Mittelalter

Inquisition

Unerbittlich und grausam wurden Andersdenkende verhört, gefoltert und wenn nötig auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ein nicht gerade christlicher Umgang mit Menschen, aber die Inquisitoren des Mittelalters kannten keine Gnade, wenn es um die Einheit des Glaubens ging. Über fünf Jahrhunderte ging die Kirche gegen sogenannte Häretiker vor, machte auch nicht vor prominenten Wissenschaftlern wie Galileo Galilei halt. Und bei aller Grausamkeit – die Historiker sind sich einig, dass die Einführung der Inquisition dennoch ein Fortschritt in der Rechtsgeschichte des Mittelalters war.

Das Gottesurteil

Holzstich nach Rene de Moraine: Ein Angeklagter wird gefoltert, indem er mit hinter dem Rücken zusammengebundenen Armen an einem Seil hängt

Die Methoden der Inquisition waren grausam

Schon immer verfolgt die Kirche Andersgläubige. Um sie zu überführen, bedient sie sich im frühen Mittelalter des sogenannten Gottesurteils. Das Gottesurteil ist zu dieser Zeit die einzige Möglichkeit, einen Verdächtigen der Tat zu überführen, wenn er nicht auf frischer Tat ertappt wird und so die Schuld augenscheinlich ist. Ein mutmaßlicher Mörder wird zur Leiche geführt: Fangen die Wunden wieder an zu bluten, ist das ein Beweis seiner Schuld. Verdächtige müssen glühendes Eisen anfassen: Werden sie nicht ernsthaft verletzt, sind sie unschuldig. Der Zweikampf zwischen zwei Adligen entscheidet über Schuld oder Unschuld, Gott wird demjenigen den Sieg geben, der Recht hat. Der Richter hält sich im Verfahren zurück. Er achtet auf ein formal korrektes Verhalten von Ankläger und Angeklagtem, nimmt aber keine eigenen Ermittlungen vor. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts verbietet die Kirche Klerikern, an solchen Prozessen und Beweisführungen teilzunehmen.

Ölgemälde von drei Inquisitoren bei der Beratung

Die Inquisitoren waren Kläger, Verteidiger und Richter

Es gibt aber noch keine allgemeingültige Rechtsnorm im Umgang mit Häretikern, und so entsteht sukzessive ein neues Prozessverfahren, die "Inquisitio". "Inquisitio" bedeutet "Erforschung". Die Inquisitoren sind Ankläger, Verteidiger und Richter zugleich, sie "forschen nach", sie sind befugt, ohne die Anklage eines Dritten einen Prozess von Amts wegen einzuleiten und Zeugen zu verhören. So grausam diese auch oft sind, vom Verfahren her ist die "Inquisitio" ein Fortschritt, weil sie dem Angeklagten zumindest eine geringe Chance der Verteidigung gibt und die Gottesurteile und ähnliche irrationale Verfahren ablöst. Dieses Verfahren wird auch dringend gebraucht, weil das Entstehen großer Ketzergruppen die Kirche existenziell bedroht.

Das Entstehen von Ketzergruppen im 12. Jahrhundert

Im 12. Jahrhundert nach Christus verliert die katholische Kirche an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Die Kirchenmänner Roms sind mehr mit der Ansammlung von Reichtümern beschäftigt als mit der kirchlichen Lehre und dem Seelenheil ihrer Gläubigen. Zugleich ist dies eine Zeit, in der die Lebensbedingungen der Menschen schlecht sind: Es gibt viel Hunger und große Not. Das Leben ist für die Gläubigen ein Jammertal, sie suchen Halt in der Frömmigkeit und all ihre Hoffnung richtet sich auf ein gutes Leben nach dem Tode. Aber wer kann ihnen ihr Seelenheil garantieren? Von der katholischen Kirche, die sündig in Saus und Braus lebt, wenden sich immer mehr Menschen ab.

Französische Buchmalerei aus dem 14.Jahrhundert: Vertreibung der Katharer aus Carcassonne durch die Kreuzritter

1209 kommt es zu einem Kreuzzug gegen die Katharer

Zu dieser Zeit entsteht im Süden Frankreichs und in Oberitalien eine neue Kirchenbewegung, gegründet durch die Katharer, die "Reinen", wie sie sich nennen, und die Waldenser. Sie leben im Gegensatz zu den katholischen Kirchenleuten in Armut. Für sie sind materielle Dinge ein Werk des Teufels, sie predigen die Botschaft des Evangeliums und sind davon überzeugt, dass nur durch Askese die Seele gerettet werden kann. Die Katharer gründen eigene Bistümer und setzen eigene Bischöfe ein. Enttäuscht von den Kirchenfürsten in Rom, schließen sich ihnen immer mehr gläubige Christen an.

So entsteht eine Gegenkirche, die nicht nur dem Papst eine Dorn im Auge ist, sondern auch die politischen Machtverhältnisse im Süden Frankreichs bedroht, denn die Anhänger der "Reinen", zu denen auch Fürsten gehören, lehnen auch den Eid auf den König ab. Noch nie in ihrer Geschichte ist die katholische Kirche durch Häretiker, Abweichler ihres Glaubens, so existenziell bedroht. Völlig verunsichert im Umgang mit den Ketzern, überredet Papst Innozenz III. den französischen König 1209 zu einem Kreuzzug gegen die Katharer. Zwanzig Jahre später endet der Kreuzzug, der mehr und mehr in einen Eroberungsfeldzug gegen die Grafen des Südens ausartet und zu einer Machterweiterung des französischen Königs führt. Das Problem der Ketzerei kann damit aber nicht gelöst werden. Die Häresie existiert weiter.

Die Etablierung der Inquisition

Wandgemälde: 'Der Traum des Papstes Innozenz III'. Der hl. Franziskus stützt die vom Einsturz bedrohte Lateranskirche

'Der Traum des Papstes Innozenz III'

Die Kirche steht vor der Aufgabe, einen Weg zu finden, wie sie systematisch Ketzer aufspüren und bekämpfen kann. Ursprünglich waren die Bischöfe für die Bekämpfung von Ketzern zuständig. Sie sind aber überfordert oder erst gar nicht an der Lösung des Problems interessiert. Deshalb sollen speziell ausgebildete Abgesandte des Papstes die Verantwortung übernehmen. Papst Innozenz III. hat den Orden der Dominikaner und Franziskaner schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine wichtige Aufgabe im Kampf gegen die Ketzerei zugedacht. Die Bettelorden, die - anders als die anderen Orden - nicht ihr ganzes Leben betend und arbeitend hinter Klostermauern verbringen, haben eine ganz andere Nähe zum Volk. Sie ziehen als Wanderprediger übers Land, predigen das wahre Evangelium und sollen schon mal auf diese Weise den Ketzern den Wind aus den Segeln nehmen. Papst Gregor IX. ist es dann, der 1231 Dominikaner und Franziskaner zu "Inquisitoren" ernennt und sie mit der Verfolgung der Ketzer beauftragt. Das ist die Geburtsstunde der Inquisition.

Rom stattet den Inquisitor mit einer Vollmacht aus, die für eines oder mehrere Bistümer gilt. Das neue juristische Verfahren "Per Inquisitionem" (durch Nachforschung) löst die Gottesurteile und ähnliche irrationale Verfahren ab. Die Inquisitoren sind Ankläger, Verteidiger und Richter zugleich, sie "forschen nach", sie sind befugt, ohne die Anklage eines Dritten einen Prozess von Amts wegen einzuleiten und Zeugen zu verhören. Bei ganz hartnäckigen Fällen hat Papst Innozenz IV. 1252 nach dem Vorbild des staatlichen Rechts auch den Einsatz der Folter erlaubt. Nach der Beratung mit den Beisitzern kommt der Inquisitor zu einem Urteil. Da die Kirche selbst aber keine Urteile vollstrecken darf, ist sie auf die Unterstützung der weltlichen Macht angewiesen. Die Zusage von Friedrich II. (schon sein Großvater Friedrich I. hat 1183 ein Abkommen mit Papst Lucius III. geschlossen), den Papst bei der Ketzerverfolgung zu unterstützen, bedeutet eine ganz entscheidende Voraussetzung für den Erfolg der Inquisition.

Das Vorgehen gegen Ketzer

Holzstich: 'Konrad von Marburg, der päpstliche Ketzemeister'

Konrad von Marburg war ein grausamer Inquisitor

Mit der Inquisition hat die katholische Kirche nun die Möglichkeit, in ganz Europa systematisch gegen Häretiker vorzugehen. Der Inquisitor zieht von Stadt zu Stadt, lässt alle Bürger auf dem Marktplatz antreten. Nach der Ketzerpredigt schickt er sie mit dem Befehl nach Hause, Ketzer in einer bestimmten Frist bei ihm anzuzeigen oder sich selbst anzuzeigen. In diesem Fall kommt der Häretiker mit einer milderen Strafe davon. Denunziantentum und Selbstanzeige sind ein erfolgreiches Instrumentarium der Inquisition, schaffen aber auch das Problem des Missbrauchs. Vor Gericht müssen sich die Angeklagten dann verantworten; die Verteidigungsmöglichkeiten sind gering, weil ihnen die Namen der Belastungszeugen vorenthalten werden, damit diese nicht Repressalien des Angeklagten oder seiner Familie ausgesetzt sind. Bei besonders hartnäckigen Ketzern lässt der Inquisitor die Folter anwenden. Steht die Schuld dann fest, wird das Urteil öffentlich im Rahmen einer Messe verkündet, das im schlimmsten Fall Verbrennen auf dem Scheiterhaufen bedeutet. Es kommen aber weit weniger Menschen auf den Scheiterhaufen, als man weithin denkt. Einer der bekanntesten Inquisitoren des Mittelalters, Bernard Gui, verurteilt bei 930 Prozessen 42 Ketzer zum Tode auf dem Scheiterhaufen. 307 Angeklagte verurteilt er zu Kerkerhaft, 139 werden freigesprochen, und der Rest kommt mit leichteren Strafen wie dem Tragen von Bußkreuzen oder Pilgerfahrten davon.

Die Inquisition ist vor allem in Frankreich, Italien und Spanien aktiv, wütet aber auch in Deutschland. Hier fällt besonders Konrad von Marburg als grausamer Inquisitor auf. Er wird im Sommer 1233 erschlagen. Mitte des 14. Jahrhunderts nimmt die Bedeutung der mittelalterlichen Inquisition ab. Die Ketzerbewegungen sind zerschlagen, dieses Problem der Kirche ist gelöst. Doch schon bald steht die Inquisition vor neuen Aufgaben.

Die "Heilige Römische und Universale Inquisition"

Die Reformation, die Erfindung des Buchdrucks und die Verbreitung neuer wissenschaftlicher Ideen bringt die katholische Kirche erneut in Zugzwang. 1542 gründet Papst Paul III. die "Heilige Römische und Universale Inquisition" in Rom. Der einzelne Inquisitor, der bisher das Sagen hat, verschwindet von nun an in einem bürokratischen Apparat: dem "Heiligen Officium", wie diese Behörde auch genannt wird. Ihm gehören rund ein Dutzend Kardinäle an, deren Aufgabe die Reinerhaltung des Glaubens ist.

Die Bronzestatue von Giordano Bruno auf dem Campo de Fiori in Rom

Giordano Bruno stirbt 1600 auf dem Scheiterhaufen

Durch die Erfindung des Buchdrucks kann sich häretisches Gedankengut in Windeseile verbreiten. Folglich versucht die Behörde, den Buchmarkt zu kontrollieren. Bücher werden überprüft und zensiert, regelmäßig wird ein Index aller verbotenen Bücher veröffentlicht. Wer ein verbotenes Buch besitzt oder liest, muss mit der Exkommunikation rechnen und das gilt nicht nur für reformatorische Literatur. Gerade das Aufkommen neuer wissenschaftlicher Ideen führt zu einer harten Konfrontation mit dem kirchlichen Dogma. Das prominenteste Opfer ist Galileo Galilei. Nicht allein, dass er das kopernikanische Weltbild als Tatsache ansieht: Er stellt den Papst auch noch als Dummkopf hin und muss sich als rückfälliger Ketzer zweimal vor der Inquisition verantworten. Er wird zu lebenslanger Haft verurteilt, die später in Hausarrest abgemildert wird. Noch schlimmer ergeht es Giordano Bruno. Der ehemalige Dominikanermönch wird auf dem Campo dei Fiori in Rom öffentlich verbrannt, weil er behauptete, Jesus sei nicht der Sohn Gottes und das Universum sei unendlich.

Mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert hat die Kontrolle wissenschaftlicher Ideen aber endgültig ein Ende. Die Inquisition konzentriert sich jetzt darauf, die Ordnung innerhalb der Kirche zu überwachen. Ihr Einfluss in Europa schrumpft auch deshalb, weil die weltlichen Mächte der Kirche die Machtmittel entziehen. Aber die Inquisition wird auch selbst milder. 1761 und 1782 gibt es die letzten Todesurteile in Rom beziehungsweise Sevilla. 1917 gibt der Papst die Leitung der Behörde an einen Kardinal ab, 1965 wird das "Heilige Officium" endgültig aufgelöst, die Indizierung von Büchern wird abgeschafft.

Die Glaubenskongregation

Papst Benedikt XVI. in purpur-rotem Gewand

Der ehemalige Papst Benedikt XVI. war Leiter der Glaubenskongregation

An die Stelle der "Heiligen Römischen und Universalen Inquisition" tritt die Glaubenskongregation. Sie wacht noch immer über die Einheit des Glaubens. Sie kann aber effektiv nur gegen Mitarbeiter und Geistliche der Kirche vorgehen. Die wirksamste Strafe, die verhängt werden kann, ist das Berufsverbot. Der spätere Papst Benedikt XVI., Kardinal Joseph Ratzinger, war viele Jahre Leiter der Glaubenskongregation. Er hat zum Beispiel den Theologen Hans Küng und Leonardo Boff die Lehrerlaubnis entzogen. Küng bezweifelte die Unfehlbarkeit des Papstes und kritisierte das Abtreibungsverbot.

Ein Sinneswandel der katholischen Kirche wird auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) erkennbar, dort bekennt sich die katholische Kirche zur Religions- und Gewissensfreiheit. Am ersten Fastensonntag des Jahres 2000 gesteht Papst Johannes Paul II. als erster Papst öffentlich Irrtümer und Fehlverhalten der katholischen Kirche ein. Er sagt, die Kirche habe bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen - damit meint er die Verfolgung Andersgläubiger, Zwangsbekehrung, Folter und Inquisition. 1998 öffnet der Vatikan die Archive der römischen Inquisition. Tausende von Inquisitionsakten aus vielen Jahrhunderten werden sicherlich viele Erkenntnisse über ein dunkles Kapitel der katholischen Kirche bringen.

Autor/in: Horst Basting

Stand: 16.01.2013, 12:00

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