Der Pest auf der Spur

Zwei Totenköpfe

Leben im Mittelalter

Der Pest auf der Spur

Die Geschichte der Pest ist noch lange nicht auserzählt. Immer wieder finden Forscher neue Hinweise, die Aufschluss über die vielleicht schlimmste Seuche der Menschheitsgeschichte geben. Mit den neuesten Methoden der Forensik gelingt es Wissenschaftlern, dem Schwarzen Tod seine Geheimnisse zu entreißen.

Das Pestgenom wird entschlüsselt

London, der alte Friedhof East Smithfield: Hier vermuten Forscher Pestopfer. Denn während der ersten Pestwelle, die ab 1348 in London wütete, starben in der Stadt täglich rund 200 Menschen. Nach dem Jahr 1350 – so belegen es Dokumente – wurde niemand mehr auf diesem Friedhof beerdigt.

Die Wissenschaftler prüfen, ob die Toten tatsächlich Pestopfer sind. Denn zeitweise gibt es Zweifel, ob es wirklich Pestbakterien waren, die die verheerenden Krankheitswellen im Mittelalter auslösten. Doch die Erbgutspuren bestätigen: Es handelt sich um Pesttote, die dem Bakterium Yersinia pestis zum Opfer fielen – dem Auslöser des sogenannten Schwarzen Todes. Dann geht alles sehr schnell. In weniger als einem Jahr gelingt den Wissenschaftlern das Pestgenom zu entschlüsseln. Das war im Jahr 2011.

Dazu hatte das internationale Forscherteam um Prof. Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena aus den Zähnen der Toten Proben entnommen und diese pulverisiert. In den Backenzähnen sind die Fragmente der Pest-DNA nämlich geschützter als in Knochen, und es gibt nicht so viel fremde DNA von anderen Mikroorganismen.

Das Ergebnis: Nur etwa vier Prozent des DNA-Rests in dem Pulver waren menschliche DNA und lediglich 0,0005 Prozent waren DNA des Pestbakteriums, das den Menschen tötete. Alles andere stammte von Mikroorganismen und Pilzen, die sich nach der Bestattung im Körper des Menschen angesammelt hatten. Deshalb reicherten die Forscher die DNA zunächst einmal an und vervielfältigten sie. Die Rekonstruktion des Genoms erfolgte schließlich mithilfe von Computern.

In weiteren Untersuchungen fanden die Forscher heraus, dass ein einzelner Stamm des Pestbakteriums Yersinia pestis zum Ausbruch mehrerer historischer und neuzeitlicher Pestepidemien rund um den Globus führte. Sie analysierten und verglichen dazu das Erbgut der Erreger von verschiedenen Pestausbrüchen in unterschiedlichen Regionen Europas.

Es zeigte sich: Sogar nach ihrem wohl schlimmsten Ausbruch, dem Schwarzen Tod (1347-1351), trat die Pest bis ins 18. Jahrhundert hinein wiederholt auf. Diese Pestausbrüche werden zusammenfassend als "zweite Pandemie" bezeichnet.

Ferner zeigte sich, dass der Pesterreger ursprünglich nur Tiere krank machen konnte. Wegen kleiner Veränderungen in der DNA des Schwarzen Todes vermuten Wissenschaftler, dass der Erreger erst kurz vor dem Ausbruch des Schwarzen Todes so mutierte, dass er zur lebensgefährlichen Bedrohung für Menschen wurde.

Ratte auf einem Rohr.

Ratten und andere Nagetiere verbreiteten die Pest

Die Pest gab es viel früher als bisher gedacht

Dass es schon im 6. Jahrhundert nach Christus eine Pestwelle in Europa gab, hat ein Forschungsteam des Mikrobiologischen Instituts der Bundeswehr um Dr. Holger Scholz herausgefunden. Anhand von Toten aus einem Massengrab im bayerischen Aschheim konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass es Pesterreger waren, die die damals grassierende Pandemie ausgelöst hatten.

Diese Masseninfektion im 6. Jahrhundert wird Justinianische Pest genannt. So hieß sie auch schon vor der Entdeckung der Wissenschafter, weil der Begriff Pest früher für alle möglichen schlimmen Krankheiten benutzt wurde.

Die wichtigsten Erkenntnisse dieser Untersuchung: Der Erreger der Justinianischen Pest stammt vermutlich aus Zentralasien und ist nicht in direkter Linie mit dem Pesterreger verwandt, der im 14. Jahrhundert den Schwarzen Tod auslöste.

Scholz geht deshalb davon aus, "dass verschiedene Pesterreger mehrfach zu verschiedenen Zeitpunkten aus der Nagetierpopulation eingetragen wurden" und "im weiteren Verlauf zu lokalen Epidemien und Pandemien führten“. Demnach überlebte der Pesterreger rund 400 Jahre in Europa und wurde nicht immer wieder aus Asien eingeschleppt.

Wahrscheinlich existierte die Pest sogar schon vor 5000 Jahren – in der Bronzezeit. Diesen Schluss legen Studien eines dänischen Forscherteams um Eske Willerslev nahe, das in den Zähnen von Europäern und Asiaten aus der Bronzezeit nach genetischen Spuren des Pestbakteriums suchte. Die Zähne stammten von Ausgrabungen oder aus Museen. Die Wissenschaftler wurden in den Zähnen von sieben Skeletten fündig. Diese Menschen hatten zwischen 2794 und 951 vor Christus gelebt.

Durch einen Vergleich mit der DNA späterer Pestopfer fanden die dänischen Wissenschaftler heraus, dass frühen Pesterregern ein Gen fehlt, das ihn im Darm von Flöhen schützt. Deshalb nehmen sie an, dass das Pestbakterium in der Frühzeit seiner Entwicklung noch nicht über Flöhe verbreitet wurde, wie es heute oft passiert.

Nahaufnahme Floh.

Flöhe entwickelten sich zu Pestüberträgern

Den Untersuchungen zufolge war der Erreger sehr verbreitet, aber weniger gefährlich als später. Töten konnte er aber auch damals schon, erklärt Scholz vom Mikrobiologischen Institut der Bundeswehr. Erst in Pestopfern aus der Zeit um 1000 vor Christus konnten Forscher ein Gen nachweisen, das als Beleg dafür gilt, dass der Floh zum Zwischenwirt für die tödliche Krankheit wurde.

Pest verschwand aus Europa – oder etwa nicht?

Welchen Weg die Pest in Europa genommen hat, konnten Wissenschaftler anhand von DNA-Untersuchungen an Pesttoten aus Massengräbern in Barcelona, Spanien, und dem süddeutschen Ellwangen sowie aus einem Einzelgrab im russischen Bolgar verfolgen.

Während der spanische Erreger auf die Mitte des 14. Jahrhundert datiert wird und damit am ehesten den Beginn des Schwarzen Todes repräsentiert, stammt das russische Genom aus den Jahrzehnten nach dem Abklingen dieser Pandemie. Die Ellwanger Probe ist einem späteren Pestausbruch im 16. Jahrhundert zuzurechnen.

Aus historischen Quellen lässt sich schließen, dass die Pest in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in Richtung Nordosteuropa nach Russland reiste. Schon früher wurde angenommen, dass die Pest von Russland aus weiter nach China wanderte. Genetische Belege dafür erbrachte erstmals die Arbeit der Forscher vom Max-Planck-Institut (MPI) für Menschheitsgeschichte in Jena.

Mit dem Abklingen des Schwarzen Todes in Mitteleuropa seien Stämme der europäischen Pest nach Osten gewandert, erklärt Studienleiter Johannes Krause. Sie hätten am Ende des 14. Jahrhunderts das Gebiet der Goldenen Horde im heutigen Russland erreicht und wären schließlich bis nach China gelangt, "wo sie die dritte weltweite Pestpandemie auslösten, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann“.

Grab in Ellwangen mit Totenkopf.

Fund in Ellwangen: ein Massengrab mit Pesttoten

Heute existieren in China verschiedene Stämme des Pesterregers. Doch nur "die Abstammungslinie, die Jahrhunderte zuvor in Europa den Schwarzen Tod verursacht hat, hat Südostasien im späten 19. Jahrhundert verlassen und sich schnell nahezu über die ganze Welt verbreitet“, erläutert Alexander Herbig vom MPI. Eine Theorie, die das Mikrobiologische Institut der Bundeswehr teilt.

In Europa verebbte die letzte Pestwelle 1722 in Marseille, danach traten in Europa nur noch Einzelfälle auf. Weil sich die Pesterreger aus der Zeit des Schwarzen Todes und von 1722 genetisch kaum unterscheiden, gehen verschiedene Forscher davon aus, dass das Pestbakterium über Jahrhunderte in Europa überlebt hat.

Warum es später keine Pestausbrüche mehr gab, ist noch immer ein ungelöstes Rätsel. Vielleicht, so vermutet Mikrobiologe Scholz, gibt es noch immer pestinfizierte Nagetiere in den hohen Alpenregionen. Dort, fernab von den Menschen, könnte sich der Pesterreger noch immer aufhalten.

Autorin: Annika Erbach

Stand: 24.01.2017, 14:24

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