Kurt Schrimm – Ein Staatsanwalt auf der Suche nach Nazis

Die SS

Kurt Schrimm – Ein Staatsanwalt auf der Suche nach Nazis

NS-Verbrecher sollten sich auch heute nicht zu sicher fühlen. Denn Staatsanwalt Kurt Schrimm (Jahrgang 1949) lässt die Vergangenheit nicht ruhen. Der zweifache Familienvater ist so etwas wie ein "Chef-Nazijäger". Er leitet die "Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen" (kurz: "Zentrale Stelle") in Ludwigsburg. Eingerichtet wurde das Amt im Dezember 1958. Erschießungen von Zivilisten im Zweiten Weltkrieg? Ein Aufgabengebiet von Kurt Schrimm. Ebenso wie die Aufarbeitung millionenfacher Morde in Konzentrationslagern.

Planet Wissen: Herr Schrimm, war Ihnen immer klar, dass Sie einmal NS-Verbrecher jagen würden?

Porträtfoto von Kurt Schrimm.

Kurt Schrimm klärt NS-Verbrechen auf

Kurt Schrimm: Nein, eigentlich nicht. Nach meinem Jura-Studium habe ich zunächst bei der Staatsanwaltschaft in Stuttgart gearbeitet. Mitte der 1980er Jahre kam dann mein Chef zu mir und sagte: "Du beschäftigst dich ab jetzt mit der Ermittlung von Morden im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Gewaltverbrechen." Lange diskutiert wurde da nicht - in einer hierarchisch gegliederten Behörde ist das dann halt so.

Wenn man als Jurist lange auf so einer speziellen Position arbeitet, erwirbt man sich irgendwann einen Expertenruf. Im September 2000 durfte ich dann die Leitung der "Zentralen Stelle" in Ludwigsburg übernehmen. Ein besonderer Job, denn hier ist man nicht mehr nur Jurist. Hier arbeitet man gleichzeitig auch als Ermittler und Historiker. Anders ist die Aufarbeitung von NS-Verbrechen gar nicht möglich.

Gibt es einen Fall, der Sie in Ihrer Karriere besonders geprägt hat?

Der frühere SS-Oberscharführer Josef Schwammberger mit seinem Wahlverteidiger Heinrich Blessinger.

Schwammberger mit seinem Verteidiger

Ich glaube, mir wird die Verfolgung des NS-Verbrechers Josef Schwammberger immer in besonderer Erinnerung bleiben. Das war noch in meiner Stuttgarter Zeit. Josef Schwammberger war im Nationalsozialismus SS-Oberscharführer. In Polen war er Leiter des Ghettos in Przemyśl. Außerdem führte er das Kommando über die Zwangsarbeitslager Rozwadów und Mielec.

Fünf Jahre lang habe ich damals Beweise über die Verbrechen gesichert, für die Schwammberger verantwortlich war. Ziel meiner Arbeit war es, den Mann anzuklagen und vor Gericht zu bringen. Die Strafkammer verurteilte ihn dann 1992 letztlich wegen Mordes in sieben Fällen und der Beihilfe zum Mord in 32 Fällen zu lebenslanger Haft. Ein Erfolg unserer Recherchen und Ermittlungen.

2011 machte die Verurteilung des KZ-Aufsehers John Demjanjuk Schlagzeilen. Auch ein besonderer Fall für Sie?

Der Dienstausweis von Iwan "John" Demjanjuk, den er 1942 als Wachmann in seinem Ausbildungslager Trawniki bekommen hat.

Der Dienstausweis des KZ-Wachmanns Demjanjuk

Wir haben hier in Ludwigsburg die Vorermittlung dieses Falls übernommen. John Demjanjuk war KZ-Aufseher im Vernichtungslager Sobibor. Das Landgericht München verurteilte ihn wegen Beihilfe zum Mord in tausenden Fällen zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren.

Dieses Urteil markiert einen Wendepunkt in der Rechtssprechung von NS-Verbrechen: Vorher ging man stets davon aus, dass die Individualschuld eines Täters nachgewiesen werden müsse. Das heißt, ein einzelner Mord musste durch Dokumente oder stichhaltige Zeugenaussagen bewiesen werden - sonst konnte der Täter nicht bestraft werden.

Bei Demjanjuk war das anders. Die Tatsache, dass Demjanjuk Wärter im Vernichtungslager Sobibor war, reichte dem Gericht zur Verurteilung: Demjanjuk sei "Teil der Vernichtungsmaschinerie" gewesen, hieß es in der Urteilsbegründung.

Beeinflusst dieser Richterspruch Ihre Arbeit?

Natürlich. Über Jahrzehnte hinweg konnten wir 80 bis 90 Prozent der NS-Verbrecher nicht anklagen, weil wir ihre Individualschuld nicht nachweisen konnten. Plötzlich kann auch das Personal, können auch die Wärter von Vernichtungslagern wie Sobibor, Treblinka, Belzec, Kulmhof und Auschwitz belangt werden. Da lohnt es sich für uns zu ermitteln.

Wie schwierig ist die Fahndung nach NS-Verbrechern heute?

Tatsächlich läuft die Zeit bei den Ermittlungsarbeiten gegen uns. Aber erst einmal muss man festhalten: Die Aufgabe unserer Behörde ist die Aufklärung von NS-Verbrechen - nicht die Verfolgung. Uns interessiert: Was ist geschehen? Wer ist für die Taten verantwortlich? Anklage erheben muss dann die zuständige Staatsanwaltschaft.

Unser größtes Problem ist, dass die Verbrechen, um die es heute geht, in der Regel sehr schwach dokumentiert sind. Das heißt: Es gibt kaum schriftliche Beweise. Fast 70 Jahre nach Kriegsende suchen wir ja nicht mehr nach den Befehlshabern, sondern nach Befehlsempfängern, nach vergleichsweise "kleinen Fischen" in der NS-Hierarchie. Oft sind es Täter, die in Gruppe gemordet haben. Selbst die jüngsten dieser Täter sind Ende 80 oder gar 90 Jahre alt - das Fenster zur Strafverfolgung wird naturgemäß immer kleiner.

Wie kann man sich Ihre Arbeit konkret vorstellen?

Stacheldraht umzäunt das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek.

Das Konzentrationslager Majdanek

Wir sitzen heute nicht mehr am Schreibtisch und warten darauf, dass Fälle an uns herangetragen werden. Stattdessen fahren wir beispielsweise zu Archiven nach Russland und Weißrussland. Hier suchen wir ganz gezielt nach Beweisen für bestimmte Taten. Oft sind uns die Verbrechen, die an der Ostfront geschehen sind, ja schon seit Jahrzehnten bekannt - nur die Namen der Täter fehlen uns.

So war es bislang zum Beispiel bei der "Aktion Erntefest". Hinter diesem Tarnnamen verbirgt sich der Mord an 43.000 Juden aus den polnischen Konzentrationslagern Trawniki, Poniatowa und Majdanek. Teilweise mussten die Opfer selbst die Gräben ausheben, in denen sich später die Leichen türmten. Tausende von Polizisten und SS-Männer führten die Erschießungen am 3. und 4. November 1943 durch. Bislang lag ihre Identität im Dunkeln. Neue Archivfunde könnten dies nun bei einzelnen Schützen ändern.

Ermitteln Sie auch in anderen Ländern?

Auch in Südamerika sind wir aktiv. Viele NS-Verbrecher haben sich nach dem Krieg eine neue Identität zugelegt, sind in Südamerika untergetaucht. Geholfen hat ihnen dabei ein Reisepass des Internationalen Roten Kreuzes - ein Pass mit gefälschtem Namen versteht sich. Den NS-Verbrechern Adolf Eichmann, Josef Mengele und Erich Priebke gelang so nach Kriegsende zum Beispiel die Flucht.

Wir nutzen dieses Wissen und fahnden in Südamerika ganz gezielt nach einzelnen Personen: Wer ist nach Kriegsende nach Südamerika eingereist? Wer kam allein? Wer nutzte einen Ausweis des Internationalen Roten Kreuzes? Natürlich stoßen wir bei einer solchen Fahndung auf ganz viele Menschen, die ein tadelloses Leben geführt haben. Es ist aber durchaus  auch möglich, dass wir auf diese Art einen Täter finden, den wir schon lange suchen.

Wie lange wird es die "Zentrale Stelle" Ihrer Meinung nach noch geben?

So genau kann man das nicht sagen. Schon vor 30 Jahren haben die Leute gesagt: "Dein Aufgabengebiet - das wird bald Geschichte sein." Nun gehe ich nächstes Jahr in den Ruhestand. Und bisher gibt es keinen Hinweis darauf, dass ich der letzte Amtsleiter hier in Ludwigsburg bin.

Und ich glaube, das macht auch Sinn: Solange es immer noch Archive gibt, die wir auswerten können, solange Akten im Ausland lagern, die wir bisher nicht sichten konnten, solange sollten wir arbeiten, um so viele Verbrechen wie möglich aufzuklären.

Interview: Clara Walther

Stand: 01.03.2013, 12:00

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