Dietrich Bonhoeffer

Dietrich Bonhoeffer

Drittes Reich

Dietrich Bonhoeffer

Sein Name steht für Widerstand im Nationalsozialismus. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer kämpfte gegen Hitler – allerdings ohne Waffen. Kontakte ins Ausland, besonders nach England, prägten seine Arbeit. Oft als "getarnter Kurier des Widerstands" bezeichnet, betonte er immer wieder die Verantwortung für seine Mitmenschen und die Wichtigkeit "wirklichkeitsgemäßen Handelns", berichtet die Nichte Bonhoeffers Renate Bethge.

Weißer Sonntag

Walter Huppenkothen, Sonderkommissar im Reichssicherheitshauptamt, fährt am 7. April 1945 samt Ehefrau, Koffern, Akten und Benzin von Sachsenhausen nach Bayern. Die Verkehrs- und Versorgungslage in Deutschland ist katastrophal in diesen Tagen und Benzin ein wertvolles Gut, das es nicht zu verschwenden gilt.

Schwarzweiß-Porträt von Dietrich Bonhoeffer mit Nickelbrille aus dem Jahr 1939.

"Dem Rad selbst in die Speichen fallen"

Dieser Auftrag genießt außerordentliche Wichtigkeit, kommt er doch von Adolf Hitler persönlich: Die Verschwörer sollen den Untergang des Dritten Reichs nicht überleben. Huppenkothen führt die Ermittlungen gegen die Verschwörer Hitlers, die an dem gescheiterten Bombenattentat am 20. Juli 1944 beteiligt waren.

Längst ist klar, dass der Theologe Dietrich Bonhoeffer einer von ihnen war. Die Anklage Huppenkothens lautet auf Landes- und Hochverrat, und am 8. April 1945, am Weißen Sonntag, besiegelt SS-Richter Otto Thorbeck im bayerischen Flossenbürg das Urteil: Tod durch den Strang. Für Bonhoeffer kommt das Kriegsende einen Monat zu spät, er stirbt am 9. April 1945.

Schule und Studium

Schwarzweiß-Aufnahme von Paula Bonhoeffer mit ihren acht Kindern, der achtjährige Dietrich ist der zweite von rechts.

Mutter Bonhoeffer und ihre Kinder (Dietrich 2.v.r.)

Geboren am 4. Februar 1906 in Breslau, wächst Dietrich Bonhoeffer als sechstes von acht Kindern in einer großbürgerlichen Familie auf, die stets mindestens fünf Hausbedienstete angestellt hat. Sein Vater, Karl Bonhoeffer, ist einer der führenden Psychiater und Neurologen seiner Zeit. Die Mutter ist Lehrerin und unterrichtet ihre Kinder bis zum Abitur.

1911 erhält der Vater einen Ruf auf einen für ihn eingerichteten Lehrstuhl an der Universität Berlin. Berlin soll die neue Heimat der Familie Bonhoeffer werden, und Berlin und seine Familie sind es auch, denen Bonhoeffer bis zuletzt verbunden ist. 1923 legt der damals 17-Jährige das Abitur ab. Danach nimmt er in Tübingen das Studium der Theologie auf. Mit 21 Jahren promoviert er in Berlin summa cum laude – mit hervorragender Leistung.

1928 wird Bonhoeffer Vikar in der deutschen evangelischen Kirchengemeinde von Barcelona, 1929 Assistent an der Berliner Universität, an der er sich 24-jährig mit der Schrift "Akt und Sein" habilitiert. Es folgt ein Jahr praktische Pastoralarbeit in New York, an die sich 1931 ein Lehrauftrag an der Berliner Universität anschließt. Bonhoeffer übernimmt auch immer wieder die Ausbildung angehender Pastoren – zuerst ganz offiziell, später, nach Schließung des letzten Predigerseminars durch die SS (Schutzstaffel), illegal und getarnt.

Vom Pazifismus zum Widerstand

Schwarzweiß-Gruppenfoto Bonhoeffers beim Besuch einer Studentengruppe. Die Stimmung ist freudig, ein Student spielt Blockflöte.

Dietrich Bonhoeffer mit Studenten (1932)

Schon früh äußert Bonhoeffer Kritik am nationalsozialistischen Führerprinzip. 1933 veröffentlicht er den Aufsatz "Die Kirche vor der Judenfrage" und verlangt darin von der Kirche, nicht nur den Opfern der staatlichen Gewalt zu helfen, sondern auch aktiven Widerstand zu leisten – "dem Rad selbst in die Speichen fallen". 1935 tritt Bonhoeffer der Bekennenden Kirche (BK) bei.

Diese Gruppe innerhalb der evangelischen Kirche wendet sich gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung und bildet sich 1934 in Wuppertal-Barmen um Abwehrchef Wilhelm Canaris, General Hans Oster, Heeresrichter Karl Sack, Generaloberst Ludwig Beck und Bonhoeffers Schwager Hans von Dohnanyi. Bonhoeffer pflegt seine vielfältigen internationalen Kontakte nicht zuletzt deshalb, um über die innerdeutschen kirchlichen Konflikte im Ausland zu berichten und vor der nationalsozialistischen Kirchenpolitik zu warnen.

1936 entziehen die Nationalsozialisten Bonhoeffer die Lehrerlaubnis für Hochschulen, 1940 erhält er Rede- und Schreibverbot, darf sich auch nicht mehr in Berlin aufhalten. Obwohl die Nationalsozialisten ihn auf Schritt und Tritt beobachten, lässt Bonhoeffer sich 1940 von Oster und Dohnanyi in ihre Kreise einschleusen – allerdings in München, denn dort gilt er aus Sicht der Nazis noch als unbescholten.

Bonhoeffer wird Vertrauensmann in der Zentralabteilung des Amtes Ausland und Abwehr. In dieser Position wird er zum einen nicht zum Wehrdienst eingezogen, zum anderen kann er getarnt ins Ausland reisen. Bonhoeffer soll die Truppenkonzentrationen der Roten Armee beobachten. Doch sein eigentlicher, verdeckter Plan ist es, mit Hilfe der christlichen Kirchen weltweit die laufenden Kriegsvorbereitungen zu boykottieren.

Verhaftung und Gefangenschaft

Im Widerstandskreis der Bekennenden Kirche gibt es immer wieder einen Streitpunkt: Sollen alle Akten vernichtet werden, damit die Beweise vor der SS verschwinden? Oder müssen die Akten aufbewahrt werden, um den Alliierten bei Kriegsende die lange Widerstandsbewegung zu belegen? Bonhoeffer ist der Meinung, dass zur Sicherheit der Widerstandskämpfer keinerlei Dokumente aufbewahrt werden dürften.

Schwarzweiß-Aufnahme: Bonhoeffer (Zweiter von rechts) und drei Mitinsassen laufen über den Gefängnishof in Berlin-Tegel. In der Mitte in Uniform: Oberfeldwebel Napp, der die Fotoaufnahme veranlasst hat.

Bonhoeffer (2.v.r.) und Mitinsassen auf dem Gefängnishof in Berlin-Tegel

Doch der Widerstandskreis ist sich in diesem Punkt nicht einig und so findet die SS am 5. April 1943 bei Bonhoeffers Schwager Hans von Dohnanyi belastende Akten. Bonhoeffer wird wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert – zuerst im Wehrmachtsgefängnis Berlin-Tegel, danach im Gestapo-Bunker in der Prinz-Albrecht-Straße.

Im Gefängnis freundet sich Bonhoeffer mit Wächtern an, die ihm zur Flucht verhelfen wollen – geplant am 5. Oktober. Doch kurz zuvor, am 22. September 1944, findet die SS weitere belastende Akten, die Bonhoeffers Beteiligung am gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 nachweisen: Am 31. Mai 1942 hatte Bonhoeffer in Sigtuna, Schweden, den britischen Bischof George Bell getroffen und ihn über die geheime Widerstandsgruppe und ihr Ziel unterrichtet: "völlige Vernichtung des ganzen Hitlerregimes“, wie später in Bells Aufzeichnungen über dieses Treffen zu lesen ist.

Die Akten über das Treffen bedeuten Bonhoeffers Tod. Für ihn ist jetzt auch klar: Zum Schutze seiner Familie wird es keine Flucht geben, denn die SS würde sich an seinen Verwandten rächen. Die Haft wird verschärft und Bonhoeffer wird im Februar 1945 ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Im April 1945 wird er in Flossenbürg wegen Landes- und Hochverrats hingerichtet.

Späte Rehabilitierung

Eine original Gestapo-Akte vom 20. September 1940 belegt Bonhoeffers Reichsredeverbot. Außerdem ist vermerkt, dass jedes Auftreten zu verhindern und über alle öffentlichen Äußerungen Bericht zu erstatten sei.

Gestapo-Akten von 1940

Nach dem Bayerischen Gesetz vom Mai 1946 zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts sind "politische Taten, durch die dem Nationalsozialismus oder Militarismus Widerstand geleistet wurden", nicht strafbar. Mit dieser Vorschrift heben Bayerische Gerichte ein Jahr nach Kriegsende alle Unrechtsurteile pauschal auf.

Zwar zählt das Todesurteil Bonhoeffers auch dazu, jedoch rollt der Bundesgerichtshof (BGH) 1956 die Flossenbürg-Prozesse neu auf. Der BGH spricht dabei den Standgerichtsvorsitzenden Thorbeck "mangels Beweisen" frei. Huppenkothen wird zu einer sechsjährigen Zuchthausstrafe verurteilt – allerdings nur wegen eines pflichtwidrigen Formfehlers, weil er im Prozess gegen Bonhoeffer und seine Gefährten keine Urteilsbestätigung eingeholt hatte.

Bonhoeffers Urteil von 1945 wird ebenfalls neu überdacht und für rechtsgültig erklärt. Huppenkothen und Thorbeck haben "nach den damals geltenden (…) Gesetzen die Merkmale des Landesverrats (…) verwirklicht", heißt es in dem Richterspruch. Erst viele Jahrzehnte später wird das Todesurteil gegen Bonhoeffer und andere Widerstandskämpfer endgültig für rechtswidrig erklärt: Das Berliner Landgericht rehabilitiert sie 1996. Studenten und Dozenten der evangelischen Fachhochschule Hannover hatten zum 90. Geburtstag Bonhoeffers einen Antrag auf Aufhebung des Urteils gestellt.

Autorin: Claudia Kynast

Stand: 10.08.2016, 11:00

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