Rassismus heute

Während einer Kundgebung halten Menschen ein Plakat mit der Aufschrift 'Rassismus tötet' in die Höhe.

Nationalsozialistische Rassenlehre

Rassismus heute

Zwischen 2000 und 2006 ermordeten vorerst Unbekannte deutschlandweit acht Menschen. Eines der Opfer war Enver Şimşek. Neun Schüsse trafen ihn, als er an einem Stand in Nürnberg gerade Blumen verkaufte. Sein Tod blieb lange Zeit ungeklärt. Erst Jahre später stellte sich heraus, dass die Täter der rechtsextremen Szene angehörten. Für Şimşeks Tochter bestätigte sich damit, was sie schon lange ahnte: "Mein Vater musste sterben, weil er schwarze Haare und eine dunklere Haut hatte als seine Nachbarn, weil auf seinem Auto ein nichtdeutscher Name stand", sagte sie in einem Interview mit der WAZ.

Der Rassismus hat sich verändert

Enver Şimşeks Geschichte macht eines deutlich: Rassismus in Deutschland ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern Realität. Trotzdem wird heute nur selten offen von Rassismus gesprochen. Stattdessen ist häufig von Fremdenfeindlichkeit die Rede. Das liegt vor allem daran, dass der Begriff Rassismus in Deutschland eng mit der Rassenideologie der Nationalsozialisten verknüpft ist.

Die Nazis glaubten, die Menschheit lasse sich in verschiedene Rassen einteilen. Sie unterschieden zwei miteinander unvereinbare Rassen: die Arier und die Juden. Die Arier waren für die Nazis vollkommen. Sie hielten sie für den Juden körperlich und geistig überlegen und daher zum Herrschen über diese bestimmt. Die Arier hatten ihrer Ansicht nach auch das Recht, die Juden zu vernichten. Sie meinten, nur so könne die Qualität der Arier erhalten bleiben und sich die Menschheit höher entwickeln.

Der Rassismus, der sich in Deutschland heute beobachten lässt, hat mit der Rassenlehre der Nationalsozialisten wenig zu tun. Er geht von einer anderen Grundannahme aus: Nach dieser ließen sich die Menschen nicht minder- und höherwertigen Rassen, wohl aber verschiedenwertigen Kulturen und Religionen zuordnen. Es handelt sich sozusagen um einen Rassismus ohne Rassendenken.

Das bestätigen auch verschiedene Wissenschaftler. Der Historiker Christian Geulen weist etwa darauf hin, dass der heutige Rassismus vor allem ein sogenannter Kulturrassismus sei. Dieser propagiere keinen Rassen-, sondern einen Kulturkampf.

Rassistische Gewalt gibt es immer noch

In Deutschland äußert sich der Kulturrassismus vor allem in einer Feindlichkeit gegenüber Angehörigen des Islams. Das besagt eine Statistik der Bundesregierung: Danach gab es allein zwischen 2001 und 2011 mehr als 200 Straftaten gegen Moscheen. Hinzu kommen mehrere Brandanschläge.

Auch Antisemitismus gibt es in Deutschland weiterhin. Die meisten solcher Taten lassen sich im rechtsextremen Milieu verorten. Das bestätigt auch eine Aufstellung des Bundeskriminalamts. Allein 2011 zählte es mehr als 15.000 Straftaten, die rechtsextremistisch motiviert waren – darunter Körperverletzungen, Propagandadelikte und Volksverhetzungen.

Rechtsextreme werben um Nachwuchs

Eine Frau hält in ihren Händen eine CD der NPD und ein Begleitheft.

Die NPD verteilt CDs an junge Leute

Rechtsextreme Gruppierungen wie die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) werben heute zum Teil offen um Nachwuchs. Vor allem auf Kinder und Jugendliche haben sie es abgesehen. Im Internet, auf der Straße oder in der Schule versuchen sie, die jungen Menschen für sich zu gewinnen. Das Gefährliche: Den Kindern und Jugendlichen ist oft nicht klar, mit wem sie es zu tun haben.

Die Rechtsextremen gehen geschickt vor. Statt offene Propaganda zu betreiben, verpacken sie ihre Ideologie in harmlos wirkende Angebote. Sie locken die jungen Leute etwa mit Zeitungen oder sogenannten Schulhof-CDs.

Mitglieder der NPD in Mecklenburg-Vorpommern verteilen diese CDs zum Beispiel regelmäßig vor Landtagswahlen. Sie platzieren sich in Bahnhöfen und an Bushaltestellen, die in der Nähe von Schulen liegen. Kommt ein Schüler vorbei, drücken sie ihm die CD in die Hand.

In der Beschreibung steht, für jeden Musikgeschmack sei etwas dabei. Die wahren Namen der Bands verschwinden hinter Abkürzungen wie A.J. für "Arische Jugend". Vielen ist daher nicht klar, was sie gerade in ihrer Schultasche verstaut haben. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat die Schulhof-CDs deswegen verboten.

Nachwuchs suchen die Neonazis heute aber nicht nur auf der Straße. Auch im Internet verbreiten sie ihre Ideologie. 2012 gab es mehr als 7000 Webseiten und Beiträge in sozialen Medien, die von rechtsextremen Gruppen stammen. Das ergab eine Untersuchung von jugendschutz.net. In Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der Online-Beratung gegen Rechtsextremismus beobachten Vertreter des Portals, wie Neonazis das Internet nutzen.

Auch im Alltag lebt der Rassismus weiter

Ein Man notiert auf seinem Ipad den Satz: "Unwort des Jahres 2011: Döner-Morde".

Unwort des Jahres 2011: Döner-Morde

Offene Gewalt gegen Angehörige eines anderen Kulturkreises oder einer anderen Religion stellen nur die Spitze des Eisbergs dar. Auch im Alltag gibt es Rassismus. Er ist unter anderem ein Bestandteil der deutschen Sprache. Ein Beispiel hierfür ist der Begriff Mischling.

In der Alltagssprache wird er oft dazu verwendet, um ein Kind schwarzer und weißer Eltern zu beschreiben. Seinen Ursprung hat der Begriff aber in der Rassentheorie. Er basiert auf der Annahme, weiße und schwarze Menschen gehörten unterschiedlichen Rassen an. Ein Gedanke, der wissenschaftlich längst widerlegt ist.

Ein weiteres Beispiel für Alltagsrassismus liefert die Mordserie, der auch Enver Şimşek zum Opfer fiel. Die Medien bezeichneten sie damals als "Döner-Morde" oder "Mordserie Bosporus". Damit spielten sie auf den Migrationshintergrund der Ermordeten an – acht von ihnen waren türkischer und einer griechischer Herkunft.

Die Medien unterstellten den Opfern zudem einen Bezug zum Drogenmilieu. Völlig zu unrecht, wie sich später herausstellte. Die Täter waren Mitglieder des selbst ernannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), einer rechtsextremen Gruppierung. 2011 kürte eine Jury aus Sprachwissenschaftlern den Begriff Döner-Morde zum Unwort des Jahres.

Der selbst ernannte Nationalsozialistische Untergrund (NSU)

Auf einem Tisch im Gericht steht ein Namensschild von Beate Zschäpe.

Beate Zschäpe muss sich vor Gericht verantworten

Der NSU ist eine rechtsextreme Gruppierung, die seit den 1990er Jahren zahlreiche Mordanschläge auf Zivilisten begangen hat. An der Spitze des NSU, auch Zwickauer Zelle genannt, standen Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe.

Neben der Mordserie, der Enver Şimşek zum Opfer fiel, geht auch das Nagelbombenattentat von 2004 auf ihr Konto. In einem Viertel von Köln, in dem vor allem türkische Menschen leben, zündete die Terrorgruppe eine Nagelbombe und verletzte damit mehr als 20 Menschen. Der NSU ist auch für den Mord an einer Polizistin aus Heilbronn im Jahr 2007 verantwortlich.

Jahrelang konnten Mundlos, Bönhardt und Zschäpe ihre Angriffe planen und durchführen, ohne von der Polizei entdeckt zu werden. Erst am 4. November 2011 flog die Zwickauer Zelle auf. Um etwa 9.30 Uhr überfielen Uwe Mundlos und Uwe Bönhardt eine Bank in Eisenach. Mit dem erbeuteten Geld flüchteten sie in ihr Wohnmobil, das in einiger Entfernung stand. Die Polizei fahndete sofort nach den Tätern. Durch die Mithilfe der Bevölkerung fanden die Polizisten das Wohnmobil. Sie hörten zwei Schüsse, dann ging das Fahrzeug in Flammen auf.

Ermittlungen ergaben, dass sich die Täter selbst erschossen hatten. In den Trümmern des Wohnmobils fanden die Beamten unter anderem die Waffe, mit der die Polizistin aus Heilbronn getötet worden war.

Einige Stunden später gab es eine Explosion in einem Wohnhaus in Zwickau. Hier hatten die beiden toten Männer zusammen mit Beate Zschäpe gelebt. Von Zschäpe fehlte zunächst jede Spur. Vier Tage später, am 8. November 2011, stellte sie sich jedoch der Polizei. Seit Anfang 2013 steht sie vor Gericht. Ein Urteil ist noch nicht in Sicht.

Autorin: Andrea Böhnke

Stand: 09.08.2016, 11:00

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