Rudolf Virchow

Umgeben von Skeletten steht der Mediziner Rudolf Virchow in seinem Arbeitszimmer in Berlin.

Nationalsozialistische Rassenlehre

Rudolf Virchow

Überall in Europa begannen Mitte des 19. Jahrhunderts Wissenschaftler damit, die Entstehungsgeschichte und die Physiognomie des Menschen zu erforschen. Es wurde gesammelt, gemessen und klassifiziert. Führend auf diesem Gebiet war in Deutschland der Mediziner Rudolf Virchow. 1856 wurde Virchow zum Direktor des pathologischen Instituts an der Berliner Charité, eines der berühmtesten Krankenhäuser in Deutschland, ernannt.

Mediziner, Anthropologe, Ethnologe - Der Universalgelehrte Rudolf Virchow

Die Biografie von Rudolf Virchow (1821-1902) liest sich wie der klassische Lebenslauf eines Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts: Virchow war Mediziner, Anthropologe, Ethnologe und Archäologe. Als liberaler Politiker machte er im Berlin der Bismarckzeit von sich reden. Berühmt wurde Virchow durch seine medizinischen Forschung zur "Zellularpathologie". Aber auch als Anthropologe und Ethnologe erlangte er internationale Anerkennung.

1896 gehörte Rudolf Virchow zu den Gründungsmitgliedern der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Ziel dieser Gesellschaft war es, neuste Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Menschenkunde zusammenzutragen. Alles was von Expeditionen und Fernreisen mitgebracht wurde, auch Skelette und Schädel, wurde hier dem Fachpublikum vorgestellt und diskutiert. Die Ergebnisse dieser Treffen wurden katalogisiert und in der regelmäßig erscheinenden Zeitschrift für Ethnologie veröffentlicht.

Die Rudolf-Virchow-Sammlung

Die sogenannte Virchow-Sammlung wird heute vom anthropologischen Institut der Humboldtuniversität verwaltet. Rudolf Virchow hatte über 5000 menschliche Skelette und Schädel zusammengetragen. In Kisten verpackt, sorgfältig beschriftet und registriert, lagern noch mehr als 3000 von ihnen in einem ehemaligen Bunker in Berlin.

Zumeist waren es Schiffsärzte, die im Auftrag Virchows aus allen Kontinenten Skelette und Schädel mitbrachten. Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein regelrechter Markt für menschliche Knochenfunde. Es wurde gekauft oder getauscht. Alle großen anthropologischen Sammlungen und Museen in Europa beteiligten sich an diesem makabren Geschäft.

Zwei Schädel aus der Virchow-Sammlung.

Zwei Schädel aus der Virchow-Sammlung

Für Wissenschaftler sind ethnografische Sammlungen wie die Virchow-Sammlung von unschätzbarem Wert. Sie betrachten diese Skelette als biohistorische Urkunden. "Sachzeugen" werden sie auch in der Sprache der Anthropologen genannt. Die Kritiker dieser Sammlungen dagegen fordern eine Rückgabe der menschlichen Überreste an die Völker der Ursprungsorte, um sie dort würdig bestatten zu können.

Unter der Leitung von Rudolf Virchow wurden spezielle Messmethoden entwickelt, um exakte Mess- und Vergleichsdaten zu erhalten. Gängige wissenschaftliche Auffassung im 19. Jahrhundert war es, die Menschheit in Primitive und Kulturvölker einzuteilen. Sehr verbreitet war die Vorstellung, äußerliche Merkmale wie etwa eine stark vorstehende Stirnpartie als engere Verwandtschaft zum Urmenschen zu deuten. Man glaubte, dass es Menschen gebe, die in der Evolutionsskala dem Affen näher ständen. Hier entstanden die rassistischen Vorurteile von "affenartigen Menschen", "Wilden" oder "Primitiven".

"Völkerschauen"

Eine weitverbreitete Praxis unter Anthropologen und Völkerkundlern war es, Untersuchungen am "lebenden Objekt" vorzunehmen. Hierzu holte man sich in die Studierzimmer Menschen aus den sogenannten "Völkerschauen", die Ende des 19. Jahrhunderts in allen großen europäischen Städten zu sehen waren. Menschen wurden im Zoo oder im Zirkus ausgestellt.

Eine Völkerschau im Hamburger Hagenbecks Tierpark.

Völkerschauen fanden auch in Hamburg statt

Marktführer war hier der Hamburger Tierparkunternehmer Carl Hagenbeck. Bei Hagenbeck in Hamburg wurden Feuerländer und Lappen, Indianer und Nubier dem neugierigen Publikum als "Primitive" als "unverfälschte Naturmenschen" vorgeführt. Die Völkerschauunternehmer hatten großes Interesse an den Untersuchungen durch Völkerkundler und Anthropologen, belegten diese doch die "Echtheit" ihrer Ausstellungsteilnehmer.

Auch der Freigeist und Humanist Virchow machte von dieser Möglichkeit Gebrauch. Ganz dem Anspruch wissenschaftlicher Objektivität verpflichtet, entging Virchow die Überheblichkeit und der rassistische Gehalt seines Tuns. Welche Tortur diese Untersuchungen für die Völkerschauteilnehmer waren, zeigt ein Untersuchungsbericht von Rudolf Virchow. Er untersuchte eine Frau aus der Hagenbeckschen Eskimo-Truppe von 1880:

"Es war sehr schwierig, an ihr Messungen vorzunehmen, die bei den anderen ganz einfach vor sich gingen. Sowie es an die Körpermessungen ging, fing sie an zu zittern und geriet in höchste Aufregung. Während ich die Klafterlänge feststellen wollte und ihre Arme horizontal ausstreckte, was ihr wohl im ganzen Leben noch nicht vorgekommen war, bekam sie plötzlich den Anfall: Sie sprang mit beiden Beinen in einer zusammengebückten Stellung im Zimmer umher... Sie schrie, Ihr hässliches Gesicht sah dunkelrot aus, die Augen leuchteten, es bildete sich etwas Schaum vor dem Munde, genug, es war ein höchst widerwärtiger Anblick....Dann mit einem Male stand sie still, legte den Kopf auf den Tisch, verharrte ein paar Minuten in dieser Stellung, richtete sich dann auf und sagte in ihrer Sprache: Nun bin ich wieder gut." (Quelle: Zeitschrift für Ethnologie 1880).

Autor: Ulrich Baringhorst

Stand: 09.08.2016, 10:00

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