Auswanderer

Neuzeit

Auswanderer

Den Traum vom Glück in der Fremde träumen viele Menschen, auch bei uns. Die einen zieht eine Arbeitsstelle ins Unbekannte, andere die Neugier oder das milde Klima. Während im 19. und frühen 20. Jahrhundert das Auswandern per Schiff eine Entscheidung fürs Leben bedeutete, kann man heute alles recht einfach wieder rückgängig machen: Mit dem Flugzeug ist man von allen erdenklichen Ecken der Erde in ein paar Stunden wieder "zu Hause". Aber eine große Entscheidung ist es geblieben.

Gründe für das Auswandern

Die ersten deutschen Auswanderer trieben religiöse, politische und vor allem wirtschaftliche Gründe an. Religiöse Splittergruppen erhofften sich im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" mehr Religionsfreiheit. Viele politisch Aktive verloren nach der gescheiterten Revolution im Jahre 1848 die Hoffnung auf ein demokratisches Deutschland. Hauptgrund ist und war aber die wirtschaftliche Situation.

Im 19. Jahrhundert führten Hungersnöte in den Städten und Landknappheit durch ein Erbrecht, das zur Teilung des Landes in immer kleinere Parzellen führte, dazu, dass vielen ein Überleben in Deutschland kaum möglich war. Durch die beginnende Industrialisierung starben außerdem ganze Berufszweige aus.

Auch heute sind es drohende Arbeitslosigkeit und das Gefühl der Perspektivlosigkeit, die zur Flucht nach vorne treiben. Es gibt natürlich auch persönliche Motive, die Heimat zu verlassen: die Liebe, die Abenteuerlust, die Sehnsucht nach besserem Wetter oder nach einem ruhigeren Leben.

Das Auswanderermartyrium des 19. Jahrhunderts

Auswandererschiff, Holzstich.

Ein Zusatzgeschäft für die Reederei: Auswanderer

So bequem wie heute war das Auswandern damals bei weitem nicht - im Gegenteil, es war geradezu katastrophal! Die Segelschiffe, mit denen die Menschen der ersten Auswanderungswellen Anfang des 19. Jahrhunderts bis etwa 1880 Deutschland verließen - meist in Richtung Süd- und Nordamerika - waren eigentlich Frachtschiffe. In ihren Zwischendecks wurden Waren von Amerika nach Europa gebracht.

Auf dem Rückweg war der Platz frei - Auswanderer waren für die Reedereien also ein willkommenes Zusatzgeschäft. Die Auswanderer mussten als "Fracht" mehrere Wochen dicht gedrängt, oft ohne Tageslicht und Frischluft, unter Deck bleiben.

Die hygienischen Verhältnisse verursachten schwere Krankheiten wie Typhus und Mundfäule. Die Verpflegung mussten sich die Leute selbst mitbringen - doch wenn die Fahrt statt sechs Wochen zehn dauerte, verhungerten die Passagiere. Nur rund 50 Prozent überlebten diese Tortur.

Da viele Auswanderer die Überfahrt nicht bezahlen konnten, ließen sie sich anwerben und verpflichteten sich, für den neuen Arbeitgeber in Übersee mehrere Jahre nur für Kost und Logis zu arbeiten. Wenn sie "entlassen" wurden, bekamen sie vom Dienstherren oft ein Stück Land dazu, das sie bewirtschaften konnten.

"Luxus" auf den Dampfschiffen

Die Cap Arcona, Schnelldampfer der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrts-Gesellschaft auf der Elbe.

Auf den Dampfschiffen war es angenehmer

Anders die Situation auf den Dampfschiffen, mit denen die Menschen ab 1880 Deutschland verließen. Selbst in der untersten Klasse, im sogenannten Zwischendeck, versetzte der sparsame Luxus mit regelmäßigen Mahlzeiten, eigener Matratze und Unterhaltungsprogramm am Abend so manch junge Dienstsmagd vom Land in Erstaunen.

Auswandererschutzgesetze verpflichteten die Reedereien, die Passagiere zu verpflegen, für Hygiene zu sorgen und jedem eine Koje bereitzustellen. Die Auswanderer waren noch immer ein gutes Geschäft, doch ab 1900 machten sich die Dampfschiff-Betreiber immer mehr Konkurrenz. In der Folge wurden die Bedingungen immer angenehmer und die Überfahrten immer günstiger.

Auswanderungsziele in der Geschichte

Auswanderer bei der Abfahrt eines Schiffs.

Auf dem Weg zu einer neuen Perspektive

Die meisten Auswanderer wollten in die USA. Hier gab es genügend Land sowie günstiges Wetter und gute Böden, um die eigene Scholle zu bewirtschaften. Anders in lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien oder Chile. Aber hier konnte es sehr unwirtlich sein: Die Deutschen waren das subtropischen Klima nicht gewöhnt und die Infrastruktur ließ auch zu wünschen übrig.

Zwischen 1820 und 1930 gelangten knapp sechs Millionen Deutsche in die USA. Viele bildeten in den ländlichen Gebieten deutsche Gemeinschaften, wo man den gleichen Dialekt sprach und die Orte nach aktuellen deutschen Architekturmoden errichtete. Vielerorts entstand so ein "Little Germany", und erst die Enkel dieser Einwanderer wurden zu "richtigen Amerikanern".

Andere Ziele waren Australien und Neuseeland. Dorthin verschlug es zunächst nur ganz wenige Deutsche. Neuseeland, damals britische Kolonie und heute eines der beliebtesten Ziele, hatte den Ruf, zwar deutsche Tugenden wie Fleiß und Ausdauer zu schätzen, nicht aber das Leben des Einzelnen. Ganz zu schweigen von den Ureinwohnern, den Maoris, denen man nachsagte, Menschenfresser zu sein.

Erst die Goldfunde in den 1860er Jahren ließen Neuseeland zum Auswandererland werden. Die USA wurden besonders nach den Unabhängigkeitskriegen 1775 bis 1785 bei deutschen Auswanderern beliebt.

Ellis Island - die USA schränken die Einwanderung ein

Poster der Hamburg-Amerika Linie.

Die Einwanderung nach Amerika wurde zunehmend schwierig

Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich im beliebtesten Auswandererland, in Amerika, die Einwanderungspolitik. Immer stärker sollten die Einwanderungswilligen kontrolliert werden. Besonders Menschen aus Osteuropa waren nicht mehr gern gesehen, da sie als nicht assimilierungswillig wahrgenommen wurden.

1892 gründete die Regierung daher vor dem Hafen von New York Ellis Island. Auf der vorgelagerten Insel errichteten die Behörden eine neue Sammelstelle, wo bis zu 12.000 Menschen am Tag ankamen. Allein 1907 wurden mehr als 1.250.000 Einwanderer abgefertigt. 40 Prozent aller Amerikaner haben heute Vorfahren, die über Ellis Island ins Land kamen.

Mit der Quotenregelung ab 1924 begann der Niedergang von Ellis Island. 1932 war die Zahl derer, die abgewiesen wurden, zum ersten Mal größer als die der Zugelassenen. Bald lohnte sich die Bürokratie nicht mehr, so dass Ellis Island 1954 geschlossen wurde. Heute befindet sich auf der Insel ein Museum zur amerikanischen Einwanderung.

Auswandern heute

Auch heute noch sind die USA eines der beliebtesten Länder für Auswanderer. Gute Jobangebote locken vor allem Akademiker, deren Wert sich auf dem hiesigen Arbeitsmarkt nach Erfahrungen in den USA erhöht. Kluge Köpfe kehren Deutschland daher zumindest für ein paar Jahre den Rücken.

Auch Kanada ist heute eines der Topländer - wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung veranstaltet das Land sogar Jobbörsen in Deutschland. Mit der Europäischen Union (EU) hat sich aber auch die Migrationsmöglichkeit innerhalb Europas verbessert.

Während man für außereuropäische Länder ein Visum und eine Arbeitsgenehmigung braucht, ist es innerhalb der EU unproblematisch, den Wohnort zu wechseln. Das ist besonders praktisch für Rentner, die den Lebensabend im Süden verbringen wollen.

Für diejenigen, die Arbeit suchen, stehen Österreich und die Schweiz hoch im Kurs - auch hier finden Deutsche oft lukrativere Jobangebote als in Deutschland. Jedes Jahr verlassen rund 150.000 Deutsche ihr Heimatland.

Dennoch hat sich ein Wandel in der Art der Auswanderung vollzogen: Heute zieht man eher um. Denn im Prinzip kann jede Entscheidung noch einmal rückgängig gemacht werden. Wenn der befristete Arbeitsvertrag ausgelaufen ist, die Selbstständigkeit geplatzt ist oder man im Alter die solide, deutsche Gesundheitsversorgung benötigt, können Auswanderer schnell wieder zurück in Deutschland sein.

Und für Rückkehrer gilt: Auch wenn der Aufenthalt in der Fremde nicht so glücklich gelaufen ist, wie sie es sich erträumt haben - jeder ist immerhin um die Erfahrung reicher, wie es ist, im Ausland zu leben. Und nicht selten sieht ein Rückkehrer Deutschland viel positiver als vor dem Aufbruch in die große weite Welt.

Autorin: Christiane Gorse

Stand: 23.11.2015, 10:13

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