Viktorianisches Zeitalter

Zeichnung der englischen Königin Viktoria

Neuzeit

Viktorianisches Zeitalter

Das England des 19. Jahrhunderts ist so untrennbar mit seiner Königin Viktoria verbunden, dass das ganze Zeitalter ihren Namen erhielt. Die Queen war mehr als 60 Jahre Herrscherin ihres Landes. In ihre Herrschaftszeit fällt der Aufstieg Englands zur führenden Welt- und Wirtschaftsmacht.

Herrscherin einer Epoche

Als Viktoria am 20. Juni 1837 zur Königin von Großbritannien und Irland gekrönt wird, kann noch niemand ahnen, dass ihr Name einmal repräsentativ für das ganze Jahrhundert stehen wird. Unter ihrer Regentschaft verliert die Monarchie weitgehend ihre Macht und wandelt sich zu einer repräsentativen Instanz. Denn die Geschicke des Landes prägen schon im 19. Jahrhundert nicht mehr Krone und Adel, sondern Industrielle, Handelsgesellschaften und ambitionierte Politiker.

Trotzdem verkörpert Viktoria sowohl den Wandel Großbritanniens zur neuzeitlichen Großmacht als auch das Festhalten an bürgerlichen Traditionen und Konventionen. So melden sich während ihrer Regierungszeit die ersten Kämpferinnen für Frauenrechte zu Wort, doch die Queen hält deren Ziele für überflüssig und unsittlich.

Wirtschaftsmacht England

Die Entwicklung Englands zur führenden Wirtschaftsmacht des 19. Jahrhunderts ist schon sehr früh durch die industrielle Revolution angelegt. Nirgendwo sonst in Europa vollzieht sich der Wandel von handwerklicher Produktion zu industrieller Fertigung schneller und gründlicher als in England. Bereits vorhandene demokratische Institutionen wie Parteien, Parlament und Pressefreiheit sowie geschickte Wahlrechtsreformen verhindern revolutionäre Entwicklungen wie in anderen Ländern Europas. Trotz vieler offenkundiger Missstände glauben selbst die Arbeiter, ihre Interessen innerhalb des vorhandenen Gesellschaftssystems durchsetzen zu können.

Die Bevölkerungszahl Großbritanniens (inklusive Irlands) hat sich von 1830 bis 1901 trotz hoher Auswandererzahlen von 24 auf 41,5 Millionen fast verdoppelt. Den enorm ansteigenden Nahrungsmittelbedarf für so viele Menschen deckt man durch Exporte industrieller Güter und Importe von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Dementsprechend lebensnotwendig wird die Idee des Freihandels und damit der Abbau von Schutzzöllen für die englische Wirtschaft und Politik.

Die soziale Entwicklung

Karl Marx und Friedrich Engels entwickeln zwar ihre sozialistischen Ideen am Beispiel englischer Industriearbeiter, aber auf die englische Arbeiterbewegung des viktorianischen Zeitalters hat das wenig Einfluss. Dabei betreffen die sozialen Umwälzungen durch Industrialisierung, Verstädterung und Eisenbahnbau jeden einzelnen Bürger. Sie werden oft gegen erbitterte Widerstände durchgesetzt, denn ganze traditionelle Erwerbszweige werden durch die neuen Entwicklungen vernichtet. Die Verelendung großer Bevölkerungsschichten in den Ghettos der Industriestädte ist unübersehbar.

Gleichzeitig herrscht ein unerschütterlicher Fortschrittsglauben und der enorme wirtschaftliche Aufschwung zwischen 1845 und 1865 versöhnt viele Briten mit diesem Wandel, da es insbesondere einer wachsenden Mittelschicht spürbar besser geht. Sie wird zur staatstragenden Klasse, deren Werte die Epoche prägen. Grundbildung für alle Schichten - auch für Frauen - wird zur gesellschaftlich anerkannten Aufgabe.

Die Schattenseiten

Aufgrund seiner frühzeitigen Abhängigkeit vom Welthandel wird England entsprechend anfällig für Krisen, die auf seinen ausländischen Märkten entstehen. Die aus Südamerika eingeschleppte Kartoffelfäule führt ab 1845 über mehrere Jahre zu einer fürchterlichen Hungersnot in Irland, der 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fallen. Die Regierung in London sieht der Katastrophe untätig zu. Bis 1855 verlassen mehr als 2,1 Millionen Menschen die Insel, zum größten Teil in Richtung Vereinigte Staaten.

Auch in England selbst versucht man zunehmend, soziale Probleme durch die Förderung der Auswanderung betroffener Gruppen statt durch die Beseitigung der Ursachen zu lösen. Zwischen 1815 und 1875 verlassen neben den schon erwähnten Iren weitere fünf Millionen Menschen England, um sich auf Dauer in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Neuseeland, Indien und Südafrika niederzulassen.

Imperialismus

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wächst das englische Empire eher zufällig, je nachdem welche Gebiete von Handelsgesellschaften erschlossen werden. Marinestrategische Erwägungen sind für die Seemacht England oft entscheidender als der Wunsch, Länder zu Kolonien zu machen. Manche Gebiete fallen auch nur an die Krone aufgrund veränderter Machtverhältnisse in Europa (zum Beispiel nach den Napoleonischen Kriegen gegen Frankreich).

Ab 1850 beginnt sich das grundlegend zu ändern. Die Industrie braucht immer mehr Rohstoffe. Vor allem Deutschland und die Vereinigten Staaten entwickeln sich zunehmend zu Konkurrenten, die ähnliche Märkte erschließen wollen. Und nicht zuletzt entwickeln die puritanischen Viktorianer einen starken Missionseifer. Unter Einsatz des Militärs werden deshalb zunehmend Länder zu Kolonien gemacht, deren Rohstoffe und Märkte man völlig kontrollieren will. Damit sollen bereits bestehende Handelsbeziehungen gesichert (zum Beispiel Indien und Hongkong) oder wachsende Rohstoffnachfragen befriedigt werden (Afrika).

Langfristig widersprechen solche Entwicklungen dem ursprünglichen Gedanken des Freihandels. Aber die Idee des Imperialismus ist unter den führenden Nationen der Zeit weltweit so akzeptiert, dass niemand an ihrer Rechtmäßigkeit zweifelt. Dass Englisch bis heute als Weltsprache Nummer Eins gilt, ist noch eine Spätfolge des englischen Imperialismus.

Autor/in: Stefan Morawietz

Stand: 19.11.2013, 12:00

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