Kulturkampf – Bismarcks Streit mit dem Papst

Otto von Bismarck

Kulturkampf – Bismarcks Streit mit dem Papst

In Europa greifen im 19. Jahrhundert die liberalen Strömungen um sich. Dadurch sieht sich vor allem die katholische Kirche innerhalb der Gesellschaft geschwächt. Papst Pius IX. versucht mit kirchlichen Weisungen, die Stellung der Kurie wieder zu festigen. Der deutsche Reichskanzler Bismarck sieht darin eine Provokation und einen negativen Eingriff in den deutschen Nationalstaat, der gerade entstanden ist. Ein Schlagabtausch zwischen Papst und Kanzler beginnt, der als "Kulturkampf" in die Geschichte eingeht.

Der Ursprung des Kulturkampfes

Eine Karikatur zeigt Bismarck und Papst Pius IX. an einem Schachbrett sitzend. Der Papst hält sein Kinn fest und scheint über den nächsten Zug nachzudenken. Bismarck lächelt ihn herausfordernd an. Die Schachfiguren sind als Symbole des Kulturkampfes dargestellt, so zum Beispiel als Paragraphenzeichen, als Figur mit einer Fahne, die die Aufschrift 'Klostergesetz' trägt oder als Figur die mit 'Enzyklika' und dem lateinischen Wort für Verbot beschriftet ist.

Bismarcks harte Schachpartie mit dem Papst

Die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche hat ihren Ursprung bereits im Jahr 1864: Schon damals sah sich Papst Pius IX. genötigt, auf den Liberalismus zu reagieren, der sich in der modernen europäischen Gesellschaft immer weiter durchsetzte. Das Kirchenoberhaupt hielt diese gesellschaftliche und politische Strömung für eine Gefahr, die die Position der katholischen Kirche entscheidend schwächen konnte.

Er ließ daher eine Liste von sogenannten Irrtümern und Irrlehren veröffentlichen, von denen er glaubte, sie schadeten dem Einfluss und dem Standpunkt der katholischen Kirche. Als Irrlehre wurde darin zum Beispiel der Sozialismus bezeichnet. Aber besonders im Liberalismus sah der Papst eine große Gefahr für den Katholizismus.

In vielen liberal ausgerichteten Ländern Europas begann nun ein politisches Ringen mit dem Vatikan, das sich vor allem in Deutschland 1870 dramatisch zuspitzte: Beim Ersten Vatikanischen Konzil erklärte sich der Papst für unfehlbar in "Religion und Sitten", wie es in dem Dogma hieß. In diesem Versuch, die päpstliche Autorität und Einflussnahme zu festigen, sah der deutsche Reichskanzler Bismarck einen Angriff auf den gerade entstandenen deutschen Nationalstaat.

Ein Holzstich zeigt das imposante Palais des Reichskanzlers in Berlin-Mitte. Es ist ein Schlossgebäude mit zwei nach vorne verlaufenden Seitenflügeln. Das Dach des mittleren Haupthauses ist mit der Reichsfahne beflaggt. Auf der Straße vor dem Palais sieht man zahlreiche Passanten.

Im Palais des Reichskanzlers wurden die Fäden gezogen

Konnte sich Bismarck als preußischer Staatsmann noch auf die Loyalität der überwiegend protestantischen Bevölkerung verlassen, drohte seine politische Position in einem vereinten Reich, zu dem nun auch sehr viele katholisch geprägte Regionen gehörten, schwächer zu werden. Hinzu kam, dass sich Bismarck auf politischem Parkett gegen die Zentrumspartei behaupten musste, die der katholischen Kirche nahestand und die Position des Papstes uneingeschränkt unterstützte. Bismarck musste auf diese politische und gesellschaftliche Bedrohung reagieren, um seine Position nicht in Gefahr zu bringen.

Der Streit mit dem Vatikan eskaliert

Der Streit zwischen dem Vatikan und Bismarck brach offen aus, als die Kurie verlangte, Kirchenkritiker aus dem Schul- und Universitätsdienst zu entfernen. Hinzu kam, dass die Geistlichen in den östlichen Reichsgebieten im Religionsunterricht nicht die deutsche, sondern die polnische Sprache förderten. Man argwöhnte, dass die katholische Kirche auf diese Weise versuchte, nationalistische Tendenzen in den von Preußen annektierten polnischen Gebieten zu unterstützen.

Bismarck sah vor allem zwei Gefahren: zum einen einen stärkeren Einfluss der katholischen Kirche auf kultureller und gesellschaftlicher Ebene, zum anderen eine mögliche Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse zugunsten der Zentrumspartei, die Bismarck für "reichsfeindlich" hielt. Er sah in ihr den verlängerten Arm des Papstes.

Diesen Gefahren versuchte Bismarck mit einem drastischen Maßnahmenpaket entgegenzuwirken: 1871 beschloss er zunächst, die katholische Abteilung im preußischen Kultusministerium aufzulösen. Diese war in den 1840er Jahren eingeführt worden, um im überwiegend protestantischen Preußen auch für die Katholiken eine Interessenvertretung zu schaffen.

Zeichnung aus dem Buch „Ars Magna Lucis Et Umbrae“ des jesuitischen Wissenschaftlers und Erfinders Athanasius Kircher.

1872 wurde in Preußen der Jesuitenorden verboten

Weiterhin erließ Bismarck eine Gesetzesnovelle, den "Kanzelparagraphen", nach dem Geistliche mit Haftstrafen belegt wurden, wenn sie ihr Kirchenamt für politische Äußerungen missbrauchten.

Ein Jahr später erfolgte die Übernahme der alleinigen Schulaufsicht durch den Staat. Außerdem wurde der Jesuitenorden verboten. 1873 wurde in den "Maigesetzen" beschlossen, eine staatliche Abschlussprüfung für Geistliche einzuführen. Darüber hinaus behielt sich der Staat ein Einspruchsrecht bei der Vergabe geistlicher Ämter vor.

1874 wurde zunächst in Preußen, ein Jahr später im ganzen Reich, die Zivilehe als rechtlich bindend eingeführt. 1875 wurden durch das Kongregationsgesetz alle geistlichen Orden und ordensähnlichen Gemeinschaften verboten. Außerdem verfügte das "Brotkorbgesetz", alle staatlichen finanziellen Zuwendungen an die katholische Kirche einzustellen.

Keine einheitliche Front gegen den Papst

Ein koloriertes Foto aus dem Jahr 1887 zeigt den Mediziner und Reichstagsabgeordneten Rudolf Virchow. Er trägt einen dichten grauen Bart und eine Brille mit runden Gläsern. Bekleidet ist er unter anderem mit einer braunen Anzugjacke.

Virchow prägte den Begriff vom "Kulturkampf"

Aus den Feindseligkeiten zwischen dem Vatikan und Reichskanzler Bismarck entfachte sich eine harte Auseinandersetzung, für die der linksliberale Politiker und Mediziner Rudolf Virchow 1872 den Namen "Kulturkampf" prägte. Als Abgeordneter des Reichstages war er ein glühender Verfechter der antikatholischen Bismarck-Politik und unterstützte die vom Reichskanzler geforderten Gesetze.

Höhepunkte des Kulturkampfes waren der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zum Vatikan, die Inhaftierung von Pfarrern und Bischöfen sowie die Amtsenthebung und Ausweisung von Geistlichen. Es kam zu einer regelrechten Verwaisung geistlicher Posten. Über ein Viertel der Pfarrstellen in Preußen war nicht besetzt. Die katholische Kirche konnte vielen ihrer Aufgaben nicht mehr nachkommen. Bismarck hoffte, auf diese Weise den Einfluss und die Machtposition der Kirche entscheidend zu schwächen.

Der Kulturkampf ist allerdings nicht zweifelsfrei als Kampf der Religionen zu werten. Es gab durchaus auch Politiker aus dem protestantischen Lager, die sich gegen Bismarcks Frontalangriff auf die katholische Kirche wendeten. Sie hatten Furcht vor der Beschneidung eigener kirchlicher Befugnisse und Interessen, sahen die Gefahr eines Kampfes gegen Glaube und Religion allgemein. Aus diesem Grunde enthielten sie sich in den entsprechenden Abstimmungen in Reichstag und preußischem Landtag der Stimme oder stimmten sogar gegen Bismarcks Anträge.

Bismarck auf Friedenskurs

Schwarzweiß-Fotografie als Ovalausschnitt zeigt Papst Leo XIII. im Papstornat mit Kreuzkette um den Hals. Der Papst lächelt milde.

Mit Papst Leo XIII. kam die Aussöhnung

Durch den Kulturkampf und seine Auswirkungen wurde die Position der katholischen Kirche in der preußischen Provinz zweifelsohne sehr geschwächt. Von einem Sieg Bismarcks auf breiter Front kann allerdings nicht die Rede sein. Zwar hat Bismarck mit der Zivilehe und der staatlichen Aufsicht über das Schulwesen flächendeckend bis heute geltende Reformen eingeführt. Doch in Preußen, das ohnehin von Protestanten dominiert wurde, hatte der "eiserne Kanzler" sozusagen mit Kanonen auf Spatzen geschossen.

In den erzkatholischen Gebieten des Deutschen Reiches, wie dem Rheinland, Elsass und im überwiegend von polnischer Bevölkerung besiedelten Posen, Westpreußen oder Oberschlesien, wirkten die drastischen Maßnahmen eher kontraproduktiv. Die verfolgten und eingesperrten Geistlichen wurden als Märtyrer angesehen.

Die Gläubigen und kirchentreuen Bürger rückten noch enger zusammen und bildeten eine massive Gegenbewegung. Die von Bismarck gehasste Zentrumspartei konnte ihren Einfluss erheblich vergrößern. Schon mit den preußischen Landtagswahlen von 1873 und mit den Reichstagswahlen von 1874 konnte sie die Zahl ihrer Mandate deutlich erhöhen.

Um größeres Unheil für sich und seine politischen Ziele abzuwenden, musste Bismarck einen gemäßigteren Kurs gegenüber Papst und Kirche einschlagen. Als nach dem Tod Pius IX. 1878 mit Leo XIII. ein neuer und etwas aufgeschlossenerer Papst nachrückte, erhielt Bismarck die Möglichkeit, ohne allzu großen Gesichtsverlust eine Politik der Annäherung an die katholische Kirche zu beginnen. Diese kam allerdings nur sehr zögerlich in Gang. Es brauchte noch Jahre, bis der Kulturkampf 1886/1887 schließlich beendet wurde.

Bismarck verabschiedete Milderungs- und Friedensgesetze, wodurch die verbotenen Klöster und Orden wieder zugelassen wurden, die Disziplinargewalt von Papst und Bischöfen wieder hergestellt und die staatliche Prüfung für geistliche Berufe abgeschafft wurde. Der sogenannte "Kanzelparagraph", nach dem Geistliche in Haft mussten, die ihr Kirchenamt für politische Äußerungen missbrauchten, hielt sich allerdings bis zur Abschaffung durch den Deutschen Bundestag im Jahr 1953.

Autor: Alfried Schmitz

Stand: 08.08.2016, 10:00

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