Interview mit Urs Leuzinger

Urs Leuzinger

Jungsteinzeit

Interview mit Urs Leuzinger

Urs Leuzinger ist Altertumsforscher und Leiter des Museums für Archäologie im schweizerischen Frauenfeld. Während seiner Forschungsarbeit war er auch Leiter zahlreicher Ausgrabungen.

Planet Wissen: Wo haben die ersten Menschen beschlossen, keine Nomaden mehr zu sein, sondern sich an einem festen Ort niederzulassen?

Urs Leuzinger: Das Sesshaftwerden hat vor etwa 10.000 Jahren angefangen im fruchtbaren Halbmond: das heutige Gebiet Syrien, Irak, Iran und auch Türkei. Dort gibt es sehr viel Wildgetreide. Dort gibt es auch Ziegen und Wildschafe, die man fangen und zu Haustieren machen kann.

Die Idee der Sesshaftigkeit verlagert sich dann nach Westen, Osten und auch nach Süden. Wie das genau vonstattenging mit dem Sesshaftwerden, weiß man nicht. Sicher ist aber: Unsere Haustiere stammen genetisch aus der Gegend des fruchtbaren Halbmondes.

Ackerbau ist sehr arbeitsintensiv. Warum haben die Menschen in der Steinzeit überhaupt damit angefangen?

Wenn man Getreide anbaut und Vorräte anlegt, können viel mehr Menschen auf einem Territorium leben. Die können sich dann die Arbeit teilen. Die einen machen das, die anderen jenes. Es kann Überschuss produziert werden. Davon kann man andere bezahlen – zum Beispiel auch, um Forschung zu betreiben. Der Nachteil ist, man hat Nachbarn, die Lärm machen. Aber in einer größeren Gruppe lässt sich besser arbeiten.

Inwiefern hat der Fund des Eiszeitmenschen Ötzi Ihre Sicht auf die Jungsteinzeit verändert?

Ötzi ist eine Zäsur in der alpinen Archäologieforschung. Ein Mensch direkt aus der Zeit vor 5300 Jahren. Dazu noch perfekt erhalten, weil er tiefgefroren war. Auch die gesamte Ausrüstung ist vorhanden.

Dieser Fund hat einen regelrechten Boom ausgelöst. Dabei sind viele neue Fundstellen zum Vorschein gekommen. Aus all diesen Mosaiksteinchen ergibt sich jetzt ein viel besseres Bild als noch vor 20 Jahren.

Ötzi wurde ja schon ziemlich intensiv untersucht und erforscht. Gibt es noch Details, die ungeklärt sind?

Es hat immerhin zehn Jahre gedauert, bis man festgestellt hat, dass er ermordet wurde und nicht einen Kältetod erlitten hat. Die Forschung wird auf jeden Fall weitergehen. So hat man seinen Zahnschmelz analysiert, um herauszufinden, wo Ötzi aufgewachsen ist. In Zukunft wird es noch bessere Möglichkeiten für DNA-Untersuchungen geben. Denn ein solcher Fund ist nie vollständig ausgewertet.

Gibt es Fertigkeiten, die der Mensch von heute im Laufe seiner Entwicklung verloren hat?

Das Wissen, wie komme ich zum richtigen Stein. Welcher Stein eignet sich am besten zum Schneiden? Wie finde ich den richtigen Stein zum Mahlen. Wie finde ich den richtigen Stein, um Körner zu zerklopfen. Die Menschen waren kleine Geologen, kleine Botaniker und auch kleine Zoologen. Die wussten genau, welches Material für welche Tätigkeit zu verwenden ist.

Gibt es etwas, das Sie außerdem noch gerne aus der Jungsteinzeit wissen würden?

Am liebsten würde ich mal sehen, wie es wirklich war und das mit dem vergleichen, was ich herausgefunden habe. Da gibt es sicher ganz große Unterschiede. Die Forschung geht auf jeden Fall weiter. Und mit jedem Fund werden wir neue Erkenntnisse haben, um das Bild der Steinzeit zu ergänzen.

Interview: Lothar Nickels

Weiterführende Infos

Stand: 07.03.2013, 12:00

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