Interview mit Ulrich Renz

Ulrich Renz mit Dennis Wilms im Studio

Geschichte der Arbeit

Interview mit Ulrich Renz

Ulrich Renz hat sich schon vieles erarbeitet: Er war Klassenbester, deutscher Jugendmeister im Langstreckenlauf, machte schnell Karriere als Arzt und Geschäftsführer eines Fachverlags. Doch glücklich fühlte er sich nicht. "Ich war im völlig falschen Boot", sagt er heute. Er stieg aus und ist seitdem Autor von Sachbüchern und Kinderkrimis. Sein Lieblingsthema: die Arbeit.

Planet Wissen: Herr Renz, viele Unternehmen setzen heute auf ein kuscheliges Umfeld: Die Büros sind gemütlich und modern und die Belegschaft geht gemeinsam in den Kletterpark oder zum Yoga ...

Ulrich Renz: Es geht noch weiter: Mönche beraten Führungskräfte und die Chefs treten als regelrechte Prediger auf. Viele große Firmen haben ein "Mission Statement", also eine Art Glaubensbekenntnis. Das geht weit über das alte Unternehmensleitbild hinaus.

"Integrität und Ehrlichkeit sind das Herz unseres Geschäfts", heißt es etwa bei dem Finanzdienstleister Goldman Sachs. Unternehmen geben viel Geld dafür aus, eine Kultur zu schaffen, in der die Mitarbeiter ihre Arbeit als sinnstiftend und emotional erfüllend erleben. So wird die Arbeit zum Religionsersatz. Früher war man eher in der Kirche, der Familie oder der Gewerkschaft eingebunden.

Ist das nicht gut, wenn wir in der Arbeit Sinn finden?

Erst mal: Ja. Es macht mehr Spaß, in so einem Umfeld zu arbeiten. Aber wir müssen uns fragen, was die Unternehmen damit bezwecken. Natürlich wollen sie Geld verdienen. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber um Gewinne zu maximieren, werden die metaphysischen Bedürfnisse der Menschen ausgenutzt. Das halte ich für sehr kritikwürdig.

Bekommt man als Mitarbeiter in solch einer Firma nicht mehr Wertschätzung?

Nur scheinbar. Die Arbeit ist so existenziell für uns, dass wir unser Heil darin suchen. Wir wollen arbeiten, möchten etwas bewirken und kompetent sein, zu einer Gemeinschaft dazugehören. Wir bekommen durch den Job Bestätigung, unser Selbstwert steigt.

Diese emotionalen Bedürfnisse werden instrumentalisiert, um unsere Motivationsreserven anzuzapfen und den Umsatz zu steigern. Wir sind wie Marienkäfer, die an einer Hand immer wieder nach oben krabbeln und gar nicht merken, dass sie nie ankommen. Wir sind in diesem System hoch motivierte Sklaven, die tolle neue Arbeitswelt ist ein Betrug.

Wie weckt ein Unternehmen bei seinen Mitarbeitern den Eindruck, dass sie geliebt werden?

Ein beliebtes Mittel ist das so genannte Love Bombing. Dabei wird das Personal mit Wertschätzung regelrecht bombardiert. Nehmen wir zum Beispiel den Konzern Apple. Jeder Mitarbeiter erhält eine "Credo Card", auf der das Glaubensbekenntnis der Firma steht: "Die Mitarbeiter sind die Seele von Apple und unser größtes Kapital." Apple ist ein Gefühlsspezialist.

Solche Tricks des emotionalen Managements haben eine weitere Funktion, auch bei den Kunden. Wir leben in einer Welt des Überflusses. Nur über Gefühle lassen sich noch Bedürfnisse wecken, der Wunsch nach einem Produkt einer ganz bestimmten Marke.

Sind Sie sicher, dass die Gefühle geheuchelt sind?

Dass unsere Firma uns nicht wirklich liebt, spüren wir spätestens dann, wenn unser Arbeitsplatz nach Bangladesch verlegt wird, weil da die Personalkosten billiger sind. Dann wird klar, dass die Mitarbeiter eine reine Ressource sind, das gern zitierte Humankapital.

Interview: Katharina Bueß

Stand: 07.10.2014, 12:00

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