Portrait: Van Bo Le-Mentzel

Van Bo Le-Mentzel

Geschichte der Arbeit

Portrait: Van Bo Le-Mentzel

"Unsere Form von Lohnarbeit ist ein Auslaufmodell" Mit dieser Überzeugung wagt der Architekt ein Experiment. Er will sich ein Jahr lang von Spenden aus der Netzgemeinde, der Crowd, finanzieren lassen. Mit diesem Geld will er unabhängig arbeiten, um etwa Vereine zu unterstützen, bei Umzügen zu helfen oder vielleicht eine Kita zu gründen. Planet Wissen hat mit ihm gesprochen.

Arbeit ja, aber bitte ohne Honorar!

Ein normaler Bürojob, nine-to-five? Das kann sich der Architekt Van Bo Le-Mentzel im Moment nicht vorstellen. Vor fast zwei Jahren wagte er ein Experiment: Er schmiss seine feste Stelle in einem großen Berliner Architektenbüro. Und lebte zunächst ein Jahr lang von Spenden.

Über eine Internetplattform hatten Menschen, fremde und bekannte, Geld für Van Bo Le-Mentzel gesammelt. Man konnte ihm kleine Beträge für ein Joghurt-Eis spenden oder auch größere wie ein Monatsticket. Am Ende kam so viel zusammen, dass sein Lebensunterhalt für ein ganzes Jahr gesichert war.

"Es macht mir Mut zu sehen, dass es so viele Menschen gibt, die wildfremden Menschen wie mir vertrauen. Die einfach wollen, dass ich existiere", erklärt der heute 39-Jährige.

Wie würden wir arbeiten, was würden wir mit unserer Zeit anfangen, wenn wir nicht darauf angewiesen wären, Geld zu verdienen? Solche Fragen stellte sich Le-Mentzel vor seinem Experiment.

Tatsächlich nutzte er das freie Jahr nicht als "Sabbatical" oder zum Ausruhen. Im Gegenteil, er war sehr produktiv. Er kümmerte sich um seinen kleinen Sohn, übernahm eine Gastprofessur an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, hielt Vorträge über Design und das Grundgesetz, baute Behausungen für Obdachlose und engagierte sich in der Flüchtlingshilfe.

Nach Ablauf des Jahres war ein österreichischer Verleger bereit, Le-Mentzel ein weiteres Jahr "Leben ohne Erwerbsarbeit" zu finanzieren, auch hier bedingungslos. Le-Mentzel schrieb ein Buch über die Zeit mit seinem kleinen Sohn und was dieser ihm über das Leben beibrachte, ein zweites Kind folgte.

Das Honorar? Wird verschenkt

Zwischendurch nahm er Aufträge von seinem alten Arbeitgeber an oder von großen Konzernen. Mit einem entscheidenden Unterschied zu früher: Er nahm kein Honorar. Das Geld, das er bei seiner Gastprofessur verdiente, schenkte er seinen Studenten.

Mit diesem ungewöhnlichen Schritt will er seine Mitmenschen zum Nachdenken über Arbeit und unseren Umgang damit anregen. Le-Mentzel wünscht sich nicht weniger als einen Systemwandel. "Wir sind krank geworden, wir haben uns von vielen Dingen entfremdet", meint er.

Das erklärt er am Beispiel des Laufens. Statt einfach morgens ins Büro und danach wieder nach Hause zu laufen, würden viele Menschen mit dem Auto fahren und dann sehr viel arbeiten. Um sich für das verdiente Geld eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio zu leisten und dann auf dem Laufband rennen – "wie in einem Hamsterrad, ist das nicht verrückt?"

In mancher Weise ähnelt unsere Arbeitswelt heute einem Kriegsschauplatz, findet er. In Konzernen konkurrierten Teams wie Heere, man erfülle Strategien und Schlachtpläne, bekämpfe Widersacher. Das sei weder für die Beschäftigten noch für die Gesellschaft gut. Er wünscht sich, dass Unternehmen auf familiäre Werte setzen, dass Zusammenhalt und Solidarität gefördert werden.  

1977 wurde Le-Mentzel auf der Flucht geboren. Er kam auf die Welt, kurz bevor seine Eltern von Laos nach Deutschland zogen. Das habe ihn geprägt, er sei ein Getriebener, immer auf der Suche, erzählt er heute.

"Aber ich bin nicht allein mit dem Zustand. Da draußen gibt es viele, die etwas suchen. Viele haben das Gefühl, dass ihr Arbeitsverhältnis nicht alles sein kann, dass da im Leben noch mehr sein muss. Dass dahinter irgendeine Erfüllung sein muss."

Den Sinn des eigenen Daseins könne man bei einem Vollzeitjob im Büro nicht erfahren. Glücklich fühlten sich viele erst, wenn sie über ihre Zeit verfügen können und sie in der Lage sind, frei Entscheidungen zu treffen.  

Arbeit kann doch nicht alles sein

Seine eigene Arbeitsweise habe sich stark verändert, seit er nicht mehr auf sein Gehalt angewiesen sei. Er arbeite viel effizienter. 40 Prozent seiner Arbeitszeit habe er früher damit verbracht, seine Leistung gut aussehen zu lassen. Sich im Unternehmen zu profilieren, Netzwerke zu schaffen, neue Aufträge zu akquirieren. Das falle nun alles weg.

Dass es nicht alle so machen können wie er, ist Le-Mentzel klar. Sein Weg sei sehr individuell. Aber er will andere ermutigen, ihren eigenen Spielraum zu nutzen, ihre Vorstellung von Arbeit zu hinterfragen.

Autorin: Katharina Bueß

Stand: 26.10.2017, 11:00

Darstellung: