Gisela Höhne und das Theaterensemble RambaZamba

Die Schauspieler der Theatergruppe RambaZamba Moritz Hoehne (v.l.), Rene Schappach und Juliane Goetze posieren in Berlin in der Kulturbrauerei vor der Fotoprobe des Theaterstuecks 'Ein Herz ist kein Fussball'.

Down-Syndrom

Gisela Höhne und das Theaterensemble RambaZamba

Es muss ein unglaublicher Einschnitt im Leben von Gisela Höhne und ihrem damaligen Ehemann, dem Theaterregisseur Klaus Erforth, gewesen sein, als 1976 ihr Sohn Moritz mit dem Down-Syndrom geboren wurde.

Entscheidung mit weitreichenden Folgen

Das Paar war bis dahin ahnungslos, denn mit ihren damals 26 Jahren zählte Gisela Höhne nicht unbedingt zur Risikogruppe der Spätgebärenden, für die es auch in der DDR schon die Möglichkeit der pränatalen Diagnostik gab. Als ihr die Ärzte mitteilten, dass ihr Kind mit einem Down-Syndrom zur Welt gekommen sei, da drohte eine kleine Welt zusammenzubrechen.

Gisela Höhne hatte zur damaligen Zeit ihre ersten Engagements als Schauspielerin in Dresden und Neustrelitz und litt unter der Vorstellung, nun ihren Beruf aufgeben zu müssen, um ihr Kind zu pflegen. Es gab das Angebot, Moritz in ein Heim zu geben. Die junge Mutter war hin- und hergerissen, ob sie davon Gebrauch machen sollte.

Noch heute ist sie dem damaligen Leiter der Psychiatrie einer Ostberliner Klinik dankbar, dass er ihr in einem der wenigen Beratungsgespräche zwei Perspektiven aufzeigte. Entweder den Sohn in ein Heim zu geben, was durchaus verständlich sei, oder zu versuchen, ihn zu Hause zu betreuen. Der Arzt machte ihr aber auch deutlich, dass es für die Entwicklung des Kindes mit Abstand die beste Lösung wäre, Moritz im Kreis der Familie aufwachsen zu lassen.

Gisela Höhne hat es zu keiner Zeit bereut, sich für diesen Weg entschieden zu haben. Bis heute hat sie eine tiefe emotionale Nähe zu ihrem inzwischen 33-jährigen Sohn und erzählt mit leuchtenden Augen von seinem Lachen, seinem Schalk und seinem großen Talent der Nachahmung, das aus ihm einen bemerkenswerten Schauspieler in der Theatergruppe RambaZamba gemacht habe.

Vom Zirkusprojekt zur Theaterbühne

1979 kam Gisela Höhnes zweiter Sohn Jacob zur Welt, der nicht die Behinderung seines Bruders hat und inzwischen als Musiker und Tontechniker beim Theater RambaZamba tätig ist. Die ersten Jahre mit ihren Söhnen Moritz und Jacob waren schwierig.

Es gab damals in der DDR kaum Förderung für Kinder mit Down-Syndrom. In den wenigen Sonderschulen war kein Platz für diese Kinder, weil man der Auffassung war, sie sollten die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens nicht erlernen, da sie davon sowieso keinen Gebrauch machen würden.

Doch Gisela Höhne gab nicht auf. Unablässig setzte sie sich, zusammen mit anderen Eltern, dafür ein, die behinderten Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern. Moritz besuchte damals einen Kinderhort. 1986 kam ihr die entscheidende Idee.

Auslöser war die misslungene Aufführung eines Weihnachtsmärchens im Hort, wo die Kinder eigentlich immer nur zeigten, was sie nicht konnten. In dieser Situation beschloss sie, mit den Kindern eine Zirkusrevue einzustudieren. Die Aufführung wurde zu einem ersten Erfolg, der sie ermunterte, weiterzumachen.

Im November 1990 - ein Jahr nach der Wende - gründete sie zusammen mit ihrem Mann Klaus Erforth die "Kunstwerkstatt Sonnenuhr" und begann mit den Proben für das erste Theaterstück "Prinz Weichherz". Als Vorlage diente ihr ein poetisches Gedicht des geistig behinderten Dichters Georg Paulmichl aus Südtirol.

Die Premiere am 21. Dezember 1991 wurde ein großer Erfolg. Beide Vorstellungen im renommierten Deutschen Theater in Berlin waren restlos ausverkauft. Das Publikum staunte zum ersten Mal über die Darbietungen dieser ungewöhnlichen Schauspieler.

Theaterarbeit mit geistig behinderten Schauspielern

Das Spiel auf der Bühne ist für Gisela Höhne keine Therapie, sondern Kunst und harte Arbeit. Es ist zugleich aber auch ein Beitrag zur Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft. Tag für Tag - sagt Gisela Höhne - schauen die Menschen verschämt beiseite, sie sind verängstigt und verunsichert, wenn sie einen Menschen mit Down-Syndrom sehen.

Ganz anders im Theater, schreibt Gisela Höhne " ... das Theater ist Schauspiel, und der Schauspieler spielt und will gesehen werden mit seiner Kunst. In der Dunkelheit des Zuschauerraums darf und soll der Betrachter ganz unverlegen den behinderten Menschen ansehen. Keine Leinwand, kein Instrument ist dazwischen. Es gibt nur diesen manchmal seltsam geformten, sich ungewöhnlich bewegenden Körper, seine ungewohnte Sprache. Eben das, was die Leute auf der Straße so verlegen macht."

Immer wieder erlebt Gisela Höhne, wie die Zuschauer verändert ihr Theater verlassen, ihrer Überraschung und Begeisterung freien Lauf lassen und über die schauspielerische Professionalität, das abwechslungsreiche Bühnenbild, die Kostüme und die ungewöhnlichen Regieeinfälle staunen.

Am Ende wird sich nicht mehr sagen lassen, wo der größere therapeutische Effekt liegt: bei den Schauspielern, die durch ihr gefeiertes Spiel sehr viel Bestätigung erfahren, oder bei den Zuschauern, die nun die Chance haben, nicht mehr mit Mitleid, sondern mit Respekt und vielleicht auch Bewunderung behinderten Menschen begegnen zu können.

Preisgekrönte Theaterarbeit bei RambaZamba

Die Schauspieler des Ensembles 'RambaZamba' stehen in der Kulturbrauerei in Berlin vor Beginn der Uraufführung des Theaterstücks 'Ein Herz ist kein Fußball' neben Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble.

Vor der Uraufführung von "Ein Herz ist kein Fußball"

Alle zwei Jahre überrascht das Theater RambaZamba inzwischen mit einer neuen Produktion. Dabei werden Themen zur Aufführung gebracht, die auch im Leben dieser Menschen von Bedeutung sind. Es sind Wünsche und Ansprüche, mit denen sie in Konflikt mit der Gesellschaft geraten. Es geht um Ausgrenzung, Fremdheit, Gewalt und Fremdbestimmung aber auch um Liebe und Tod.

Immer wieder werden dabei diese Themen auch mit Stücken aus der Hochkultur verknüpft. 1993 steht nach einer Vorlage Shakespeares das Stück "Ein Winternachtstraum" auf dem Spielplan, 1997 inszeniert Gisela Höhne mit ihrem Ensemble in Anlehnung an den Text von Euripides das Stück "Medea - Der tödliche Wettbewerb".

1999 folgt die Weiberrevue, mit der die Theatergruppe nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen Ausland auftritt. 2001 hat die Oper "Orpheus ohne Echo" Premiere und 2003 steht erstmals "Mongopolis" auf dem Spielplan.

In dieser schrillen Inszenierung spielen behinderte Menschen das Leben in einer perfekten Welt, wo alles ausgesondert wird, was nicht der Norm entspricht, ein Thema, das sie naturgemäß besonders betrifft. 2005 folgt "Alice auf Kaninchenjagd", 2006 "Ein Herz ist kein Fußball" und 2007 das Stück "Alice in den Fluchten".

Mehrfach wird die Theatergruppe mit Preisen ausgezeichnet. Immer wieder begeistern sie im In- und Ausland das Publikum mit ihren ungewöhnlichen Darbietungen. Inzwischen machen Gisela Höhnes Söhne Moritz und Jacob Höhne mit einer eigenen Band auch musikalisch auf sich aufmerksam.

"SinD4 + 3" heißt die gemischte Rockband aus behinderten und nicht behinderten Musikern, die dem Theater RambaZamba zusätzlichen Glanz verschaffen soll. Für ihre verdienstvolle und engagierte Arbeit wurde Gisela Höhne 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Autor: Ulrich Neumann

Weiterführende Infos

Stand: 27.10.2015, 13:29

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