Babys und Kleinkinder

Baby läuft an den Händen der Mutter.

Familie

Babys und Kleinkinder

Ein Mensch lernt nie wieder so viel wie in seinem ersten Lebensjahr, also als Baby. Was er in dieser Zeit erfährt, erfühlt und oft auch erarbeitet, prägt ihn für den Rest seines Lebens. Aber wie genau funktioniert frühkindliches Lernen? Woher weiß ein Baby, wie Laufen geht? Wie lernt es denken und verstehen? Bei Babys spielt sich ein kompliziertes biologisches Programm ab, dem man in der Regel nur wenig nachhelfen kann.

Lernen vor der Geburt

Ohr und Hände eines menschlichen Fötus.

Das Erkunden beginnt schon im Mutterleib

Das menschliche Lernen beginnt bereits im Mutterleib. Dort werden während der Schwangerschaft Sinne ausgebildet und die ersten Erfahrungen gesammelt. So reagieren Föten auf Berührungen, Bewegungen und Temperaturschwankungen. Auch der Geschmackssinn ist schon früh entwickelt; bereits 14 Wochen alte Föten können zwischen süß und bitter unterscheiden.

Aufgrund der Schwerelosigkeit, die im Fruchtwasser herrscht, trainieren Föten schon früh das Treten, Paddeln und auch Laufen. So werden die Grundlagen für die Motorik eingeübt. Greifen an der Nabelschnur und Saugen an den eigenen Fingern gehören ebenfalls zum Trainingsprogramm im Mutterleib.

Auch das Gehör wird bereits vor der Geburt ausgebildet und auf ein Leben außerhalb der Gebärmutter vorbereitet. Denn im Mutterleib ist es keineswegs still. Verdauungsgeräusche und Herzschlag der Mutter sorgen für einen steten Geräuschpegel, und auch die Stimme der Mutter ist ständig präsent.

So gewöhnt sich das Kind schon im Mutterleib an seine wichtigste Bezugsperson und erkennt seine Mutter schon kurz nach der Geburt an der Stimme.

Doch nicht nur Stimmen, auch Inhalte können unterschieden werden. So lasen in einem Experiment werdende Mütter ihren ungeborenen Kindern in den letzten sechs Schwangerschaftswochen zweimal täglich dieselbe Geschichte vor.

Nach der Geburt wurde den Säuglingen diese sowie eine unbekannte Geschichte vorgelesen. Ergebnis: Wenn die bekannte Geschichte kam, nuckelten die Kinder begeistert an einem Schnuller – eine Reaktion, die in der Säuglingspsychologie als Erkennen gedeutet wird.

Die beste Förderung: gesund leben

Die Förderung der kindlichen Fähigkeiten ist vor der Geburt lediglich durch Unterlassen möglich: Alkohol, Nikotin, Drogen und viele Medikamente schaden nachweislich der geistigen und körperlichen Entwicklung und sollten von der Mutter unbedingt vermieden werden.

Aktive Förderung bewirkt nach aktuellem Forschungsstand nichts. Kinder, denen schon im Mutterleib Mozart vorgespielt wird, sind weder musikalischer noch intelligenter als andere.

Modelle der vorgeburtlichen Förderung, wo das Kind speziellen Lichtreizen, Klang- oder Wortbausteinen ausgesetzt wird, werden von allen seriösen Wissenschaftlern abgelehnt.

Auch ohne Hilfe lernen Kinder im Mutterleib alles, was sie später brauchen. Am besten geht das, wenn die Mutter möglichst wenig Stress und Angst während der Schwangerschaft hat.

Sinneseindrücke und Reflexe

Eltern halten Neugeborenes auf dem Arm.

Geborgenheit nützt, Stress schadet

Auch direkt nach der Geburt ist der emotionale Zustand der Bezugspersonen äußerst wichtig. Das Gehirn eines Kindes, das sich geborgen und geliebt fühlt, kann sich besser entwickeln als das eines Kindes, das viel Stress, Hektik und Angst erlebt und in einem negativen Umfeld aufwächst. Und zu lernen gibt es ab der Geburt jede Menge.

Das Gehirn ist bei der Geburt fast vollständig ausgereift, allerdings sind seine Zellen noch nicht miteinander verknüpft. Das geschieht von ganz alleine; Augen, Ohren, Nase, Mund und Haut nehmen Unmengen an Sinneseindrücken auf, die es zu verarbeiten gilt.

Während die Sicht eines Neugeborenen noch nicht sehr gut entwickelt ist (es kann circa 20 Zentimeter weit sehen), sind die Geruchs- und Geschmacksnerven stärker ausgeprägt.

Anfangs bestimmen noch viele Reflexe das Verhalten des Kindes. Wenn es auf dem Bauch liegt, dreht es automatisch den Kopf, um besser atmen zu können. Sobald man den Mund eines hungrigen Babys berührt, schließt es die Lippen und fängt an zu saugen – der Saugreflex.

Auch der Greifreflex an Händen und Zehen ist sehr stark ausgeprägt, die Babys sind sogar in der Lage, ihr eigenes Körpergewicht für einige Sekunden zu halten. Er stammt aus einer Zeit, als die Menschen noch viel stärker behaart waren; die Babys klammerten sich so an ihrer Mutter fest.

Neugeborenes beim Reflextest.

Viele angeborene Reflexe gehen wieder verloren

Wenn viel Wasser auf die Wangen und ins Gesicht eines Babys gelangt, schließt es automatisch die Atemwege, um diese zu schützen. Und wenn man ein Baby aufrecht stellt und so festhält, dass es mit den Füßen den Boden berührt, wird es anfangen zu laufen.

Viele dieser Reflexe, die ihren Ursprung in der Frühzeit der menschlichen Evolution haben, verlieren sich nach ein paar Monaten, wenn sie nicht gebraucht werden. Man kann sie allerdings auch trainieren. Kinder, die gestillt werden oder regelmäßig zum Babyschwimmen gehen, behalten sie entsprechend länger.

Der aufrechte Gang als Meilenstein

Während sich ein Kind in der Schwerelosigkeit des Mutterleibs schon sehr vielseitig bewegen kann, wird es durch die Schwerkraft, die nach der Geburt wirkt, zu einem äußerst hilfsbedürftigen Wesen.

Gezielt zu greifen beginnt es erst mit vier bis fünf Monaten, weitere vier bis fünf Monate später beginnt die Fortbewegung. Erst wird gekrabbelt, gerutscht oder gerobbt, im zweiten Lebensjahr beherrscht ein Kind dann die charakteristische menschliche Haltung: den aufrechten Gang.

Es gibt große Unterschiede beim Alter, in dem Kinder motorische Fähigkeiten beherrschen. Manche (wenige) Kinder können schon mit einem dreiviertel Jahr laufen, während andere mit 20 Monaten noch keinen Schritt getan haben. Viele Eltern sorgen sich wegen dieser angeblichen Entwicklungsrückstände und sie fragen sich, wie sie ihr Kind etwa zum Laufen animieren können.

Doch alle Versuche sind vergeblich: Die Entwicklung der Motorik ist ein Reifungsprozess, der nach physiologischen Gesetzen abläuft und so gut wie gar nicht von außen beeinflusst werden kann. Ein Kind läuft, wenn es laufen kann, und keinen Tag früher.

Es gibt jedoch Studien, die auf kulturelle Unterschiede schließen lassen. So können Kinder aus traditionellen asiatischen und afrikanischen Kulturen ungefähr einen Monat früher frei sitzen und laufen. Als Begründung sehen manche Wissenschaftler einen unterschiedlichen Umgang in Sachen Körperlichkeit.

Asiatische und afrikanische Kinder werden öfter getragen und mehr berührt, was die Körperkontrolle und Wahrnehmung fördern kann. Während im Westen Babys fast ein Drittel ihrer wachen Zeit im Liegen verbringen, sind es in manchen afrikanischen Kulturen nur zehn Prozent.

Die weitere motorische Entwicklung kann allerdings durch Umwelt und Erziehungsstil der Eltern geprägt werden. Ein Kind, das viel im Freien, auf Spielplätzen und in der Natur spielt, entwickelt ein anderes Körpergefühl und ein anderes motorisches Geschick als Kinder, die sich (fast) nur in einer Wohnung aufhalten.

Und wenn Eltern ihrem Kind von Anfang an beibringen, dass die Treppe eine verbotene Zone ist, kann es sein, dass das Kind viel später Treppen steigen kann als ein Kind, das sich unter Aufsicht immer wieder dort versuchen kann.

Sprache und Persönlichkeit

Mädchen klettert an Seil auf ein Holzhaus.

Eine kindgerechte Umwelt ist wichtig

Auch die geistige Entwicklung geht in den ersten Lebensjahren rasant voran. Ein Indikator dafür ist die Sprache des Kindes, die die Entwicklung mit Verzögerung abbildet: Das Kind entwickelt eine Vorstellung von einer Person, einem Gegenstand oder einem Sachverhalt, dann versteht es das Wort, das die Vorstellung bezeichnet, und schließlich benutzt es den Begriff selbst und spricht das Wort aus.

Auch hier gibt es große Unterschiede: Manche Kinder fangen schon im ersten Lebensjahr zu sprechen an, andere geben erst mit zweieinhalb das erste Wort von sich.

Ein großer Schritt findet um den 18. Lebensmonat herum statt, den man mit einem kleinen Experiment leicht nachvollziehen kann: Man malt seinem Kind unbemerkt, etwa beim Streicheln, mit Farbe oder Lippenstift einen Punkt auf die Stirn oder Wange und setzt es dann vor den Spiegel.

Wenn es nicht den Spiegel anfasst, sondern sich selbst ins Gesicht fasst, ist klar: Das Kind hat das Ich entdeckt. Es weiß, wer es ist und ist auf dem besten Weg, sich selbst als eigenständige Persönlichkeit wahrzunehmen.

Genau wie bei den motorischen Grundlagen gilt auch für die geistige Entwicklung von Kleinkindern: Es passiert, wenn es passiert. Die Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, sind eher gering. Solange die Umgebung kindgerecht ist und keine Behinderungen oder Krankheiten die Entwicklung beeinflussen, kommen alle Kinder früher oder später auf den gleichen Reifestand.

Bis zum Alter von circa drei Jahren gleichen sich die Entwicklungsunterschiede immer mehr an, sodass alle mehr oder weniger auf dem gleichen motorischen und geistigen Niveau sind. Ein erstaunliches biologisches Programm, das sich seit Jahrtausenden bewährt hat.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 21.09.2016, 15:41

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