Erben und Vererben

Familie

Erben und Vererben

In Deutschland wird gerade so viel vererbt wie noch nie zuvor. Doch das Erbe ist extrem ungleich verteilt: 50 Prozent von uns erben nichts oder fast nichts, die anderen 50 Prozent erben gut, manche sogar sehr gut. Dazu kommt: Aufs Erbe werden viel weniger Steuern erhoben als auf Arbeit.

Das Erbe ist ungleich verteilt

Deutschland erlebt einen Erbenboom: Geschätzte 250 Milliarden Euro werden zurzeit jedes Jahr vererbt, das ist so viel wie ein ganzer Bundeshaushalt. "Anstrengungslosen Wohlstand" hat der Soziologe Klaus Butterwegge das Erben genannt: Geld, das einem durch das genetische Roulette zufällt, ohne dass man selbst etwas dafür getan hat – und für das die Erben viel weniger Steuern zahlen als für selbst erarbeitetes Geld.

Eine mit Ketten gefüllte hölzerne Truhe.

Nur wenige erben viel

Das Geldvermögen hat sich in den letzten 20 Jahren in Deutschland mehr als verdoppelt. Aber es ist ungleich verteilt: Während sich 50 Prozent der Deutschen ein Prozent des Gesamtvermögens teilen, verfügen zehn Prozent über zwei Drittel des Geldes. Aus diesem Grund erben auch nur sehr wenige sehr viel. Erbschaften vergrößern die Ungleichheit in der Gesellschaft also noch: Reiche werden dadurch reicher, Arme werden ärmer.

Wie die Erbengeneration fortschreitet, zeigt ein Blick auf die Liste der 100 reichsten Deutschen, die das Manager Magazin jährlich recherchiert und veröffentlicht: Nur noch 34 Prozent haben ihr Vermögen weitgehend selbst erarbeitet, 66 Prozent haben ihren Reichtum ererbt.

Erbschaftssteuer – nur wenige müssen zahlen

Rund sechs Milliarden nimmt der Staat über die Erbschaftssteuer ein. Das sind nur rund 2,5 Prozent des vererbten Vermögens und 0,7 Prozent des gesamten Steueraufkommens – viel weniger, als zum Beispiel über die Tabak- oder die KFZ-Steuer eingenommen wird. Das deutsche System tendiert dazu, Erträge aus Arbeit und Konsum hoch zu besteuern, aber kaum aus Kapital.

Geldscheine

Erbenboom: Die Gesellschaft hat wenig davon

Die Freibeträge für Erben sind hoch: Ehepartner zahlen erst ab einem Erbe vom 500.000 Euro, Kinder haben 400.00 Euro frei und Enkel 200.000. Und niemand muss Angst um Omas Haus haben: Selbst genutzte Immobilien oder Familienunternehmen, die sieben Jahre weitergeführt werden, sind ganz von der Erbschaftsteuer befreit.

Die Absicherung der Familie hat einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft: Nicht verheiratete Lebenspartner sind völlig Fremden gleichgestellt. Sie haben lediglich einen Freibetrag von 20.000 Euro und unterliegen darüber hinaus einem Steuersatz von 30 Prozent.

Stiftungen Gutes tun über den Tod hinaus

Ein guter Weg Steuern zu sparen und dabei noch Gutes zu tun, sind Stiftungen. Immer mehr Deutsche stiften große Teile ihres Nachlasses. Ob Kinder-, Tier- oder Naturschutz, soziale Projekte, Sport, Kultur oder politische Arbeit: Die Möglichkeiten zu stiften sind groß.

Stiftungen sind gesellschaftlich wichtig, weil sie Bereiche unterstützen, die von der öffentlichen Hand nicht ausreichend gefördert werden. Der große Vorteil: Der Stifter kann selbst bestimmen, wohin sein Geld fließt.

Stiftungen sind in der Regel für die Ewigkeit angelegt. Das Stiftervermögen bleibt erhalten und nur die erwirtschafteten Zuwächse fließen dem Stiftungszweck zu. Stiftungen sind darüber hinaus eine Möglichkeit, sich selbst ein Denkmal zu setzen und seinen Namen mit einer guten Sache zu verbinden.

Aber Stiftungen im großen Stil geraten auch immer wieder in die Kritik, wenn sie zu einflussreich werden. Besonders bei großen Unternehmen, die in Stiftungen umgewandelt werden, besteht die Gefahr, dass sich Unternehmenspolitik und Stiftungswesen vermischen.

Die Autorin Julia Friedrichs, die ein Buch zum Thema Erben geschrieben hat, hält diese Art von Stiftungen für undemokratisch. Sie machten die Gesellschaft zum Bittsteller der Stiftungen, obwohl sie ja auch von gesellschaftlicher Unterstützung wie Steuerprivilegien profitierten.

Erben als Altersabsicherung

Viele potenzielle Erben verlassen sich auf das Vermögen ihrer Eltern und planen es als eigene Alterssicherung ein. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge warnt allerdings davor, sich auf ein bevorstehendes Erbe zu verlassen. In Einzelfällen würden die Erbschaftserwartungen zwar die absehbaren Versorgungslücken schließen können, doch beim Großteil der Deutschen werde dies nicht der Fall sein. Längere Lebenszeiten und unter Umständen unvorhergesehene hohe Pflege- und Betreuungskosten lassen das Vermögen schmelzen. Für die Nachkommen bleibt dann entsprechend weniger.

Frau mit Rollstuhl und Rollator im Pflegeheim

Das Alter birgt ungeplante Kosten

Außerdem betont das Deutsche Institut für Altersvorsorge, dass sich auch die Konsumfreudigkeit der älteren Generation verändert habe. Während die ältere Generation in früheren Jahren ihr Hab und Gut eher für die Nachkommen aufgespart hat, sind ältere Menschen heute konsumfreudiger. Sie nutzen ihr Vermögen, um sich selbst einen schönen Lebensabend zu gestalten.

Erbstück als Erinnerung

Erben bedeutet mehr als die Weitergabe von Vermögen und materiellen Werten: Es geht auch um moralische Haltungen, Traditionen und Familiengeschichte. Besonders deutlich wird dies auch an Erbstücken, also an persönlichen Objekten, die als Erbe gelten.

Zweigeteiltes Bild: Taschenuhr geschlossen und geöffnet.

Persönliche Erbstücke enthalten Erinnerungen

Schon die Benennung einer Sache mit der Bezeichnung "Erbstück" drückt eine persönliche Beziehung zu ihr aus. Welches Objekt jemand gerne als Erbe weitergeben möchte oder aber – andersherum – was von einem Menschen als Erbstück aufbewahrt wird, ist sehr persönlich und individuell.

Erbstücke können wertvolles Familiensilber oder eine goldene Uhr sein, aber auch rein symbolische, materiell wertlose Erinnerungsstücke, etwa eine alte Brieftasche oder die selbstgestickte Tischdecke der Oma.

Streit ums Erbe

Zum Erben und Vererben gehören oft emotionale Verstrickungen, meist zwischen Familienmitgliedern. Und diese emotionalen Verstrickungen bringen in der Regel Schwierigkeiten mit sich. Vom eher harmlosen Familienstreit bis hin zum kompletten Kontaktabbruch oder sogar bis zum Gerichtsverfahren – Erbstreitigkeiten sind so zahlreich, dass sich die Umstände kaum auflisten lassen.

Mann und Frau ziehen streitend an Spielzeughaus.

Geschwister streiten oft ums Elternhaus

Das scheinbar gefälschte Testament, aufgrund dessen das Großteil des Erbes an die neue Partnerin des Vaters geht, heimliche Schenkungen vor dem Tod, unterschlagene Werte in der Auflistung des Erbes, ein Bruder, der nach dem Tod Zugang zur Wohnung hat und ohne Absprache Gegenstände herausnimmt – die Beispiele lassen sich zahlreich weiterführen.

Meist zeigen sich im Erbfall jahrelang unterdrückte Gefühle: Ein Familienmitglied fühlte sich schon sein Leben lang benachteiligt – und hat es jetzt vermeintlich schwarz auf weiß, weil es weniger erbt. In solchen Fällen kann oft ein Mediator helfen, der alle Seiten an einen Tisch bringt und nach Lösungen sucht.

Autorinnen: Barbara Garde/Andrea Schultens

Stand: 24.06.2016, 08:00

Darstellung: