Warum lieben wir Klatsch und Tratsch?

Konflikte

Warum lieben wir Klatsch und Tratsch?

Ungewollte Schwangerschaften, Firmenpleiten, Seitensprünge – nichts interessiert uns anscheinend mehr als Klatsch und Tratsch. Je pikanter die Information, desto spannender. Beinahe zwei Drittel unserer Gespräche drehen sich um Menschen, die gerade nicht anwesend sind. Aber wieso eigentlich? Wieso lieben wir den konspirativen Plausch im Büro? Oder den Austausch von Neuigkeiten beim Kaffeeklatsch? Und warum liest angeblich niemand die bunten Boulevardblätter – und trotzdem weiß jeder, was drin steht?

Klatschen und lästern – ein Urinstinkt?

Die meisten von uns lieben Klatsch. Eine Vorliebe, die uns von Tieren unterscheidet. Denn selbst Primaten nutzen ihre Zeit effektiver. "Affen teilen sich zwar mit: 'Vorsicht! Eine Schlange!' Oder: 'Sieh mal! Futter!' Aber sie reden nicht über andere", sagt der Direktor des Wolfgang-Köhler-Primatenforschungszentrums, Professor Josep Call. Die Primaten verbringen ihre Qualitätszeit mit einem netten Zeitgenossen eher mit ausgiebiger Fellpflege.

Das Kraulen und Parasiten entfernen ist für beide Seiten ausgesprochen angenehm. Man fühlt sich nah und verbunden, ähnlich wie beim Plauschen mit einem guten Freund. Deshalb sieht der britische Psychologe Robin Dunbar in der Körperpflege der Primaten, dem sogenannten Grooming, auch das Pendant zum menschlichen Tratsch.

Dscheladas bei der gegenseitigen Fellpflege.

Gegenseitige Fellpflege – das Pendant zum menschlichen Tratsch

Als soziales Wesen ist der Mensch auf den Austausch mit anderen angewiesen. Das gehört zum Überlebensprogramm. "Die Fähigkeit, über andere zu sprechen, ist uns angeboren", erklärt der Diplom-Psychologe Dr. Andreas Schick. Anfangs erzählen Kinder Geschichten aus ihrem Alltag: "Die Mia hat den Ben gehauen" oder "Papa hat gepupst".

Kinder klatschen und tratschen in diesem Alter jedoch nicht bewusst. Sie berichten lediglich, was so alles passiert ist. Das gezielte Reden über andere geht später los. Es hängt nun von der Moralentwicklung ab, wie der Mensch mit seiner kommunikativen Gabe umgeht.

Männer und Frauen klatschen unterschiedlich

"Klatsch!" machte es früher, wenn ein Wäschestück beim Waschen auf einen Stein geschlagen wurde. An den Waschplätzen kamen die Frauen zusammen, um zu arbeiten und dabei ganz nebenbei Informationen auszutauschen. Die Frauen "klatschten" also. Über verräterische Flecken in den Wäschestücken, über die Geheimnisse der Liebe generell oder über die allerneusten Neuigkeiten.

Martin Luther waren die Waschweiber zutiefst suspekt. Er wetterte in seinen Werken gegen das "mit dem Maule waschen" und den daraus resultierenden Katharsis-Effekt: Beim Betrachten der fremden Schandtaten verschwinden die eigenen ganz schnell in den Hintergrund.

Martin Luther - Porträt von von Lukas Cranach d.Ä. 1533

Martin Luther war das Klatschen suspekt

Doch Klatsch und Tratsch sind keineswegs eine weibliche Domäne. Männer klatschen auch. Nur anders. Frauen treffen sich gezielt, um über sich und andere zu sprechen. Männer treffen sich zu einer gemeinsamen Aktivität – um dann ganz nebenbei über sich und andere zu sprechen.

Die Themen sind dabei ähnlich gelagert, dennoch gibt es kleine Unterschiede: "Die Forschung geht davon aus, dass Frauen eher über Freunde und Familie reden, während Männer zum Beispiel über Sportstars sprechen", so Freda-Marie Hartung, Professorin für Persönlichkeitspsychologie und Eignungsdiagnostik. Für die Frauen habe der Tratsch noch einen Nebeneffekt: Sie könnten dabei ihre aggressive Seite ausleben.

Klatsch-Regeln

Klatsch hat zwar einen schlechten Ruf, erfreut sich aber trotzdem großer Beliebtheit. Die Rollenverteilung ist dabei klar: Einer klatscht aktiv "Weißt du schon...?", einer passiv "Ist das wahr...?" und der dritte – stets Abwesende – liefert die wertvollen und klatschwürdigen Informationen. Wer welchen Part übernimmt, wird dabei immer wieder neu verhandelt. Nur die Gesprächsgrundlage, das Klatschobjekt, wird nicht gefragt.

Das Ganze funktioniert laut der Soziologin Professor Angela Keppler nach festen Regeln. Zunächst wird vorsichtig getastet, um wen es geht und ob beide Interesse am gemeinsamen Lästern haben. Dann folgt die eigentliche Klatschgeschichte. Und zum krönenden Abschluss gibt es einen persönlichen Kommentar samt Einschätzung zum Thema.

Eine Frau flüstert ihrem Kollegen etwas ins Ohr.

Aktiver und passiver Part beim Klatsch

Durch Klatsch und Tratsch zum Erfolg?

Klatsch kann mehrere positive Aspekte haben. Zum einen hinterlässt das gemeinsame Reden über einen Abwesenden ein wohliges Gefühl der Zusammengehörigkeit. Der Tratsch erzeugt Einigkeit und Nähe. Zum anderen transportiert der Klatsch die gängigen Wertevorstellungen. Welches Verhalten ist erwünscht? Was wird sozial geahndet? Wo stehe ich in diesem Gefüge? Für einen Neuling in einer Belegschaft kann dieses Wissen enorme Vorteile bringen.

"Neben der Information geht es beim Klatsch um Unterhaltung, Erholung und Freundschaft. Man rückt näher durch soziale Informationen", erklärt Professor Freda-Marie Hartung. Zudem sorgt die Angst vor Klatsch für adäquates Verhalten. Denn wer sich gruppenschädigend verhält, fällt durch das Gerede der anderen auf.

Gespräch unter Arbeitskollegen im Büro.

Der Flurfunk im Büro kann äußerst hilfreich sein

Wann wird aus Klatsch und Lästerei Mobbing?

Was aber, wenn Klatsch bösartig wird? "Klatsch und Tratsch und Mobbing kann ein und dasselbe sein", betont der Diplom-Psychologe Dr. Andreas Schick. Die Grenzen seien fließend, so der Mitbegründer des Präventionsprogramms "Faustlos".

Wenn regelmäßig über einen Menschen schlecht geredet wird und dieser den Tratsch auch noch mitbekommt, ist eine klassische Mobbing-Situation entstanden. "Klatsch muss ja nicht immer negativ sein", sagt Schick. "Aber wenn nachhaltig schlecht über jemanden gesprochen wird oder regelmäßig Unwahrheiten verbreitet werden, ist das Mobbing."

Eine Jugendliche blickt traurig nach vorne, während drei Mädchen im Hintergrund lachen und auf sie zeigen.

Zwischen Klatsch und Mobbing liegt oft nur ein schmaler Grat

Promis als Vergleich und Korrektiv

Die Schönen, Mächtigen und Reichen müssen in dieser Hinsicht ein dickes Fell haben. Jedes kleinste Vergehen wird an die Öffentlichkeit gezerrt und kommentiert. Die Promis werden beobachtet, gescholten oder auch bemitleidet. Sie dürfen ungefragt als Vorbild für die Masse dienen.

"Es gibt heute keine Dorfstruktur mehr, die das leistet. Früher war der Tratsch im Dorf der soziale Kitt", sagt der Medienethiker Professor Alexander Filipović. Diese freundschaftliche Kleingruppe erklärte früher, was gut und böse war, und zeigte, wer wo in der Gesellschaft stand. Heute ist die ganze Welt das Dorf. Und die Mächtigen und Reichen müssen als Vergleich und Korrektiv herhalten.

Frauenzeitschriften stehen in einem Zeitungsständer an einem Kiosk.

Wer hat was mit wem gemacht?

Boulevard-Blätter als Königsdisziplin des Klatsches

Die Klatschpresse hat den Flurfunk oder Dorftratsch auf eine professionelle Plattform gehoben. Die Prominenz steht dort unter Dauerbeobachtung. Die Paparazzi lauern auf jeden Fehltritt. Im Gegenzug profitieren auch die Schönen und Reichen von der permanenten Berichterstattung. Sie bleiben im Gespräch, vor allem auch für mögliche Werbekunden.

Kaum jemand gibt zu, die bunten Blätter zu lesen – aber viele wissen, was drinsteht. "Franz Josef Strauß hat die Bild-Zeitung auch immer in der Welt versteckt", so der Boulevard-Reporter Michael Graeter über den langjährigen CSU-Vorsitzenden. "Der wusste immer bestens Bescheid."

Das Wissen über andere kann eben Vorteile bringen. Vor allem, wenn es um brisante moralische Verfehlungen geht wie Seitensprünge, Scheidungen oder Steuersünden. Oft entwickeln solche Fälle eine Eigendynamik. Je prominenter der Sünder und je verwerflicher die Verfehlung, desto länger hält sich ein Thema in der Presse – und die Boulevard-Blätter werden zur moralischen Instanz.

Nahaufnahme eines Paparazzi-Objektives.

Im Visier der Paparazzi: die Schönen, Mächtigen und Reichen

Autorin: Anke Riedel

Stand: 16.08.2017, 16:00

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