Telefonseelsorge

Konflikte

Telefonseelsorge

Wen rufen Sie an, wenn Sie nicht weiterwissen? Wenn die Familie nichts wissen darf, Freunde nicht zuhören wollen, wenn niemand zum Zuhören da ist? Die Telefonseelsorge hilft seit fast 60 Jahren.

Jemanden zum Reden

Es ist kurz vor drei in der Nacht, Halbzeit für Susannes Nachtschicht bei der Telefonseelsorge. Der Frau am Telefon weint: Es ist alles zu viel. Die Kinder sind so anstrengend, besonders der behinderte Sohn. Seinetwegen fehlt sie ständig bei der Arbeit. Die werden sie sicher bald rausschmeißen. Was soll dann werden?

Andererseits könnte sie sich ohne Job mehr um die Kinder kümmern. Sie kann nicht mehr schlafen – am liebsten wäre sie tot. Susanne denkt: Ihre Anruferin will nicht sterben, sie will nur wieder richtig leben. Aber wie kann sie ihr helfen, ihrem Leben eine neue, eine bessere Wendung zu geben?

"Rufen Sie mich an, bevor Sie sich umbringen!" Diesen Aufruf setzte am 2. November 1953 der britische Pfarrer Chad Varah in die Londoner Times. Kurz zuvor hatte er ein 14-jähriges Mädchen beerdigen müssen, das sich das Leben genommen hatte: Sie glaubte, an einer schweren Geschlechtskrankheit zu leiden. Dabei hatte sie nur ihre erste Periode bekommen. Varahs Überzeugung: Ein Gespräch hätte dieses Leben retten können. Es war die Geburtsstunde der Telefonseelsorge.

Drei Jahre später öffnete die erste deutsche Telefonseelsorgestelle in Berlin. "Beratungsdienst für Lebensmüde" hieß die Stelle. Damals waren die Anrufe überschaubar: Bei weniger als drei Millionen Telefonanschlüssen, davon nur ein geringer Teil Privatanschlüsse, hielt sich die Nachfrage im Rahmen.

Zwei Männer in Telefonzellen.

In den 1960er Jahren riefen viele aus der Telefonzelle an

Heute sind in Deutschland 37 Millionen Festnetznummern und 114 Millionen SIM-Karten angemeldet – und die Telefone der Telefonseelsorge stehen selten still: Rund 2,3 Millionen Mal klingelte dort im vergangenen Jahr das Telefon.

Krisentelefone weltweit

Mittlerweile gibt es die Telefonseelsorge als "Crisis Hotline", "Die Dargebotene Hand" oder "SOS Amitié" in 28 Ländern. Das Prinzip ist überall gleich:

  • Jedes Gespräch ist anonym – keine Nummernanzeige im Display, kein Vermerk auf der Telefonrechnung. Niemand erfährt von einem Anruf bei der Telefonseelsorge. In Deutschland übernimmt die Kosten die Telekom, weil sich jeder dieses Hilfsangebot leisten können soll.
  • Die Arbeit am Telefon ist ehrenamtlich. Die Telefonseelsorger werden sorgfältig ausgesucht, geschult und ständig fortgebildet, aber sie sind keine Psychologen oder Therapeuten.
  • Das Gesprächsangebot ist offen für alle Themen und nicht religions- oder ideologiegebunden – auch wenn die Organisation in Deutschland von den beiden christlichen Kirchen getragen wird.

Im Gespräch eigene Antworten finden

Die Krisenberater hören zu. Sie geben keine Handlungsanweisungen. "Wir können nicht die Probleme unserer Anrufer lösen", sagt Barbara Keßler, Diplom-Psychologin und Leiterin der Telefonseelsorge Neuss. "Indem wir zuhören, nachfragen, mitdenken und mitfühlen, können wir Entlastung und vielleicht auch Anstöße zur Veränderung geben. Wir wollen den Anrufern helfen, eigene Antworten zu finden, sich auf die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu besinnen. Mehr geht nicht, aber das ist manchmal schon sehr hilfreich."

Junge Frau geht auf Eisenbahngleisen.

Alles zurücklassen, was man liebt?

Das versucht auch Ehrenamtlerin Susanne bei ihrem Gespräch mit der verzweifelten Mutter. Wo könnte sie Unterstützung finden? Wann gab es in der letzten Zeit mal gute Momente und was war da anders? Die Anruferin erinnert sich an ihren Geburtstag: Zwei Freundinnen waren da, die Kinder haben sich viel Mühe gegeben, ihr einen schönen Tag zu machen. Sie haben zusammen "Die Siedler von Catan" gespielt. Alles war gut. "Sehen Sie", sagt Susanne. "Sie haben eine gute Familie." Durch das Telefon kann sie so etwas wie ein Lächeln ahnen.

Warum hört man sich fremde Sorgen an?

Susanne ist eine von 8500 Freiwilligen. Drei- bis viermal im Monat ist sie eine Schicht lang für die Anrufenden da – für vier Stunden. Zum Ehrenamt am Telefon kam sie nach dem Studium, als sie nicht genau wusste, wohin mit sich und ihrem Leben. "Du kannst so gut zuhören", hatte eine Freundin ihr gesagt. "Geh doch zur Telefonseelsorge." Das ist zwölf Jahre her. Mittlerweile hat sie ein Kind und einen verantwortungsvollen Job. Ihre Telefonschichten möchte sie trotzdem nicht aufgeben.

Nirgendwo sonst habe sie so viel über Menschen, über unsere Gesellschaft und vor allem über sich selbst gelernt, sagt sie. Und sie hat neue Anstöße bekommen: Vor einigen Jahren hat sie eine Ausbildung zu Gesprächstherapeutin gemacht. Das war zeitaufwendig und teuer. Aber seitdem könne sie ganz anders zuhören, sagt sie. "Das für mich Berührendste: Ich kann wieder Gespräche mit meinem dementen Vater führen, so wie ich es früher längst nicht mehr konnte."

"Es erdet", sagt ihr Kollege Michael. Der 45-jährige Ingenieur genießt es als Ausgleich zu seinem technischen Arbeitsalltag, sich intensiv mit Menschen zu beschäftigen. "Wenn ich hier rauskomme, weiß ich immer wieder, wie gut es mir geht mit meinen Pille-Palle-Alltagsproblemen."

Ingrid ist erst im Rentenalter zur Telefonseelsorge gekommen. Die ehemalige Lehrerin möchte ihre freie Zeit sinnvoll nutzen – für andere und für sich selbst. "Man bekommt immer die Gespräche, die man gerade braucht", sagt sie. "Die eigenen Sorgen und Probleme spiegeln sich darin. Und nach einer intensiven Schicht sehe ich manche Dinge etwas anders als vorher."

Aber nicht jedes Gespräch gelingt. Und es gibt Fälle, die die Helfer besonders mitnehmen. Wie der des jungen Mädchens, das von ihrem Ex-Freund vergewaltigt und erpresst worden war. Ein Gespräch, das Claudia, 57 Jahre alt und seit elf Jahren dabei, immer noch nachhängt. "Das Elend zu sehen und nichts ändern zu können, ist schrecklich. Da muss ich meine eigenen Grenzen akzeptieren: Ich kann nur zuhören, für sie da sein – mehr geht nicht."

Füße auf einer Autobahnbrücke.

Wer entschlossen ist zu sterben, den kann man nicht aufhalten

Mit der unbequemen Realität konfrontieren

80 Prozent der Ehrenamtlichen sind Frauen, zwei Drittel sind zwischen 30 und 60 Jahren alt. Das Mindestalter liegt bei 25 Jahren, eine Beschränkung nach oben gibt es nicht. Die Mitarbeiter kommen aus fast allen Bereichen der Gesellschaft. Viele beginnen die Ausbildung im Zuge eines Lebenseinschnitts: nach der Ausbildung, wenn die Kinder das Haus verlassen, wenn die Rente ansteht, nach einer langen überstandenen Krankheit.

"Voraussetzungen sind Lebenserfahrung, Offenheit, Toleranz, psychische Belastbarkeit, Einfühlungsvermögen, aber auch die Fähigkeit, das Gegenüber mit ausgeblendeten, unbequemen Realitäten zu konfrontieren", sagt die Psychologin Barbara Keßler. Telefonseelsorge soll keine Schmuseecke sein.

"Wie wichtig ist Ihnen Ihre Arbeit?", fragt Susanne ihre Anruferin. Klar, erst mal sichert sie das Einkommen. "Mehr nicht?" Doch, die Arbeit macht ihr auch Spaß, die Kolleginnen sind nett. Da ist sie Frau Soundso, nicht nur die Mutter von Robin und Marie. Die Verantwortung. Sie macht einen guten Job, meint sie. "Dann lassen Sie sich das nicht nehmen", sagt Susanne.

Wer ruft die Telefonseelsorge an?

Frauen rufen häufiger an als Männer, fast die Hälfte der Anrufer ist zwischen 50 und 60 Jahren alt. Einsamkeit ist ein großes Thema: Es gibt Menschen, die die Telefonseelsorge als Familienersatz nutzen. Täglich rufen sie an, um ein kurzes Gespräch zu führen, um sich aus ihrer Einsamkeit zu lösen. Aber auch Menschen mit guter sozialer Anbindung rufen an: Manche Sorgen und Probleme bespricht man lieber mit anonymen Fremden als mit Freunden oder Verwandten.

Ältere Frau, den Kopf auf ihre Hand gestützt.

Die Einsamkeit – eines der Hauptthemen am Telefon

Andere häufige Themen: Partnerschaft und Trennung, aber auch die Situation im Job, Arbeitslosigkeit und finanzielle Nöte. Immer größer wird die Gruppe der Anrufer mit psychischen Problemen und Erkrankungen. Mittlerweile geben viele Therapeuten ihren Klienten den Tipp, bei der Telefonseelsorge anzurufen, um Warte- und Urlaubszeiten zu überbrücken.

Besonders schwer sind Gespräche mit Traumatisierten, mit Opfern von Gewalt und sexuellem Missbrauch oder mit pädophil Veranlagten. "Wir versuchen, unseren Mitarbeitern durch Schulungen und Fachliteratur so viel Hintergrundwissen wie möglich an die Hand zu geben", sagt Barbara Keßler von der Telefonseelsorge Neuss. "Aber Telefonseelsorge ist ein Gesprächsangebot, kein Therapie-Ersatz."

Auch per Chat gibt es Hilfe

1995, nur fünf Jahre nach dem Start des Internets in Deutschland, begann auch die Telefonseelsorge die neuen Medien zu nutzen. Seitdem gibt es E-Mail- und Chat-Angebote. Besonders die Chatter sind im Schnitt sehr viel jünger als die Anrufer.

Die Themen sind durchweg die gleichen wie am Telefon, wobei Selbsttötungsabsichten oder selbst verletzendes Verhalten hier eher zur Sprache kommen. Der große Vorteil: Die Chatkontakte werden im Vorhinein verabredet, das heißt, die Berater können sich besser darauf vorbereiten als am Telefon.

Und der Kontakt kann in beide Richtungen laufen: Die Berater können nach einer Weile noch mal nachfragen, eine Information nachschieben oder ein abgebrochenes Gespräch wieder aufnehmen. Einige Stellen in Deutschland bieten im Programm "Offene Tür" auch persönliche Beratungsgespräche an.

"Haben Sie mal darüber nachgedacht, sich professionelle Hilfe zu holen?", fragt Susanne ihre Anruferin. Die hat schon einiges probiert: Erziehungs- und Familienberatung, Psychosozialen Dienst. Aber das alles kostet Zeit und die fehlt ihr. Aber so ein Fachgespräch mit der Telefonseelsorge baut sie wieder ein bisschen auf, sagt sie: Jemand, der ihr zuhört, ihre Schwierigkeiten sieht und ernst nimmt, das tut schon gut – auch wenn die Probleme dadurch nicht verschwinden.

Aber manchmal gibt es kleine Lösungen: Es ist kurz vor vier Uhr in der Nacht. Die Anruferin ist müde, aber sie kann nicht schlafen, weil ihr Sohn wie üblich in ihr Bett gekommen ist. "Wecken Sie ihn", sagt Susanne, "Ihr Schlaf ist wichtig." Das will die Anruferin nicht. "Dann legen Sie sich in sein Bett, das ist ja frei", schlägt Susanne vor. Die Anruferin lacht. "Super Idee, der wird Augen machen morgen." Manchmal braucht es nur eine ganz einfache Lösung, damit es ein bisschen besser weitergeht.

Autorin: Barbara Garde

Stand: 31.01.2017, 16:42

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