Aids

Rund 800 Schülerinnen und Schüler des Würzburger Siebold Gymnasiums stehen im Pausenhof ihrer Schule in Form einer Aidsschleife. Zur optischen Verstärkung halten sie rote Karten über ihre Köpfe.

Krankheiten

Aids

In Europa verliert Aids zunehmend an Schrecken. Das HI-Virus scheint durch neue Medikamente beherrschbar geworden zu sein. Doch noch immer ist die Krankheit nicht heilbar und das Leben mit dem Acquired Immune Deficiency Syndrome, kurz Aids, ist nicht einfach.

Anfang der 1980er Jahre – eine neue Krankheit?

Im Sommer 1981 sind die Mediziner der US-Seuchenüberwachungsbehörde "Center for Disease Control" alarmiert: Fünf bislang gesunde homosexuelle Männer im Raum Los Angeles sind mit der seltenen Lungenerkrankung Pneumocystispneumonie (PCP) infiziert, die meist nur Menschen mit einem schwachen Immunsystem befällt.

Fast parallel dazu tritt in New York City das Kaposi-Sarkom, eine Krebserkrankung, ungewöhnlich häufig auf. Die Vermutung liegt nahe, dass man eine neue Krankheit entdeckt hat. Sie hat zwar noch keinen Namen, aber viele Symptome.

Da anfangs vor allem Homosexuelle von den seltenen Erkrankungen betroffen sind, vermuten Wissenschaftler einen Zusammenhang. Das Syndrom bekommt den Namen "Gay Related Immune Deficiency" (GRID). Doch schon bald muss man den Namen, der übersetzt so viel bedeutet wie "schwulenbezogene Immunschwäche", durch einen anderen ersetzen. Denn es tauchen immer mehr Patienten auf, die mit der homosexuellen Szene nichts zu tun haben.

Erst jetzt, im Sommer 1982, nennt man den Immundefekt "Acquired Immune Deficiency Syndrome" (auf Deutsch: erworbenes Immunschwäche-Syndrom), kurz Aids. Auch in Deutschland wird das erste Mal bei einem Patienten Aids diagnostiziert. 1982 weiß man bereits von 14 Ländern, in denen die Krankheit aufgetreten ist. Man hat erste Vermutungen, dass ein bestimmtes Virus den Immundefekt mit den vielen Krankheitsbildern auslöst.

Mitte der 80er Jahre – das Virus wird entdeckt

Porträtfoto des französischen Wissenschaftlers und Mit-Entdeckers des Aids-Erregers, Luc Montagnier.

Luc Montagnier, Mit-Entdecker des Aids-Erregers

Der französische Wissenschaftler Charlie Dauguet arbeitet in der Forschergruppe um den Virologen Luc Montagnier am Pasteur Institut in Paris an der Forschung von Retroviren. Diese Viren speichern ihre Erbinformationen in der RNS (Ribonukleinsäure) und übertragen diese in das Erbgut ihres Wirtes. Dauguet ist der erste, der unter dem Elektronenmikroskop das HI-Virus zu Gesicht bekommt. Es erhält den Namen Lymphadenopathie-Virus (LAV).

Kurz darauf gelingt es auch dem US-Amerikaner Robert Gallo, das Retrovirus zu isolieren. Er nennt es "Human T-cell Lymphotropic Virus-III" (HLV-III). Erst 1986 einigen sich die Forscher auf einen endgültigen Namen: Humanes Immunschwächevirus (HIV). Der Optimismus, dass man nun auch bald ein Medikament gegen die neu entdeckte Krankheit finden werde, ist groß.

Doch schon bald müssen die Forscher erkennen, wie sehr sie sich getäuscht haben. In der Zwischenzeit häufen sich die Krankheitsfälle. Ende 1983 sind in den USA 3000 Menschen mit dem Virus infiziert, über 1000 davon sind bereits gestorben.

In den Vereinigten Staaten und in Europa entwickelt sich eine hysterische Stimmung. In Deutschland schreckt ein Titel des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" die Menschen auf. Homosexuellen-Seuche wird Aids dort genannt. Doch der Artikel klärt auch darüber auf, dass dies eine gefährliche Bezeichnung ist. Denn noch weiß niemand genau, wie das Virus übertragen werden kann. Eines ist allerdings zu diesem Zeitpunkt schon sicher: Es kann jeden treffen – Mann und Frau, Homosexuelle und Heterosexuelle, Erwachsene und sogar Kinder.

1985 bis 1995: Jahre des Lernens, Jahre des Leidens

1985 rüttelt der Tod des Schauspielers Rock Hudson große Teile der Bevölkerung auf. Erst jetzt wird vielen bewusst, dass Aids nicht nur irgendwelche unbekannten Menschen treffen kann, sondern auch beliebte Prominente oder den Bekannten von nebenan. Noch vor seinem Tod hatte Rock Hudson die "American Foundation of Aids Research" mit ins Leben gerufen.

Die Schauspielerin Elizabeth Taylor übernimmt den Vorsitz, nachdem Hudson gestorben ist. Ihr Engagement bewirkt ebenso ein Umdenken in der Bevölkerung wie der Besuch Lady Dianas auf einer britischen Aids-Kranken-Station. Dass sie bei ihrem Besuch keine Handschuhe trägt und dennoch HIV-Infizierten die Hand schüttelt, ist zu diesem Zeitpunkt eine Sensation.

Inzwischen ist bekannt, dass das Virus nur durch Blut- und Sexualkontakt verbreitet werden kann. In Deutschland wird die "Aids-Hilfe" gegründet. Seit 1987 betreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Kampagne "Gib Aids keine Chance". Seither kennt jeder Kinogänger die kurzen Filme, die über die Immunschwächekrankheit aufklären.

Während auf der einen Seite das Wissen und damit die Toleranz gegenüber den Erkrankten wächst, gibt es aber auch zahlreiche Rückschritte im Umgang mit der Krankheit. Die USA verbieten HIV-Positiven die Einreise, Papst Johannes Paul II. verbietet Kondome, Bayern verpflichtet bis 1995 Beamtenanwärter, einen HIV-Test zu machen und in den USA darf der an Aids erkrankte junge Bluter Ryan White keine normale Schule besuchen.

Ende 1990 schätzt man die Zahl von HIV-Infizierten auf acht Millionen Menschen. Unter denen, die an den Folgen der Infektion sterben, sind bekannte Persönlichkeiten wie der Künstler Keith Haring, der Vater der Muppets Jim Henson und der Sänger der Rockgruppe Queen Freddy Mercury. An die berühmten und an die unbekannten Toten erinnert seit 1987 der "Aids Memorial Quilt", der von Tausenden Menschen in der ganzen Welt immer noch gepflegt und erweitert wird.

1991 kommt die Rote Schleife ("red ribbon") als Zeichen hinzu, die in Europa ein Jahr später auf einem Gedenkkonzert für Freddy Mercury in London tausendfach verteilt wird. Bis dahin steht zur Linderung der Infektion nur ein Medikament zur Verfügung: Azidothymidin (AZT). Es hat allerdings starke Nebenwirkungen und die meisten Patienten entwickeln schnell Resistenzen gegen das Mittel.

1996 bis heute: Aufklärung immer noch notwendig

Mitte der 1990er Jahre beginnt der HIV-Forscher David Ho mit ersten Kombitherapien. Endlich hat man eine Behandlungsmethode entwickelt, die zwar nicht heilt, aber das Leben mit Aids erträglich machen kann. Doch die Epidemie ist längst nicht gestoppt: Laut Angaben des gemeinsames Programm der Vereinten Nationen zu HIV/Aids (UNAIDS) infizieren sich pro Jahr rund 2,5 Millionen Menschen neu mit HIV. 1,2 Millionen starben 2015 an Aids. Weltweit sind geschätzt 38,8 Millionen mit dem Virus infiziert. Seit dem Beginn der Krankheit sind über 35 Millionen Menschen an ihr gestorben.

Eine Hand hält eine Medikamentenschachtel gefüllt mit verschiedenen Medikamenten für Aidskranke.

Ein Medikamentencocktail hilft vielen Aidskranken

Vor allem in den ärmeren Ländern der Welt sterben Menschen an den Folgen der Krankheit, da sie nicht aufgeklärt werden und Medikamente für sie unerschwinglich sind. Neben Aufklärung sind Generika, billig hergestellte Nachahmermedikamente, für diese Länder die einzige Möglichkeit, die Epidemie in den Griff zu bekommen. Dies sieht 2001 sogar die Welthandelsorganisation (WTO) ein und spricht den Entwicklungsländern das Recht zu, bei nationalen Notständen Generika herzustellen.

Im selben Jahr wird der "Globale Fond" zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria gegründet. Er hat sich zum Ziel gesetzt, vor allem die Wirtschaft für seine Ziele zu gewinnen. Zwei Jahre später stimmt die WTO zu, dass nicht nur die Länder Generika erhalten, die sie auch herstellen, sondern dass auch eine Einfuhr aus dem Ausland erleichtert werden soll.

Wer von HIV/Aids spricht, denkt heute oft nur an das südliche Afrika. Dort leben zwei Drittel aller Infizierten. Doch zur gleichen Zeit nehmen Geschlechtskrankheiten in den westlichen Ländern wieder zu – ein deutliches Zeichen dafür, dass viele sich beim Sex nicht mehr durch Kondome schützen. Eine neue Generation ist erwachsen geworden, eine Generation, die den Schrecken der ersten Jahre nicht miterlebt hat.

Nach Schätzungen des Robert Koch Instituts infizierten sich in Deutschland 2014 rund 3200 neu Menschen mit HIV. Damit bleibt die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland seit einigen Jahren unverändert, sie geht aber auch nicht zurück. Geschätzt 480 HIV-Infizierte starben im Jahr 2014. Gleichzeitig steigen in Asien und Osteuropa die Zahlen von HIV-Infizierten erschreckend an. Die Aufklärung in den asiatischen Ländern und Osteuropa beginnt gerade erst.

In Peking ringt man sich 2003 endlich durch, im Fernsehen einen Werbefilm für Kondome zu senden. Auch im Westen wird klar, dass die Aufklärung weiter gehen muss. In den USA gewinnt 2004 ein Fernsehfilm alle Golden Globe-Preise in seiner Sparte: "Angels in America", ein Film nach einem Theaterstück aus den 1990er Jahren, erzählt die Geschichten mehrerer an Aids erkrankter Menschen im Amerika der 1980er Jahre. Damals hätte die Politik die neue Epidemie am liebsten noch unter den Teppich gekehrt.

Die Zukunft – Hoffnung durch Gentherapie?

Da die Versuche, einen Impfstoff gegen das HI-Virus zu finden, immer wieder gescheitert sind, richtet sich die Hoffnung zurzeit darauf, das Virus durch eine Gentherapie zu bekämpfen.

Erste Erfolge wurden im Februar 2016 veröffentlicht. Den Wissenschaftlern rund um Joachim Hauber vom Heinrich-Pette-Institut in Hamburg und dem Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik Dresden war es gelungen, durch eine Gentherapie das HI-Virus aus den befallenen Körperzellen zu entfernen. Dabei werden auf molekularer Basis die Erbinformationen der HI-Viren aus den befallenen Zellen "ausgeschnitten".

Eine Behandlung gegen das HI-Virus könnte so aussehen: Dem Immunsystem würden Stammzellen entnommen und mit einem künstlich erzeugten Enzym, der genetischen Schere, verändert. Diese veränderten Zellen würden dann wieder injiziert. Die daraus entstehenden Immunzellen sollen dann eigenständig das HI-Virus in anderen befallenen Zellen erkennen und mit der Schere bekämpfen. Auf diese Weise könnte sich, so die Hoffnung, das Immunsystem langfristig selbst reparieren. An dieser Methode war lange geforscht worden. Versuche an Mäusen verliefen vielversprechend. Erste klinische Studien sind geplant, doch warnen die Forscher der beteiligten Institute vor zu viel Euphorie. Sollten die klinischen Versuche erfolgreich sein, würde es mindestens noch weitere 10 Jahre dauern, daraus eine Behandlung zu entwickeln.

Autorin: Sine Maier-Bode/Hildegard Kriwet

Stand: 14.06.2016, 15:00

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