Allergien und Umweltgifte

Allergien

Allergien und Umweltgifte

Sie sind in der Luft, im Wasser und in der Nahrung: Umweltgifte. Ob Weichmacher oder künstliche Düfte, PCB (Polychlorierte Biphenyle) oder Formaldehyd: All diesen Stoffen sind wir mehr oder weniger ausgesetzt. Experten warnen schon lange davor, dass dadurch immer mehr Allergien ausgelöst werden. Planet Wissen hat mit dem Umweltmediziner Dr. Kurt E. Müller gesprochen. Der Dermatologe sitzt im Vorstand des Deutschen Berufsverbandes der Umweltmediziner und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Zusammenhang zwischen Umweltschadstoffen und Allergien.

Darum geht’s in diesem Artikel:

  • Umweltgifte sind vom Menschen hergestellte Schadstoffe.
  • Weichmacher in PVC-Materialien lösen häufig Allergien aus.
  • Wer bereits als Embryo belastet wurde, hat später ein höheres Allergierisiko.
  • Generelle Abschottung vor Umwelteinflüssen bringt nichts.
  • Bei einer Multiplen Chemikalienunverträglichkeit wehrt der Körper Chemikalien ab.
  • Mehr oder weniger? Was bringt die Zukunft?

Planet Wissen: Was unterscheidet Umweltgifte von anderen Schadstoffen?

Dr. Kurt E. Müller: Die Quellen der Umweltgifte liegen außerhalb der Umwelt. Es sind also keine Stoffe, welche die Umwelt selbst produziert, sondern vom Menschen hergestellte Schadstoffe, die in die Umwelt hereingetragen werden. Sie kommen in jedem Lebensbereich des Menschen vor. Deshalb können wir ihnen durch eigenes Verhalten oft nicht mehr aus dem Weg gehen. Die Vermeidungsstrategien, die der Mensch grundsätzlich hat, greifen hier nur begrenzt.

Welche Schadstoffe lösen besonders häufig Allergien aus?

Porträt von Kurt E. Müller.

Dr. Kurt E. Müller

Wir kennen eine große Gruppe von Schadstoffen, die eine relativ große Rolle spielt, wie die Isocyanate, die in Dämmstoffen sind. Formaldehyd war früher ein großer Allergieauslöser, ist jetzt aber weniger bedeutsam, weil er nicht mehr so häufig verwendet wird.

Eine zunehmende Rolle spielen auch die Phthalate, das sind Weichmacher in PVC-Materialien. Sie waren lange Zeit auch in Kinderspielzeug enthalten, sind inzwischen aber – auch durch meine Bemühungen – im Gebrauch reduziert worden. Sie sind aber immer noch in Medizinprodukten wie Infusionsbeuteln und Kathetern reichlich vorhanden.

Außerdem haben die Körperpflegemittel ein hohes Allergiepotenzial wegen Emulgatoren und Weichmachern. Dann sind da noch die Duftstoffe in vielen Kosmetika sowie in Spül- und Waschmitteln. Das sind wahrscheinlich die Stoffe, die am meisten zunehmen. Das sieht man auch an den Gewässern, dort lagern sich immer mehr dieser Duftstoffe ab. Und schließlich haben wir eine ganze Reihe Stoffe, die im Beruf eine Rolle spielen. Zum Beispiel können Substanzen der Gummiverarbeitung oder des Friseurhandwerks Allergien auslösen.

Auch natürliche Stoffe, zum Beispiel Pollen, können durch Umwelteingriffe so stark verändert werden, dass sie ein höheres Allergiepotenzial bergen.

Wer ist besonders anfällig für Allergien, die mit Umweltschadstoffen in Zusammenhang stehen?

Wer in der Schwangerschaft, also schon als Embryo, belastet worden ist, hat später ein höheres Risiko Allergien zu entwickeln. Denn das Immunverhalten kann bereits in dieser Zeit geprägt werden. Diese Prägungsprozesse halten sich über zwei bis drei Generationen.

Kann man sich schützen oder der Entstehung von Allergien vorbeugen?

Grundsätzlich sehen wir, dass das Abschotten des Menschen gegenüber seiner natürlichen Umgebung das Allergierisiko fördert. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die in der Landwirtschaft groß werden, wo es Schmutz und viele verschiedene Bakterien gibt, seltener allergische Reaktionen haben. Das hängt damit zusammen, dass das Immunsystem trainiert wird.

Zudem ist es wichtig, darauf zu achten, dass man möglichst in einer Wohnumgebung lebt, in der wenig Umweltschadstoffe vorkommen. Das gleiche gilt natürlich auch für die Kleidung. Auch diese sollte möglichst wenig Schadstoffe enthalten. In vielen Textilien findet man zum Beispiel immer wieder Pestizidrückstände und auch Schwermetalle.

Nicht zuletzt spielt die Ernährung eine große Rolle. Fleisch und Geflügel aus der Massentierhaltung kann zum Beispiel Rückstände von Antibiotika enthalten. Man sollte sich abwechslungsreich ernähren und natürlich auch auf die Qualität der Lebensmittel achten.

Man liest immer wieder von der multiplen Chemikalienunverträglichkeit. Dabei reagieren die Menschen auf viele unterschiedliche Chemikalien. Ist das tatsächlich eine ernstzunehmende Krankheit?

Es ist eine anerkannte Diagnose. Das ist wichtig, weil vielerorts so getan wird, als wäre diese Krankheit nur in esoterischen Zirkeln verbreitet. Erkannt wurde sie schon Anfang der 1950er Jahre in den USA.

Zwei wesentliche Eigenschaften sind beschrieben, die auch allgemein akzeptiert sind: Die erste ist, dass diese Patienten Chemikalien plötzlich nicht mehr vertragen, die sie zuvor gut vertragen haben und dass die Chemikalien in Dosierungen wirken, die zuvor keinen toxischen Effekt bei ihnen hatten.

Die zweite ist, dass diese Reaktionen sich auf viele Chemikalien ausweiten, die miteinander gar nicht verwandt sein müssen. Daran kann man erkennen, dass diese Krankheit nicht durch eine Giftigkeit ausgelöst wird, denn dann hätten die Patienten schon von Anfang an darauf reagiert. Es handelt sich aber auch nicht um eine Allergie, auch das ist nachgewiesen.

Bei der multiplen Chemikalienunverträglichkeit haben wir es mit einer Erkrankung zu tun, bei der der Körper auf viele Chemikalien mit einer Abwehrreaktion reagiert. Die Folgen können unter anderem Kopfschmerzen, Schwindel oder Müdigkeit sein. Je heftiger die Person erkrankt, umso größer ist die Zahl der Stoffe, auf die der Körper einen Entzündungsmechanismus entwickelt.

Wie viele Menschen leiden unter dieser speziellen Form der Unverträglichkeit?

Es gibt Hinweise, dass die multiple Chemikalienunverträglichkeit genauso häufig ist wie die klassischen Volkskrankheiten, also wie Diabetes oder Bluthochdruck. Das heißt, in Deutschland leiden etwa vier bis sechs Millionen Menschen darunter. Wir schätzen, dass rund 500.000 Menschen die schwerste Form dieser Krankheit haben.

Diese Patienten können kaum noch vor die Tür gehen. Aber das sind Zahlen, die errechnet sind aus ausländischen Zahlen. Amerikanische Wissenschaftler geben für die Krankheit eine Häufigkeit von 15 Prozent in der Bevölkerung an.

Dass es bei uns keine gesicherten Zahlen gibt, liegt meiner Meinung nach daran, dass die Chemieindustrie diese Krankheit nicht will. Es gab in den 1990er Jahren in Berlin eine Sitzung mit Vertretern der Industrie, auf der diese erzwingen wollten, dass die Krankheit umbenannt wird, um das Wort Chemie herauszuhalten. Das ist aber gescheitert.

Wie sehen Sie die Zukunft? Werden Allergien, die auf Umweltgifte zurückgehen, weiter zunehmen?

Davon müssen wir ausgehen. Heuschnupfen zum Beispiel und auch Neurodermitis haben seit meiner Kindheit unter Jugendlichen auf einen Anteil von über 40 Prozent zugenommen. Das ist in einer Generation ein explosionsartiger Anstieg. Generell muss man sagen, dass das Allergierisiko natürlich mit der Anzahl der in die Umwelt gebrachten Stoffe steigt. Es gibt inzwischen Forscher, die sagen, dass es in einer Generation keine Menschen mehr geben wird, die frei von Allergien sind. Ob es so weit kommt, muss man sehen, aber steigen wird die Zahl auf jeden Fall.

Interview: Christiane Tovar

Stand: 08.02.2012, 12:00

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