Alzheimer

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Alzheimer

"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht getrieben werden können." Das schrieb im Jahre 1812 der deutsche Dichter Jean Paul. Für mehr als eine Million Deutsche klingen diese poetischen Worte wenig tröstlich: Sie leiden an der Alzheimer-Demenz. Als Demenz bezeichnen Ärzte eine geistige Behinderung, die entstanden ist, weil das Hirn geschädigt wurde. Alzheimer ist die wohl häufigste Form der Demenz.

Alois Alzheimer, Namensgeber einer Krankheit

Dr. Alois Alzheimer um 1914 fotografiert.

Dr. Alois Alzheimer beschrieb als Erster die Erkrankung

Bei der Alzheimer-Krankheit bilden sich Neurofibrillen und Plaques, daraufhin sterben Nervenzellen ab. Doch das merkt man nicht. Es können Jahre vergehen, bis das erste Symptom auftaucht: Vergesslichkeit. Wo ist der Haustürschlüssel? Was wollte ich eben erzählen? Das sind typische Situationen. Später verlieren Betroffene die Orientierung, können nicht mehr sprechen, werden bettlägerig. Zwar lassen sich manche Symptome der Erkrankung lindern oder hinauszögern. Geheilt werden kann bislang aber niemand.

1906, in der Klinik für Gemüts- und Nervenkranke an der Universität Tübingen, die heute die Universitätsklinik für Psychiatrie ist: Der Nervenarzt Alois Alzheimer hält einen Vortrag, der ihn später berühmt machen soll. Er beschreibt eine bis dahin unbekannte Form der Demenz, das "eigenartige Krankheitsbild" seiner Patientin Auguste Deter.

Bei der 55-Jährigen habe sich eine rasch zunehmende Gedächtnisschwäche bemerkbar gemacht. Sie habe sich in ihrer Wohnung nicht mehr zurechtgefunden, Gegenstände hin und her geschleppt und sie versteckt. Zuweilen habe sie geglaubt, man wolle sie umbringen, und begonnen, laut zu schreien. Mehr als fünf Jahre lang hatte der Arzt seine Patientin beobachtet und den Verlauf des Verfalls akribisch in der Krankenakte notiert.

Nachdem seine Patientin gestorben war, untersuchte er das Gehirn von Auguste Deter: Alois Alzheimer vermutete, dass es eine biologische Ursache für die dokumentierten Veränderungen gegeben hatte. Und tatsächlich: Alzheimer erkannte, dass die Hirnrinde dünner gewesen war als üblich.

Er fand auch Eiweißablagerungen in Form von Plaques. Und er konnte ungewöhnliche Bündel von sogenannten Neurofibrillen nachweisen: Dabei hatten sich Fasern in Nervenzellen verknäuelt. 1909 benannte ein Kollege, der Psychiater Emil Kraepelin, die mit diesen Veränderungen einhergehende Krankheit nach ihrem Entdecker: Alzheimer-Krankheit.

Heute zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Alzheimer-Demenz zu den größten medizinischen Problemen weltweit. Im Jahr 2015 dürften weltweit rund 44 Millionen Menschen an Alzheimer erkrankt sein, mehr als 1,5 Millionen davon in Deutschland. Die WHO hat mit dem Dachverband Alzheimer's Disease International (ADI) hochgerechnet: Im Jahr 2030 werde es weltweit 70 Millionen Alzheimer-Patienten geben, davon etwa 2,5 Millionen in Deutschland.

Mehr als 100 Jahre sind vergangen, seit Alois Alzheimer die Krankheit entdeckt hat. Noch immer ist sie nicht vollständig erforscht. Was man aber unter anderem weiß: Von der Diagnose bis zum Tod des Patienten vergehen durchschnittlich sieben Jahre.

Verfall in mehreren Stufen

Seniorin mit Rollator und Krückstock im Supermarkt. Sie schaut verwirrt.

Mit leichter Vergesslichkeit fängt es an...

Mit leichter Vergesslichkeit beginnt es: Die Betroffenen verlegen ihre Brille oder finden ihre Geldbörse nicht. Sie erkennen Orte nicht wieder, an denen sie schon einmal waren. Beim Reden verlieren sie den Faden. Vor allem kurz zurückliegende Ereignisse werden vergessen.

Zunächst können viele Patienten ihre Gedächtnisprobleme vertuschen: Sie notieren sich alles auf kleine Zettel; oder sie tragen eine Zeitung mit sich herum, um den Wochentag und das aktuelle Datum parat zu haben.

Je weiter die Alzheimer-Demenz fortschreitet, je weiter das Gehirn geschädigt wird, umso mehr Fähigkeiten verlieren die Betroffenen: So können immer weniger assoziieren, zum Beispiel dass Schuhe und Socken an die Füße gehören oder was mit Messer, Gabel und Löffel zu tun ist. Selbst vertraute Personen erkennen die Dementen nicht mehr immer, und die eigene Wohnung wird ihnen fremd.

Die Alzheimer-Patienten vernachlässigen mitunter auch ihr Äußeres. Und Verfolgungswahn oder Halluzinationen können sich einstellen. Es fällt ihnen immer schwerer, alltägliche Dinge zu meistern. Und nun lässt auch die Erinnerung an weit zurückliegende Dinge nach: Sie können sich zum Beispiel nicht mehr daran erinnern, welchen Beruf sie früher ausübten.

Patienten, die das Stadium der schweren Demenz erreichen, sind völlig pflegebedürftig. Sie werden zunehmend inkontinent, müssen gefüttert werden. Nach und nach nimmt auch die Fähigkeit zu gehen immer mehr ab, die Gefahr von Stürzen steigt. Wenn dann jene Areale im Gehirn, die für die Bewegung zuständig sind, versagen, wird der Patient bettlägerig. Die Alzheimer-Kranken werden schwächer. Oft sterben sie dann an einer Lungenentzündung oder einem Herzinfarkt.

Biologische Ursache: Der Tod der Nervenzellen

Wenn die ersten Symptome auftreten, dann hat das Gehirn des Betroffenen schon einen jahrzehntelangen Veränderungsprozess hinter sich. Unbemerkt sind zahlreiche Nervenzellen mit ihren Verbindungen untereinander abgestorben. Ein Leben lang haben Milliarden von Kontakten zwischen den Nervenzellen alle Erinnerungen gespeichert. Die Erinnerungen machen die komplexe Persönlichkeit eines Menschen aus – nun gehen sie unwiederbringlich verloren.

Der Verfall der Nervenzellen beginnt an Stellen im Gehirn, die mit dem Gedächtnis und mit der Informationsverarbeitung zu tun haben: Hirnregionen, in denen sich Erlerntes mit neuen Sinneseindrücken verbindet. Wenn Nervenzellen und ihre Verbindungen verloren gehen, dann können die eintreffenden Sinnesreize und Informationen nicht mehr richtig verarbeitet werden – und auch nicht mehr mit dem Erlernten verknüpft werden. Warum die Nervenzellen sterben, dafür gibt es wohl zwei Gründe: Plaques und kaputte Neurofibrillen.

Schichtaufnahme eines menschlichen Gehirns mit Alzheimerkrankheit.

Ablagerungen von Plaque außerhalb der Gehirnzellen

Die Plaques, das sind Eiweiß-Ablagerungen: In den Hüllen von Nervenzellen befindet sich ein Eiweiß, das normalerweise fortlaufend hergestellt und abgebaut wird. Bei der Alzheimer-Krankheit lagern sich Bruchstücke dieses Eiweißes, sogenanntes Amyloid, zusammen. Diese Verklumpungen wachsen und schieben sich zwischen die Nervenzellen. Zudem wirken sie wie Gift auf die Nervenzellen und die Kontaktstellen zwischen Nervenzellen.

Hinzu kommt: In den Nervenzellen wird das sogenannte Tau-Protein ein wenig umgebaut. Dann kann dieses Protein nicht mehr die Nervenzelle stützen – die Stützfasern verkleben zu Knäueln und legen so die Vorgänge in der Nervenzelle lahm.

Risikofaktor Alter

Rentnerinnen beim Gehirnjogging.

Rentnerinnen beim Gehirnjogging

Warum Menschen an Alzheimer erkranken, ist noch nicht vollständig geklärt. Bei jedem Menschen verändert sich das Gehirn mit der Zeit – mehr oder weniger. Die Alzheimer-Demenz taucht vor allem im Alter auf: Von den Menschen, die 60 bis 69 Jahre alt sind, hat etwa jeder zehnte Alzheimer, bei Menschen, die 85 Jahre alt oder älter sind, hat etwa jeder vierte Alzheimer.

Zu Alois Alzheimers Zeiten starben die meisten Menschen, noch ehe sie eine Demenz erleben konnten. Dank guter Hygiene und medizinischer Versorgung von Kindheit an ist die Lebenserwartung in Deutschland rapide gestiegen und das Land wird weiterhin immer älter. Alzheimer ist also gewissermaßen der Preis, den wir für die hinzugewonnenen Lebensjahre zahlen.

Es gibt aber noch eine andere Form von Alzheimer – eine, bei der die Krankheit oft schon früher auftaucht: Hier verursacht ein genetischer Fehler – eine Mutation – die Krankheit. Die Mutation sorgt dafür, dass mehr Amyloid aus den Hüllen der Nervenzellen herausgeschnitten wird. Mehr Amyloid-Klumpen führen dann zu Plaques und das nicht erst im Alter.

Isländische Wissenschaftler haben zudem eine andere Mutation entdeckt, die das Gegenteil bewirken kann: Wer diese Genveränderung hat, bei dem entstehen weniger Amyloid-Klumpen als üblich und schützen so vor Alzheimer. Das war das Ergebnis einer Studie, die im Jahr 2012 in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" erschienen ist.

Behandlung: Das Wohlbefinden erhalten

Eine junge Frau umarmt eine alte Frau liebevoll.

Zuspruch erleichtert den Betroffenen das Leben

So oder so: Die Alzheimer-Krankheit lässt sich nicht heilen – weil bei dieser Erkrankung Nervenzellen geschädigt und zerstört werden. Experten sprechen auch von einem "neuro-degenerativen Prozess". Allerdings können Betroffene versuchen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen – indem sie jene Faktoren meiden oder beheben, die das Gehirn zusätzlich schädigen: erhöhter Blutdruck, ungesunde Cholesterin-Werte, zu viel Blutzucker, Fettleibigkeit, Bewegungsmangel und Depressionen.

Außerdem gibt es Medikamente, die helfen können, das Gedächtnis ein wenig länger aufrechtzuerhalten. Und gegen andere Symptome von Alzheimer – etwa Schlafstörungen, aggressives Verhalten oder Sinnestäuschungen – gibt es auch Medikamente.

Zusätzlich sollten Ärzte und Angehörige versuchen, das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl der Erkrankten so lange wie möglich zu erhalten. Eine Maxime lautet: Fordern, aber nicht überfordern! So kann sich ein Alzheimer-Patient als Versager fühlen, wenn straffes Gedächtnistraining nicht klappt.

Besser ist es, über die geschaute Fernsehsendung zu sprechen, ein Fotoalbum anzuschauen, Anekdoten aufzufrischen oder Handtücher zu falten. So können die Alzheimer-Kranken ihre noch vorhandenen Fähigkeiten sanft fördern; zugleich werden sie in den Alltag einbezogen und haben das Gefühl, nützlich zu sein.

Das ist wichtig, weil Alzheimer-Patienten zwar intellektuell nicht mehr so leistungsfähig sind, aber ihre Gefühle wahrnehmen. Bis zu ihrem Tod sind sie sehr empfänglich für atmosphärische und emotionale Eindrücke. Wenn man also mit Alzheimer-Patienten spricht, ist der der Tonfall wichtig, die Stimme – und weniger das Gesagte. Der Patient spürt genau, ob man ihn mag oder vielleicht unbewusst ablehnt. Kleinkinder und Haustiere können da wahre Seelentröster sein: Sie gehen völlig unbeschwert mit dem Erkrankten um und vermitteln ihm Wärme und Zuneigung.

Autorinnen: Julia Ucsnay/Andrea Wengel/Franziska Badenschier

Autorinnen: Julia Ucsnay/Andrea Wengel/Franziska Badenschier

Stand: 07.06.2016, 14:00

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