Interview mit einem Diabetes-Experten

Diabetes

Interview mit einem Diabetes-Experten

Prof. Werner A. Scherbaum sieht mit Erschrecken, dass immer mehr Menschen unter Diabetes leiden. Scherbaum leitet die Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Um eine weitere Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, setzen er und seine Kollegen vor allem auf Aufklärung - auch weil neue Studien erstaunliche Erkenntnisse bringen. Während bislang vor allem die Gene für die "Zuckerkrankheit" verantwortlich gemacht wurden, weiß man heute, dass gute Ernährung, viel Bewegung und ein gesunder Lebenswandel die besten Waffen im Kampf gegen den Typ-2-Diabetes sind.

Planet Wissen: Wie viele Menschen erkranken jährlich neu an Diabetes?

Prof. Werner A. Scherbaum: In Deutschland haben wir sechs Millionen Diabetiker, die in Behandlung sind. Aber es gibt eine sehr hohe Dunkelziffer, denn viele Menschen wissen gar nicht, dass sie betroffen sind. Sie gehen häufig zum Arzt, weil sie Probleme mit den Augen haben oder unter Bluthochdruck leiden. Der Arzt macht dann einen Blutzuckertest und stellt fest, dass die Beschwerden schon Folgeschäden vom Diabetes sind. Natürlich kann man den Diabetes behandeln, aber dann hat der Körper eben auch schon Schaden genommen. Deswegen plädieren wir für regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen.

Wer sollte einen solchen Diabetes-Test machen?

Übergewichtige Frau, die in ein Brötchen beißt.

Übergewichtige sind besonders gefährdet

Die Krankenkasse zahlt den Test ab 35 Jahren und danach hat man alle zwei Jahre Anspruch darauf. Das heißt "Check-up-35", wird aber leider nicht von allen genutzt. Wenn in der Familie ein Typ-2-Diabetes bekannt ist, oder wenn jemand sehr übergewichtig ist oder unter Bluthochdruck leidet, dann ist es noch viel wahrscheinlicher, dass ein Diabetes mellitus auftritt. Diese Menschen sollten also besonders darauf achten, dass sie regelmäßig ihren Blutzucker testen lassen. Doch auch diejenigen, die nicht zur Risikogruppe gehören, sollten zur Vorsorge gehen. Das gilt auch, wenn sie keine klassischen Symptome wie häufiges Wasserlassen, großes Durstgefühl oder schlecht heilende Wunden haben. Denn diese Symptome treten oft erst dann auf, wenn der Blutzucker schon lange erhöht ist.

Zuckerkranke sind dick, ernähren sich ungesund und sind selbst schuld. Was ist an solchen Behauptungen dran?

Es ist schon so, dass der Lebensstil eine dominierende Rolle spielt. Denn eine Änderung des Lebensstils hat enorme Folgen. Wenn man sich gut ernährt, sich mehr bewegt und zum Beispiel noch auf das Rauchen verzichtet, geht der Typ-2-Diabetes dramatisch zurück. Es gibt außerdem neue Studien zum Typ-2-Diabetes: Wenn die Betroffenen das Gewicht sehr reduzieren, dann ist der Diabetes weg, in fast allen Fällen. Deswegen beschäftigen wir uns vor allem damit, wie man diesen Status halten kann. Wie bleiben die Menschen dauerhaft schlank? Wir gucken uns deswegen im Moment besonders bestimmte Hirnregionen an, in denen die Prozesse ablaufen, die das Hungergefühl steuern.

Übergewicht spielt eine viel größere Rolle als zum Beispiel die Gene. Das zeigt auch eine Untersuchung über einen Indianerstamm. Die Pima-Indianer aus Nord- und Mittelamerika hatten vor Jahren verschiedene Gebiete besiedelt. Von den Stammesmitgliedern, die weiterhin sehr ursprünglich gelebt haben, sich also gut ernährt und viel bewegt haben und nicht übergewichtig waren, litt keiner an Diabetes. Die anderen hingegen, die den westlichen Lebensstil angenommen hatten, hatten Diabetes. Das zeigt: Zwar spielen viele Gene eine Rolle bei der Entstehung von Diabetes mellitus, aber sie sind nicht die Hauptursache.

Wie diszipliniert muss ich sein, um meinen Blutzucker in den Griff zu bekommen?

Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass es gar nicht so schwer ist, die Blutzuckerwerte runterzukriegen. Untersucht wurden zwei Gruppen von Menschen, die berufsbedingt viel sitzen mussten. Dabei hat man festgestellt, dass bei denjenigen, die alle 20 Minuten aufstanden und zwei Minuten hin- und herliefen, die Blutzuckerwerte deutlich gesunken waren. Man muss also nicht stundenlang joggen, sondern sich einfach zwischendurch regelmäßig bewegen. Auch die Ernährung spielt eine große Rolle, manchmal sind es nur schlechte Gewohnheiten oder Unwissen. Wenn zum Beispiel jemand jeden Tag ein großes Glas Orangensaft trinkt und sich dann wundert, dass er nicht abnimmt, ist es ja kein so großer Verzicht, stattdessen Wasser zu trinken. Aber eine solche Änderung kann schon große Folgen haben.

Was tut sich bei der Erforschung neuer Medikamente und Therapien gegen Diabetes?

Da passiert sehr viel. Ein Beispiel sind die GLP-1-Analoga. Das sind Spritzen oder Tabletten, die das Hormon GLP-1 entweder zuführen oder aktivieren. Dieses Hormon führt zum einen dazu, dass mehr Insulin ausgeschüttet wird. Zum anderen unterdrückt es aber auch die Freisetzung des Glukagons. Glukagon wirkt entgegengesetzt wie das Insulin, es erhöht den Blutzucker. Der große Vorteil dieses Medikaments ist, dass es nie eine Unterzuckerung macht. Wenn man sich dagegen zu viel Insulin spritzt, sinkt der Blutzucker zu tief ab. Von den GLP-1-Analoga reicht außerdem eine Spritze am Tag. Jetzt gibt es sogar schon eine Spritze, die man nur einmal in der Woche nehmen muss. Zusätzlich zügeln GLP-1-Analoga den Appetit.

Dann gibt es SGLT-1-Hemmer. Wenn man dieses Enzym hemmt, scheiden die Menschen vermehrt Zucker aus. Das führt dazu, dass der Blutzucker besser wird und dass sie auch Gewicht verlieren. Trotzdem muss man grundsätzlich sagen, dass die Entwicklung neuer Medikamente eher langsam sein wird, weil es ja auch immer darum geht, abzuwägen. Viele Therapien wirken zwar, haben aber auch jede Menge Nebenwirkungen und kommen deshalb nicht auf den Markt.

Deswegen arbeiten die Forscher vor allem auch an der Weiterentwicklung von Programmen, die dabei helfen, das Übergewicht abzubauen. Dazu gehören zum Beispiel Diäten und spezielle Gruppenkonzepte. Der Trick ist nämlich, dass man die Leute nicht allein lässt, wenn sie abnehmen wollen. Auf diesen Zug springen neuerdings auch die Krankenkassen, zum Beispiel, indem sie die Kosten übernehmen.

Was halten Sie von Diabetiker-Warnhunden, die merken sollen, wenn ein Diabetiker unterzuckert ist?

Das klingt vielleicht erstmal ein bisschen unglaubwürdig, aber ich habe schon häufiger gehört, dass es funktioniert. Wir haben einen Aufruf gemacht, auf den sich auch eine Patientin von mir gemeldet hat. Die hatte zwei Schäferhunde. Einer der Hunde hat es wirklich gemerkt, wenn bei ihr nachts der Blutzucker zu tief abgesunken war, und ihren Mann geweckt. Es ist zwar noch nicht wissenschaftlich belegt, dass es grundsätzlich funktioniert, aber ich habe oft gehört, dass Hunde wirklich reagieren. Dabei ist allerdings noch nicht klar, ob die Hunde es riechen, wenn jemand unterzuckert ist oder ob sie es am Verhalten festmachen.

Autor/in: Interview: Christiane Tovar

Stand: 02.05.2012, 13:00