Sven Böttcher - Leben mit MS

Multiple Sklerose

Sven Böttcher - Leben mit MS

Er schreibt Krimis, verfasst Drehbücher und übersetzt Satireklassiker von Groucho Marx und den Monty Pythons: Sven Böttcher ist gut im Geschäft, als er 2005 wegen einer Bagatelle zum Arzt geht und die Diagnose Multiple Sklerose erhält. Zwei Jahre später ist er blind und gelähmt, jeder Schub kann der Letzte sein. Böttcher beschließt, den Rest seines Lebens selbst in die Hand zu nehmen, sich um sich zu kümmern, bewusst und gesund zu leben. Heute ist er schubfrei, lebt und arbeitet wieder ganz normal – und genießt jede Stunde.

"Sie wollen doch nicht im Rollstuhl landen."

Sven Böttcher.

Mit Anfang 40 bekam Sven Böttcher die Diagnose Multiple Sklerose

Sven Böttchers Krankengeschichte beginnt im Herbst 2005 mit ständig eingeschlafenen Füßen. Der leidenschaftliche Fußball- und Tennisspieler hat keine Erklärung dafür und fragt seinen Arzt. Der überweist ihn ins Krankenhaus, wo eine "Myelitis disseminata" diagnostiziert wird, eine Entzündung im Nervensystem. Man gibt ihm Cortison. "Das wird schon wieder besser", heißt es allerseits. Aber das stimmt nicht.

Ein halbes Jahr später geht es ihm erheblich schlechter. Die Beine sind jetzt ganz taub und er hat Sehstörungen. Außerdem ist der sonst so agile Mann ständig müde. Jetzt wird er genau durchgecheckt. Die Diagnose: klinisch gesicherte Multiple Sklerose. Wieder bekommt er eine Cortison-Therapie, man rät ihm, in die Therapie mit Interferonen - eine Standardtherapie bei MS - einzusteigen. "Sie wollen doch nicht im Rollstuhl landen" heißt es. Wer kann da schon nein sagen? Aber nichts hilft. Und die Schübe kommen in immer kürzeren Abständen.

Teuer, zeitaufwändig, nutzlos

Rollstuhl.

MS führt nicht zwingend zum Rollstuhl

Böttcher beginnt zu recherchieren. Woher kommt seine Krankheit? Was hilft dagegen? Er liest alles, was Bibliotheken und Internet dazu hergeben. Telefoniert mit Forschern und Medizinern, fliegt zu Spezialisten, probiert viel aus. So lässt er sich alle Amalgam-gefüllten Zähne ziehen, weil er gelesen hat, der Stoff könne wie ein Nervengift wirken. Eine schmerzhafte, teure und ganz erfolglose Aktion. Er trinkt literweise einen unappetitlichen chinesischen Kräutersud - ohne Erfolg. Auch Akupunktur versucht er. Aber es geht ihm immer schlechter. Er kann zeitweise nicht mehr sehen und kaum mehr gehen, seine Hände sind gelähmt, er kann nicht mehr schreiben und damit auch nicht mehr arbeiten. Er wird depressiv und ist ständig müde.

Zweifel am Gesundheitssystem

Im Winter 2007 landet Böttcher nachts in der Notaufnahme. Darm und Zwerchfell arbeiten nicht mehr. Er kann nicht atmen und leidet unter starken Schmerzen. Was wird die MS beim nächsten Schub lahmlegen: Herz und Lunge? Eine neue Cortison-Behandlung wird gestartet, die Ärzte drängen ihn, mit der Eskalationstherapie zu beginnen: Die letzte ihnen zur Verfügung stehende Möglichkeit. Böttcher versucht eine Therapie mit Immunglobolinen (Antikörpern), das scheint ihm der beste und verträglichste Weg nach allem, was er über MS gelesen und gehört hat. Aber das zahlt seine Krankenkasse nicht. Und es hilft auch nicht.

MRT eines MS erkrankten Gehirns.

MRT eines MS erkrankten Gehirns

Böttcher bekommt immer mehr Zweifel am herrschenden Gesundheitssystem. Das beginnt beim Krankenhausessen, das ihm absolut schwer verdaulich erscheint, und reicht bis zu Untersuchungen wie dem MRT: Hierbei erkennt man neue Entzündungen im Gehirn und Rückenmark, ohne dass man dagegen dann etwas tun könnte. Böttcher beschließt, dass es so nicht weitergeht. Er verlässt das Krankenhaus auf eigenes Risiko, bricht alle Therapien ab, versucht sich eine neue, eigene Perspektive auf die Krankheit zu schaffen: Der Körper ist nicht der Feind, sondern ein im Prinzip hervorragend arbeitender Mechanismus, der durcheinander geraten ist und meint körpereigene Stoffe bekämpfen zu müssen. Er will ihm helfen, wieder auf die Schiene zu kommen. Und dabei setzt er auf Weglassen, nicht auf Hinzufügen.

Ein Reset für den Körper

Böttcher setzt bei der Nahrung an. Er will den Stoffwechsel herunterfahren und ganz neu starten. Einige Wochen nimmt er nur Reis, Gemüse und Brennnesseltee. Nach und nach fügt er dann immer neue Lebensmittel hinzu und guckt, wie er sie verträgt. Er merkt, dass Milchprodukte ihm nicht gut tun und lässt sie in Zukunft weg. Er isst vor allem frische, selbstzubereitete Speisen.

Er versucht im wahrsten Sinne des Wortes wieder Tritt zu fassen, macht Yoga und Qigong. Um seine Hände wieder Bewegung zu bringen, legt er riesige Puzzles - auch wenn er es hasst - und lernt Gitarre spielen. Er übt im Bogenschießen Spannung und Entspannung und entdeckt die Feldenkrais-Methode für sich, eine Bewegungstherapie, die darauf angelegt ist, Bewegungsabläufe neu zu erlernen und das neuronale System des Gehirns zu aktivieren.

Mann beim Bogenschießen.

Bogenschießen als Therapie

Und er versucht, mit seiner Krankheit ins Gespräch zu kommen durch die von George Jelinek entwickelte Methode der Visualisierung. Er stellt sich die Fresszellen, die seine Nervenbahnen zerstören, als grüne Hundehorde vor. Er versucht sie zu zähmen. Und im Laufe der Zeit werden die Hunde friedlicher.

Kranksein macht arm

Seit die Krankheit so radikal fortschreitet, kann Böttcher nicht mehr arbeiten, als freier Autor ist er nicht abgesichert. Zudem fressen die Therapien und Hilfsmittel das Ersparte auf. Der Vater von drei Kindern ist pleite. Das erst neu erworbene Haus wird verkauft, das Auto abgeschafft. Die Familie zieht in eine kleine Wohnung, in der nicht mal alle Bücher Raum finden. "Als die Bücher wegmussten, das war der schlimmste Moment", sagt Böttcher im Rückblick. Freunde ziehen sich zurück, einige versuchen die Ehefrau zu überreden, sich von dem Kranken zu trennen.

MS ist nicht das Ende

In der tiefsten Krise hatte Böttcher seiner ältesten Tochter versprochen, einen Leitfaden fürs Leben zu schreiben, für alle wichtigen Momente in ihrem Leben, bei denen er vielleicht nicht mehr dabei sein kann. So entstehen die "Quintessenzen - Überlebenskunst für Anfänger", ein Buch über Liebe und Tod, Schicksal und Gesundheit, große Erwartungen und die Kunst, mit sich selbst auszukommen. Das eigentlich nur für die Familie gedachte Buch findet einen Verleger und wird ein Bestseller. Und Böttcher beherzigt die Regeln, die er seinen Töchtern in das Buch geschrieben hat. Er achtet auf seinen Körper, meidet Stress und Ärger, versucht im Einklang mit seiner Umgebung zu leben.

Böttchers Vertrauen in die Selbstheilungskräfte seines Körpers zahlt sich aus. Es geht ihm besser. Zwei Jahre nach seiner tiefsten Krise ist er schubfrei. Er kann wieder arbeiten. Das Leben normalisiert sich. Aber ist er geheilt? "Was ist krank, was ist gesund?", sagt er. "Vielleicht ist alles, was ich getan habe, nur Placebo gewesen, aber der Glaube kann ja bekanntlich Berge versetzen." In einer Phase, in der es ihm wieder besonders gut geht, bittet ihn seine Neurologin um ein letztes MRT. Sie will ihren Kollegen zeigen, welche Verbesserungen bei Multipler Sklerose möglich sind. Böttcher tut ihr den Gefallen. Das Ergebnis: Nach wie vor sind Läsionen, also Schädigungen, in seinem Gehirn zu erkennen. Aber er fühlt sich heil und gut. Und nur das zählt für ihn.

Autor/in: Barbara Garde

Stand: 11.12.2014, 12:00

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