Zwangsstörungen

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Zwangsstörungen

Die einen haben ihre "liebenswerten" Eigenheiten, andere "skurrile Macken" und "fixe Ideen" und wiederum andere ihren "Spleen", von dem sie nicht lassen wollen. Wir alle kennen solche Sorgen und Bedenken: Habe ich die Tür zugemacht, das Fenster geschlossen, Licht und Bügeleisen ausgeschaltet? Doch der Drang nach Gewissheit kann auch zum fatalen, alles beherrschenden Zwang ausarten. Immer und immer wieder muss dann kontrolliert und sortiert, desinfiziert und gewaschen werden und doch will sich kein Gefühl von Sicherheit, Ordnung oder Sauberkeit einstellen.

Eine Hand unter einem laufenden Wasserhahn.

Eine Hand unter einem laufenden Wasserhahn.

Symptome der Erkrankung

Wer sich ab und zu mal vergewissern muss, ob die Autotür auch verschlossen oder das Licht im Keller wirklich aus ist, wer nur einschlafen kann, wenn die Hausschuhe gerade vor dem Bett stehen oder wer am Freitag, dem 13. mit einem mulmigen Gefühl aufwacht und immer nur mit dem linken Bein zuerst aus dem Bett steigt, der mag vielleicht zu einem zwanghaften Verhalten neigen, aber er hat deshalb nicht gleich eine Zwangsstörung.

Das zwanghafte Verhalten kann sich allerdings zu einer Zwangsstörung entwickeln, wenn eine bestimmte Veranlagung vorliegt oder es zu außergewöhnlichen psychischen Belastungen kommt. Erst wenn das Ordnungschaffen oder das Saubermachen zu unvermeidbaren Handlung werden, die stundenlang in einer streng ritualisierten Abfolge vorgenommen werden müssen, deutet dies auf die typischen Symptome einer Zwangsstörung hin. Wenn solche Menschen etwa die Autotür abschließen, dann fühlt ihre Hand, dass die Autotür sich nicht öffnen lässt, aber es will sich erst nach mitunter stundenlangen Kontrollhandlungen ein Gefühl von Gewissheit einstellen. Dieses lässt jedoch schon bald wieder nach, sodass erneut kontrolliert wird.

Diagnose

Ob bei einem Patienten eine behandlungsbedürftige Zwangsstörung vorliegt, das lässt sich heute mit einiger Sicherheit diagnostizieren. Dafür gibt es einen international einheitlichen medizinischen Standard, die sogenannte ICD Klassifikation (International Classification of Diseases). Demnach sind bei einer Zwangsstörung folgende Diagnosekriterien ausschlaggebend:

  1. Der Patient leidet unter wiederkehrenden Zwangsgedanken und daraus folgenden, in ihrem Ablauf ritualisierten Zwangshandlungen.
  2. Der Patient sieht im Allgemeinen die Sinnlosigkeit seines Tuns und versucht immer wieder erfolglos, sich gegen die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zu wehren.
  3. Es handelt sich um unangenehme, quälende Gedanken.
  4. Mitunter betrachtet der Patient die Zwangshandlungen als eine vorbeugende Maßnahme, um sich oder nahe Angehörige vor Schaden zu bewahren.
  5. Häufig - aber nicht immer - treten Zwangsstörungen in Verbindung mit Angstgefühlen auf. Werden die Zwangshandlungen unterdrückt, verstärkt sich die Angst.
Jemand ist im Begriff, eine offen stehende Tür mit einem Schlüssel abzuschließen. Es handelt sich um ein Sicherheitsschloss.

Kontrolle: Ist die Tür wirklich verschlossen?

Eine Zwangsstörung kann zu weiteren psychischen Erkrankungen führen. So können zusätzlich noch Angststörungen oder Depressionen auftreten. Bei der Zwangserkrankung kann es sich allerdings auch um das sekundäre Phänomen einer anderen psychischen Grunderkrankung handeln. Das können sowohl organisch bedingte kognitive Störungen sein, es kann sich aber auch um Begleitsymptome einer Schizophrenie handeln. Umso wichtiger ist eine genaue fachärztliche Diagnose.

Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

Bei der Zwangsstörung wird unterschieden zwischen den Zwangsgedanken und den Zwangshandlungen. Meistens folgt aus dem Zwangsgedanken die Zwangshandlung. Es gibt allerdings auch Formen einer Zwangsstörung, die sich nur auf der Ebene von Zwangsgedanken äußern. Häufig haben diese dann sexuelle, aggressive oder religiöse Inhalte, für die sich die Betroffenen sehr schämen. Dabei kreisen die Gedanken häufig darum, anderen - ohne es bemerkt zu haben - einen Schaden zugefügt zu haben. Diese Patienten quält zum Beispiel der Gedanke, sie könnten auf dem Weg zur Arbeit ein Kind überfahren haben, oder sie könnten von dem Impuls getrieben werden, jemanden am Straßenrand auf die Fahrbahn zu stoßen oder mit einem spitzen Gegenstand zu verletzen. Dabei kommt es nie zum Vollzug der Zwangsgedanken, da diese Menschen häufig von einem sehr strengen moralischen Wertesystem geprägt sind.

Autounfall.

Habe ich jemandem geschadet?

In den meisten Fällen aber treten die Zwangsgedanken gemeinsam mit Zwangshandlungen auf. Die Patienten wollen sich durch ihr Handeln vor einer als bedrohlich empfundenen Gefahr schützen. Wer sich immerzu die Hände wäscht, hat oberflächlich betrachtet Angst vor Keimen und Bakterien. Wer immer wieder kontrolliert, ob die Haustür abgeschlossen ist, hat Angst vor Einbrüchen und Diebstahl. Indem mit immer gleichen Handlungen gewaschen und desinfiziert oder sortiert und kontrolliert wird, versuchen die Patienten ihre Angst und die innere Anspannung zu bekämpfen und ein Gefühl von Sicherheit zu erlangen. Solange sich dieses Gefühl nicht zumindest ansatzweise einstellt, können sie ihre Zwangshandlungen nicht beenden.

Männer und Frauen sind gleich betroffen

Nach Angaben der "Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen" leidet ein bis zwei Prozent der Deutschen, also mehr als eine Million Menschen, irgendwann im Leben an einer Zwangsstörung. Interessant ist dabei, dass Männer und Frauen in etwa gleich häufig betroffen sind. Dieses Phänomen unterscheidet Zwangsstörungen beispielsweise von Depressionen oder Angsterkrankungen, von denen Frauen deutlich häufiger betroffen sind. Allerdings gibt es bei der Verteilung der Zwangsarten auffällige Unterschiede.

Während Frauen häufiger unter einem Waschzwang leiden, sind Männer vor allem von einem Kontroll- und Ordnungszwang betroffen. Obwohl viele zwangserkrankte Patienten die Unsinnigkeit ihres Tuns erkennen, sind sie nicht in der Lage, die ritualisierten Handlungen zu unterlassen. "Manche Zwangspatienten erleben sich selbst als verrückt bei klarem Verstand", sagt Dr. Bernhard Osen, Chefarzt in der Psychosomatischen Klinik Bad Bramstedt. Dennoch sind sie nicht in der Lage, sich von ihren Zwangsgedanken und Zwangshandlungen zu lösen. Nach und nach verschlimmert sich die Lage der Patienten. Sie geraten immer tiefer in die Isolation. Die Zwangshandlungen auszuführen dauert immer länger. Ob Waschzwang oder Kontrollzwang, es gibt Fälle, bei denen Patienten 6, 8, ja bis zu 12 Stunden am Tag mit ihren Zwangshandlungen beschäftigt sind.

Ursachen der Zwangsstörung

Zwangserkrankungen entwickeln sich häufig im frühen Erwachsenenalter zwischen dem 20. und dem 25. Lebensjahr, meist nach einschneidenden Krisen. Mitunter treten Zwangsstörungen allerdings auch schon vor dem elften Lebensjahr auf und sind dann schwieriger zu therapieren. Es wird vermutet, dass in solchen Fällen die genetische Komponente von größerer Bedeutung ist.

Daneben gibt es mitunter in der kindlichen Entwicklung vorübergehende Zwangsphänomene, die keine Bedeutung haben. Wenn Kinder abends beispielsweise häufig überprüfen, ob alle Spielsachen an der richtigen Stelle stehen; wenn sie Rückversicherungszwänge haben, sodass sie immer wieder das Gleiche fragen müssen; wenn sie Angst haben, dass, wenn Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten, den Eltern etwas Schlimmes passieren könnte, dann handelt es sich dabei in der Regel um Verhaltensmuster, die lediglich vorübergehender Natur sind.

Schematische Zeichnung eines menschlichen Gehirns.

Die Ursache kann eine Überfunktion im Hirn sein

Zwangsstörungen können sowohl biologische als auch psychosoziale Ursachen haben. Die genetische Ausstattung spielt zwar eine gewisse Rolle, ist jedoch insgesamt von untergeordneter Bedeutung. Allerdings haben Kinder erkrankter Elternteile ein erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Zwangsstörung zu entwickeln. Die genetische Ausstattung hat allerdings nicht automatisch eine Zwangserkrankung zur Folge. Bedeutsamer dürften der Erziehungsstil sowie belastende und prägende Lebensereignisse sein.

Ursachen im Gehirn

Neben der genetischen Komponente gibt es noch Hinweise auf weitere Ursachen. Man hat nachweisen können, dass es bei Patienten mit einer Zwangsstörung in bestimmten Hirnarealen zu Überfunktionen kommt, die Auswirkungen auf den Stoffwechsel beim Botenstoff Serotonin haben. Man ist bislang davon ausgegangen, dass bei Zwangspatienten ein Serotoninmangel vorliegt, der medikamentös behandelt werden kann. Neuere Studien scheinen allerdings diese Hypothese nicht so eindeutig zu bestätigen, sodass man nun davon ausgeht, dass bei Zwangspatienten ein Ungleichgewicht im serotonalen System vorliegen könnte. Demnach könnte sowohl ein Mangel als auch ein Überschuss an Serotonin vorliegen. Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass bestimmte Prozesse der Informationsverarbeitung nicht richtig funktionieren und zum Beispiel Informationen nicht verarbeitet werden.

Die Wissenschaftler vermuten, dass es dadurch bei der Signalverarbeitung von gefährlichen oder befürchteten Situationen zu Störungen kommt. Die Patienten registrieren nicht, dass eine bestimmte Gefahr nicht mehr besteht. Stattdessen werden immer wieder neue Botenstoffe abgefeuert, die den Fortbestand einer Gefahr signalisieren. Neben der Serotonin-Hypothese gibt es zwei andere biologische Erklärungsmodelle: zum einen die Hypothese, dass das Dopamin bei Zwangsstörungen eine wichtige Rolle spielt und zum anderen die Theorie, dass bestimmte Hirnregionen gestört sind.

Therapiekonzepte

Zwangsstörungen können inzwischen gut behandelt werden. Die Zeiten sind längst vorbei, da Zwangspatienten in geschlossene psychiatrische Anstalten abgeschoben wurden. Stattdessen gibt es sowohl für den ambulanten wie auch den stationären Bereich diverse Therapiekonzepte, wobei mit der sogenannten kognitiven Verhaltenstherapie die besten Erfolge erzielt werden. Bei diesem Therapiekonzept setzt man an der Bewertung der Gedanken an.

Aus einer Verpackung fallen weiß-grüne Pillen.

Bei manchen Patienten helfen Medikamente

Die Patienten werden in Begleitung ihres Therapeuten gezielt mit den angst- und zwangsauslösenden Situationen konfrontiert und aufgefordert, sich der Situation auszusetzen. Bei diesem Verfahren der "Exposition" oder "Konfrontation" werden die Patienten an Situationen herangeführt, die sie vorher aus Angst gemieden haben, weil diese für sie mit unangenehmen Gedanken und Gefühlen besetzt waren. Normalerweise bändigen die Patienten ihre Gedanken mit einem Zwangsritual. In der Expositionstherapie stehen sie vor der Aufgabe, dieses Zwangsritual nicht auszuüben. Dadurch werden sie intensiver mit den angstauslösenden Zwangsgedanken konfrontiert. Indem sie lernen, ihre Zwangsgedanken zu ertragen, lernen sie, dass die innere Anspannung sich auch anders als durch ein Zwangsritual verringern lässt.

Antidepressiva haben sich bewährt

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie gibt es weitere begleitende Therapiekonzepte, die in Form von Einzel- oder Gruppenbehandlungen auch die lebensgeschichtlichen Erfahrungen des Patienten und seine psychosoziale Situation mit einbeziehen. Auch die medikamentöse Behandlung ist ein fester Bestandteil der Therapie. Antidepressiva etwa haben sich auch bei der Behandlung von Zwangsstörungen bewährt, vor allem, wenn es in der Folge der Erkrankung zu depressiven Verstimmungen oder Angsterkrankungen kommt. Dabei wird allerdings immer von Fall zu Fall entschieden, ob die medikamentöse Behandlung erforderlich ist.

In einigen wenigen Fällen werden Patienten inzwischen auch schon neurochirurgisch behandelt. Das betrifft vor allem die tiefe Hirnstimulation, bei der eine Elektrode in einem bestimmten Hirnareal schwache elektrische Impulse abgibt, die von einem implantierten Schrittmacher abgegeben werden. Allerdings befindet sich dieses Behandlungsverfahren erst in der Experimentierphase und wird nur bei Patienten erprobt, bei denen alle anderen Therapieversuche keine Verbesserung gebracht haben. Insgesamt liegen die Behandlungserfolge zurzeit bei 60 bis 70 Prozent. Mit anderen Worten: Bei 30 bis 40 Prozent der Patienten führt die Behandlung nach wie vor nur zu unbefriedigenden Ergebnissen.

Autor/in: Ulrich Neumann

Stand: 15.10.2013, 13:00

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