Interview mit Prof. Dr. Werner Bätzing

Gast Prof. Dr. Werner Bätzing

Landleben

Interview mit Prof. Dr. Werner Bätzing

In der Stadt leben oder doch lieber "aufs Land" ziehen? Prof. Dr. Werner Bätzing kennt und schätzt beides. Und: Er erforscht als Geographie-Professor die Entwicklung von Stadt und Land. Bei Planet Wissen spricht er über die Probleme und Zukunftschancen der Dörfer.

Darum geht's:

  • Seit einiger Zeit ist das Landeleben wieder attraktiv.
  • Dennoch leben zwei Drittel der Deutschen in Städten.
  • Ein funktionierendes Dorf benötigt eine Mindestzahl an Einwohnern.

Planet Wissen: Sie sind auf dem Land aufgewachsen, in einem Dorf mit damals nur 300 Einwohnern. War das schön?

Werner Bätzing: Das war sehr eindrücklich, es war schön. Es war eine Welt, die längst vergangen ist. Ich habe in einem Dorf gewohnt, da waren die Lebensverhältnisse näher am Mittelalter als an der heutigen Welt.

Wenn man Zeitschriften über das Landleben anschaut, dann hat man tatsächlich den Eindruck, das Leben auf dem Land ist wieder "in". Stimmt das denn Ihrer Einschätzung nach?

Ja, diesen Trend gibt es wirklich. Wir haben lange Jahrzehnte die Situation gehabt, dass der ländliche Raum benachteiligt war, dass er als hinterwäldlerisch galt, als abgehängt, praktisch als nicht lebenswert.

Und dann setzt ab etwa 1980 eine langsame Trendwende ein, die sich ab dem Jahr 2000 nochmal richtig beschleunigt. Da entsteht die neue Zeitschrift "Landlust", das erfolgreichste Zeitschriften-Projekt der letzten zehn Jahre und es werden viele andere Zeitschriften mit diesem Thema nachgeschoben – ein Hinweis darauf, dass sich hier eine Trendwende vollzogen hat.

Was ist denn in den 1980er Jahren passiert, dass es zu der Trendwende kommt?

Ich denke, das hängt mit der Globalisierung der Welt zusammen. Je unüberschaubarer die Welt wird, je mehr die Welt global vernetzt wird und die Leute nicht mehr durchblicken – was hängt mit was zusammen –, desto mehr steigt praktisch die Idylle des Landlebens, das Land, wo man auf eine überschaubare Weise leben kann, wo jeder jeden kennt, wo im Prinzip die Welt verstehbar ist.

Das kriegt eine neue Attraktivität gegenüber dieser unverstehbaren, globalisierten, vollkommen zerrissenen und fragmentierten Welt.

Dörfliche Idylle mit Fachwerkhäusern und einem großen Teich davor.

Beschauliche Idylle als Gegenstück zur globalen Vernetzung

Rund 4000 Menschen pro Jahr ziehen von der Stadt in die Uckermark - das ist eine ländliche Region nördlich von Berlin. Sind das nun viele oder sind das Einzelfälle?

Das sind eigentlich Einzelfälle. Die große Entwicklung geht andersrum: die Wanderung vom Land in die Stadt. Aber diese Einzelfälle werden halt besonders aufmerksam wahrgenommen.

Also gibt es diesen Trend, dass man tatsächlich aufs Land möchte, aber die meisten Menschen ziehen nach wie vor vom Land in die Stadt?

Man kann ganz grob sagen: In den 1950er Jahren war die Wanderung vom Land in die Stadt sehr stark ausgeprägt. Das lag an dem Sonderfall, dass im Zweiten Weltkrieg von der damaligen Militärbehörde sehr viele Menschen auf dem Land angesiedelt waren, also Flüchtlinge, Vertriebene, Ausgebombte aus den Städten.

Da ist die Bevölkerung auf dem Land um 30 Prozent angewachsen. Und diese Menschen verlassen in den 1950er Jahren wieder das Land, als in den Städten wieder Arbeitsplätze entstehen.

In den 1960er und 1970er Jahren haben wir starke Bewegungen von der Stadt ins benachbarte ländliche Umland der Städte. In den 1980er Jahren schwächt sich das allmählich ab und in den 1990er Jahren kehrt es sich um. Da beginnen die Wanderungen vom Land in die Stadt wieder überhand zu nehmen. Und ab 2000 wird das zum dominierenden Trend.

Blick auf ein mit Weinranken überwuchertes Haus in einem verwilderten Garten.

Der Trend ist eindeutig: weg vom Dorf

Wie viele Leute leben in Deutschland in den Städten und wie viele auf dem Land?

Städte sind heute verstädterte Regionen. Das heißt die Stadt und der Speckgürtel sind ebenfalls verstädterte Räume. Wenn man die Stadt in diesem Sinne weiter fasst, nicht nur bloß die Kernstadt, sondern auch den suburbanen Raum direkt um die Städte herum, dann können wir sagen, wohnen zwei Drittel der Deutschen in den städtischen Räumen und nur ein Drittel wohnt auf dem Lande.

Von der Fläche her ist das genau umgekehrt: Da macht der ländliche Raum vier Fünftel der Fläche Deutschlands aus und der städtische Raum nur ein Fünftel.

Kann man sagen, wie viele Bewohner ein Dorf braucht, um intakt zu bleiben?

Ein Kollege aus der Schweiz hat das genau berechnet. Er sagt: 500 Menschen braucht man als Mindestmaß, damit ein Dorf funktionieren kann. Zwei Aspekte sind dabei wichtig: Erstens braucht man im Dorf viel ehrenamtliches Engagement.

Man braucht einen Bürgermeister, einen Ortsbeirat, dann muss man eine Vertretung in den Landkreis schicken, man braucht aktive Menschen in der freiwilligen Feuerwehr, in den Vereinen, im Kirchenchor und so weiter. Man braucht eine gewisse Mindestzahl an Menschen, die zur Verfügung stehen, sonst macht ein Mensch alles zugleich – dann ist er überfordert und wirft es hin.

Die zweite Sache ist die: Damit sich ein Dorfladen rechnen kann, damit man die Schule erhalten kann, sich vielleicht ein Allgemeinarzt niederlässt, braucht es eine Mindestzahl an Menschen im Dorf, damit diese Institutionen ausgelastet sind.

Straßenschild mit der Aufschrift "Dorfstraße" neben einem Schild mit dem "Sackgassen"-Symbol.

Die Dorfgemeinden stehen vor großen Herausforderungen

Zerfallende Dorfgemeinschaften und verwaisende Dörfer sind keine schöne Entwicklung. Wie kann man diese Dörfer retten? Was ist der Kern des neuen Wettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft"?

Dass das Dorf wieder lebensfähig wird, nämlich dass genügend Infrastrukturen angeboten werden, also auch genügend Arbeitsplätze. Infrastruktur ist das große Problem, denn ein Laden allein rechnet sich oft nicht. Deshalb muss der Laden kombiniert werden mit einer Poststelle, einem Bankschalter und anderen Funktionen. Oder man verbindet Kindergarten-Plätze mit anderen Sachen.

Die Dörfer, die nicht so groß sind, können nur dadurch leben, dass man verschiedene Infrastrukturen miteinander kombiniert und gemeinsame Entwicklungen, Projekte macht, wo man multifunktionale Sachen gemeinsam nutzt.

Diese Spezialisierung, wie wir sie aus der Stadt kennen, die läuft im Dorf nicht. Da ist die Nachfrage zu gering. Deswegen müssen verschiedene Nutzungsformen direkt miteinander kombiniert werden – und da braucht man Phantasie. Das sind Herausforderungen, aber ich denke, das sind große Chancen für das Dorf der Zukunft.

Interview: Martina Frietsch

Stand: 15.01.2016, 09:27

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