Fleisch und Religion – Zwischen Tabu und Heiligtum

Kreuz, Judenstern, Halbmond,

Fleisch

Fleisch und Religion – Zwischen Tabu und Heiligtum

Religionen bestimmen den Speiseplan – auch heute noch: In Indien essen die Menschen keine Kühe, denn die Kuh gilt als heilig. Bei Moslems und Juden dagegen ist es üblich, Rinder zu schlachten und zu verspeisen. Für sie ist Schweinefleisch tabu. Christen essen sowohl Rind- als auch Schweinefleisch. Doch auch im christlichen Glauben hat Fleisch eine große mythische Bedeutung. Planet Wissen gibt einen Einblick in den Zusammenhang zwischen Religion und Fleisch.

Schächten – Die rituelle Tötung

An einem Jahrmarktsstand bietet eine Frau im Trachtenkleid Eisbein und Würste an.

Bei Volksfesten gehört deftiges Fleisch dazu

Wer als Katholik oder Protestant Lust auf ein Schnitzel oder einen Braten verspürt, geht hierzulande zu irgendeinem Metzger oder in den Supermarkt und kauft ein. Man muss nur auf das Verfallsdatum achten. Für gläubige Moslems oder Juden gelten noch andere Kriterien: Sie essen geschächtetes Fleisch.

Unter Schächten versteht man das Töten eines Tieres mittels eines Halsschnittes durch Luft- und Speiseröhre ohne vorherige Betäubung. Dabei wird das Tier ausgeblutet. Rituelles Schächten existiert sowohl im Islam als auch im Judentum. Das Tier wird – gemäß dem Islam – gen Osten gedreht. Dabei wird ein Gebet gesprochen. In Deutschland ist Schächten erlaubt aber umstritten, da viele es als Tierquälerei ansehen.

Nach der jüdischen Gesetzestradition ist Schechitah, das Schächten, die von Gott vorgeschriebene Schlachtmethode. Sie ist die einzige Methode, durch die reine Tiere koscher bleiben und gegessen werden dürfen. Die Vorschriften finden sich unter anderem im Talmud (Chullin 1-2). Nur Vieh und Geflügel müssen geschächtet werden, Fisch aber nicht.

Ein aufgeschlagener, mit Gold reich verzierter Koran.

Im Koran gibt es keine konkreten Anordnungen zum Fleischkonsum

Im Koran selbst wird das Schächten nicht zwingend vorgeschrieben. Es sind jedoch Sprüche von Mohammed überliefert, aus der islamische Juristen ein Gebot herleiten, so etwa der Ausspruch Mohammeds: "Wenn bei einem Tier das Blut zum Ausströmen gebracht und der Name Allahs ausgerufen wird, dann esset es!"

Weiter heißt es: "Verboten ist euch Fleisch von verendeten Tieren, von Blut, Schweinefleisch und von Fleisch, worüber (beim Schlachten) ein anderes Wesen als Allah angerufen worden ist, und was erstickt, (zu Tode) geschlagen, (zu Tode) gestürzt oder (von einem anderen Tier zu Tode) gestoßen ist, und was ein wildes Tier (an)gefressen hat - es sei denn, ihr schächtet es ..."

Der Koran selbst enthält eigentlich keine konkreten Anordnungen. Trotzdem interpretieren viele Gläubige diese Worte als Vorschrift zum Schächten. Unbetäubte Tiere bluten besser aus und unblutiges Fleisch gilt als rein.

Übrigens nicht nur im Islam oder im jüdischen Glauben. Auch in der Bibel finden sich entsprechende Angaben, zum Beispiel in Gottes Bund mit Noah, 1. Buch Mose, Kapitel 9: "Allein esset das Fleisch nicht mit seinem Blut, in dem sein Leben ist!"

Zwischen Opferlamm und Opferfest

Opferhandlungen gab es zu jeder Zeit in allen bekannten Gesellschaftsformen. Ethnologen und Anthropologen gehen davon aus, dass Opferungen eine wichtige soziale Komponente des Zusammenlebens darstellen. Sie können als Ventil für soziale Spannungen wirken.

Darüber hinaus wird mit dem Ritual die Ursituation der Bedrohung und der Abwehr nachvollzogen: Im Zusammenleben mit wilden Tieren lebten die Steinzeitmenschen ständig in Gefahr.

Eine rote Bibel, verziert mit einem schlichten goldenen Kreuz.

Opfergeschichten finden sich auch in der Bibel

Waren die Raubtiere überlegen, wurde ein schwaches Mitglied der Gruppe dem Tier überlassen. So hatten die überlebensfähigeren Menschen eine Chance zu entkommen. Das gemeinsame Wiederholen dieses Musters von Gefahr und ihrer Überwindung stärkt den Zusammenhalt und stiftet kulturelle Identität.

Solche Riten halten sich bis heute, zum Beispiel im muslimischen "Opferfest". Es ist mit dem Fest des Fastenbrechens, dem so genannten "Zuckerfest", eine der wichtigsten Feiern der islamischen Welt. Da das Zuckerfest drei, das Opferfest aber vier Tage dauert, heißt es auch das "Große Fest". Es beginnt immer am zehnten Tag des islamischen Monats Dhu l-Hidschdscha.

Das islamische Jahr ist ein Mondjahr. Das bedeutet, jeder Monat dauert genau so lange wie der Mondzyklus. Dementsprechend zählt ein islamisches Jahr zehn Tage weniger als unseres. In Bezug auf den gregorianischen Kalender verschieben sich die Feste also um zehn oder elf Tage. Nach unserer Zeitrechnung hat das Fest darum kein festes Datum.

Traditionell wird ein männliches Schaf geopfert. Ersatzweise auch Ziegen, Kühe, oder Kamele. Wie bei den Moslems üblich, wird das Opfertier nach dem festgesetzten Ritus geschächtet. Schächten ist Männersache, also legt der Familienvater den Kopf des Tieres in Richtung Mekka. Er spricht Gebete und zerschneidet die Halsschlagader des Opfers.

Die Opferung gehört zu den festen Ritualen während der Pilgerfahrt der Muslime nach Mekka. Damit ist sie verbindlich für jeden Moslem.

Allein in der heiligen Pilgerstätte werden an diesem Tag Hunderttausende von Tieren geschlachtet. Aber zur gleichen Zeit wird dieses Opfer auch von Muslimen in der ganzen Welt gebracht. Der religiöse Ritus hat einen stark wohltätigen Aspekt: Nur ein Drittel des Fleisches verzehrt die Familie, zwei Drittel werden an Arme und Bedürftige in der Umgebung verschenkt.

Das Opfer – ein uralter Mythos

Das "Große Fest" hat seine Wurzel in einem Mythos, der sich in vielen Religionen wiederfindet: Das Ritual erinnert an den Urvater Abraham, der bereit war, einen seiner Söhne seinem Gott zu opfern. Ob Isaak oder Ismail dem Tod geweiht war, wird im Koran nicht explizit erwähnt. Beide haben im Islam eine große Bedeutung. Ismail gilt sogar als Stammvater des Propheten Muhammad.

Die Bibel erzählt die gleiche Geschichte. Abraham ist bereit, seinen geliebten Sohn seinem Gott zu opfern. Im letzten Moment erscheint aber der Engel des Herrn und hält ihn zurück. Gefeiert wird in den christlichen Religionen allerdings ein anderes Opfer: Ostern, das höchste christliche Fest, feiert die Opferung Jesu Christi für die Erlösung der Menschheit.

Der geopferte Gottessohn wird symbolisiert durch das Opferlamm, das in vielen liturgischen Texten auch "das Lamm Gottes" heißt. Auch der Brauch, freitags Fisch zu essen, stammt daher: Der Fisch ist ein altchristliches Symbol für Christus. Im Griechischen ergeben die Anfangsbuchstaben der Worte Iesous CHristos THeou Yios Soter (=Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter!) das Wort ICHTHYS (=Fisch).

Am deutlichsten symbolisiert das Abendmahl das Menschenopfer: Der rote Wein als Blut, und der Brotlaib – beziehungsweise die Oblate – als Leib Christi, also sein Fleisch.

Die katholische und die protestantische Lehre interpretieren das Abendmahl unterschiedlich: Die Protestanten betrachten Brot und Wein als Symbol. Die Katholiken hingegen glauben an eine Verwandlung in Blut und Fleisch.

Autoren: Alessandro Nasini/Ulrike Vosberg

Stand: 14.09.2016, 16:16

Darstellung: