Jagen und Sammeln - Fleisch und Geschlechterrollen

Das Gemälde stellt eine urzeitliche Gemeinschaft dar: Im Schutz eines Felsenvorsprungs verarbeiten Männer und Frauen gemeinsam ihre Beute.

Fleisch

Jagen und Sammeln - Fleisch und Geschlechterrollen

In grauer Vorzeit, als die Menschen noch gegen Mammuts kämpften, war Fleisch der wichtigste Eiweiß- und Energielieferant. Doch wie kamen unsere Vorfahren an ihr Fleisch? Wie wurde die Beute verteilt? Und wie sind die Menschen früherer Erdzeitalter im Kampf ums Überleben miteinander umgegangen? Mit hundertprozentiger Gewissheit kann das heute niemand mehr sagen. Ausgrabungen und Jahrtausende alte Höhlenzeichnungen geben den Wissenschaftlern aber Anhaltspunkte über die menschliche Urgesellschaft.

Von der Treibjagd zur Pirsch

Alten Höhlenzeichnungen nach zu urteilen, gab es in Bezug auf die Nahrungsbeschaffung ursprünglich keine geschlechterspezifische Aufgabenverteilung: Die ganze Familie jagte zusammen, sogar die Kinder waren dabei. Wahrscheinlich wurden sie über längere Strecken getragen.

Durch erfolgreichere Jagdtechniken verbesserte sich die Versorgungslage, die Kinderzahl wuchs. Trotzdem war die Familienjagd noch nützlich, so lange starke Herden durch die Landschaft zogen. In der großen Gruppe wurde die Herde umkreist und gehetzt, bis ein schwaches Tier den Jägern zum Opfer fiel.

Aber die klimatischen Bedingungen änderten sich, sie beeinflussten Flora und Fauna. Die Tierbestände wurden kleiner, die Konkurrenz zu den Raubtieren damit größer – und die Jagd noch gefährlicher. Oft mussten die Jäger lange Strecken zurücklegen, um geeignete Fleischlieferanten zu finden. Und sie passten ihre Technik den neuen Gegebenheiten an: Statt das Wild zu treiben, gingen sie auf Pirsch, das heißt sie schlichen sich an ihre Beute an.

Die Geburtstunde der Geschlechterrollen

Die gemalte Szene zeigt Männer in Lederschurz, die gegen einen Bären kämpfen.

Den Kampf gegen Raubtiere bestreiten die Männer alleine

Die Pirsch war mit vielen kleinen Kindern schlecht möglich. Deshalb mussten sich die stillenden Mütter um den Nachwuchs kümmern. Ihnen wurde dann mehr die Sammler-Aufgabe zugeteilt, und zusehends wurden sie von der Jagd ausgeschlossen.

Somit waren die Frauen nicht mehr in der Lage, sich aus eigener Kraft selbst mit den nötigen tierischen Proteinen zu versorgen. Sie wurden abhängig von den jagenden Männern. Wer die größte Beute mitbrachte, war der erfolgreichste Jäger und der begehrteste Mann.

Beobachtungen sogenannter Naturvölker lassen Anthropologen auf eine Art Tauschhandel schließen: Die Versorgung mit Fleisch wurde von den Sammlerinnen mit körperlicher Zuwendung gedankt – Belohnung einerseits und Fortpflanzungsselektion andererseits. Bei der Auswahl des Geschlechtspartners spielte das erbeutete Tier beziehungsweise sein Fleisch also eine entscheidende Rolle.

Fleisch und Sünde

Die gemalte Szene zeigt Männer in Lederschurz, die nach erfolgreicher Jagd einen Hirsch nach Hause tragen.

Erfolgreiche Jäger genossen hohes Ansehen

Die geschlechterspezifische Aufteilung in Jäger und Sammler hat sich wahrscheinlich vor Jahrtausenden aus einem Sachzwang entwickelt, der längst nicht mehr gegeben ist. Der Steinzeitmensch musste sich seine lebensnotwendigen Proteine erst mühsam erjagen.

Heute isst der durchschnittliche Deutsche ohne Anstrengung im Laufe seines Lebens Dutzende Schweine. Und die Bedeutung des Fleisches als Garant für die Versorgung der Frau und den Ruhm des Mannes hat in unseren Breitengraden das Geld eingenommen. Trotzdem spüren wir bis heute die Folgen der Geschlechterrollen, die sich damals entwickelten.

Die Verteilung der Masse Fleisch auf die Konsumenten ist heute genau so ungleich wie in der Steinzeit: Obwohl Frauen und Mädchen sich längst nicht mehr mit Resten begnügen müssen, essen sie nur etwa ein Drittel dessen, was ihre männlichen Artgenossen an Fleisch verzehren. 40 Prozent der Männer, aber nur etwas über 20 Prozent der Frauen in Deutschland konsumieren täglich Fleisch.

Und sie bevorzugen andere Sorten: Im 21. Jahrhundert scheint noch immer die Aufspaltung der Geschlechter zwischen den Rollen roh-animalisch und fein-zivilisiert Bestand zu haben – zumindest auf den Tellern. Frauen tendieren zu weißen Fleischsorten und -stücken, die kaum an das getötete Tier erinnern.

Männer greifen dagegen wesentlich häufiger zu rotem Fleisch, auch gerne mit Knochen, das durchaus noch das Rind oder Schwein erkennen lässt.

Das könnte an den uralten Aufgabenverteilungen liegen: Die jagenden Männer waren ständig mit dem Tier konfrontiert. Oft mussten sie die Kreatur töten, um nicht selbst erlegt zu werden. Mitleid oder Hemmschwellen konnten sie sich nicht leisten.

Die sammelnden und stillenden Frauen hingegen hatten die Aufgabe, Leben zu gebären und Leben zu bewahren. Töten und Schlachten gehörte immer seltener zu ihrem Erfahrungsbereich.

Eine entscheidende Rolle für den unterschiedlichen Fleischkonsum dürfte auch die Verbindung von Fleischversorgung und der Bereitschaft zum Geschlechtsakt gespielt haben. Die Doppeldeutigkeit des Begriffs "Fleischeslust" kommt nicht von ungefähr: Fleisch war und ist ein Synonym für Sinnlichkeit und Begehren.

Beides schickte sich in den christlichen Religionen nicht für Frauen. Schon die Geschichte von Adam und Eva lehrt, dass die Lust der Frau ins Verderben führt. In religiös dominierten Zeiten war es deshalb anstößig, wenn Frauen Fleisch aßen. Sie galten als lasterhaft und zügellos.

Autoren: Alessandro Nasini/Ulrike Vosberg

Stand: 18.11.2016, 10:00

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