Mais in Deutschland

Ein Traktor mit Anhänger fährt während der Maisernte neben einem Häcksler über ein Maisfeld.

Mais

Mais in Deutschland

Als der Mais ab dem 15. Jahrhundert seinen Siegeszug durch Europa antrat, blieb Deutschland davon weitgehend unberührt. Noch bis in die 1960er Jahre hinein war Mais in manchen Bundesländern so gut wie unbekannt. Doch dann setzte der Boom ein: Binnen weniger Jahrzehnte schossen überall Maisfelder aus dem Boden. Heute sieht Deutschland stellenweise aus wie ein riesiges Maislabyrinth: Fast 20 Prozent der Ackerfläche sind mit den meterhohen Stängeln bebaut.

Mais mag es warm

Als Columbus von seiner zweiten Amerikafahrt Maiskörner mit nach Europa brachte, verbreitete sich das traditionelle Getreide der Indios in den Mittelmeerländern rasend schnell. Maiskörner gelangten zwar auch nach Deutschland, doch nur in besonders warmen Gegenden am Rhein, in Baden und Württemberg wurden vereinzelt Pflanzen angebaut. Man hielt sie vorwiegend in Gärten, mit nicht allzu großer Ausbeute.

Ein Portrait von Christopher Kolumbus.

Kolumbus brachte die Pflanze aus der Karibik mit

In Gegenden mit weniger mildem Klima funktionierte der Anbau lange Zeit gar nicht: Dem Mais war es schlicht zu kalt. Weil er die Eisheiligen nicht überstanden hätte, konnte er meist erst Mitte bis Ende Mai ausgesät werden, entsprechend spät reifte der deutsche Mais.

Dazu kam der hohe Aufwand, den er bei Aufzucht und Ernte verursachte: Unkraut musste von Hand beseitigt werden, auch die Ernte erforderte viel manuelle Arbeit – und das genau zu der Jahreszeit, zu der bei den Landwirten die meisten Pflegearbeiten bei Hackfrüchten und Heu anfielen.

Neue Sorten, neue Technik

In den 1960er Jahren erlebte der Mais in Deutschland den ersten Boom. Grund dafür waren neue Züchtungen: Man verzichtete auf die natürliche Bestäubung und säte stattdessen Hybridmaissorten aus, die weniger kälteempfindlich waren und die auch mehr Ertrag brachten.

Gleichzeitig waren nun auch chemische Unkrautbekämpfungsmittel zu haben, die Triazine, die in der Europäischen Union inzwischen allerdings nicht mehr zugelassen sind. Für die Landwirte der 1960er Jahre jedoch bedeuteten sie eine willkommene Neuerung, die die Arbeit erheblich erleichterte.

Neue Maschinen wie Körner- (Mäh-)drescher, Feldhäcksler und Ladewagen, die nun auch für andere Feldarbeit zur Verfügung standen, sorgten vor allem beim Mais für enorme Einsparungen von 80 bis 90 Prozent der Arbeitszeit. Anfang der 1970er Jahre gab es in der Bundesrepublik fast 20-mal so viel Körnermaisanbau wie noch zehn Jahr zuvor.

Mit der Automatisierung wurde vor allem der Silomais, bei dem die ganze Pflanze verwendet wird, auch für größere Betriebe interessant. Wurden 1965 gerade einmal 100.000 Hektar mit Silomais bepflanzt, waren es im Jahr 2015 bereits 2,1 Millionen Hektar. Zur gleichen Zeit nahmen traditionelle angebaute Futterpflanzen wie Klee, Kleegras und Runkelrüben stetig ab.

Auch Roggen und Sommergetreide sowie Grünflächen wurden zurückgedrängt. Heute hat der Maisanbau einen Anteil von fast 20 Prozent an der gesamten Ackerfläche Deutschlands, wobei er in manchen Regionen besonders konzentriert angebaut wird.

Kraftfutter fürs Vieh

Auf deutschen Feldern wuchs in den Jahrzehnten des ersten Maisbooms vor allem Silomais, der für die Viehfütterung verwendet wird. Bauern schätzen den Mais als nährstoffreiches Futter für Rinder und Schweine. Während bei Kleegrassilage beispielsweise Heu zugefüttert werden muss, ist Maissilage das beste Hauptgrundfutter, in der Rindermast gar Alleingrundfutter. Es hat nicht nur einen hohen Energiegehalt und ist gut verdaulich, sondern auch preiswert.

Weitere Vorteile für die Landwirte: Mais verbraucht weniger Fläche als Getreide. So bleibt bei gleichem Ertrag beim Maisbau immer noch eine Restfläche, die für andere Pflanzen verwendet werden kann.

Zwei Schälchen Popcorn stehen auf einem Tisch.

Für Popcorn braucht man Puffmais

Beim Maisanbau wird weniger Bewässerung benötigt, weniger Geld für Pflanzenschutzmittel und Mineraldünger. Außerdem kann er mehrere Jahre nacheinander auf dem gleichen Feld angebaut werden. Im Vergleich zum heimischen Pflanzen ist der Mais auch in der Lage, CO2 und Stickstoff wirksamer aufzunehmen.

Körnermais, der in der Lebensmittelindustrie für Produkte wie Maismehl, Maisgrieß, Cornflakes, Popcorn und mehr verwendet wird, wird in Deutschland zwar angebaut, spielt jedoch, was den Ertrag angeht, eher eine untergeordnete Rolle. Körnermais wächst auf rund einem Viertel der gesamten Maisanbaufläche. 2015 wurden auf deutschen Feldern rund 3,5 Millionen Tonnen Körnermais geerntet, beim Silomais für die Viehfütterung waren es mehr als 87 Millionen Tonnen.

Der zweite Boom: Energiemais

Nach der Jahrtausendwende entdeckten viele Landwirte eine neue Einkommensquelle: Biogasanlagen kamen dank steigender Öl- und Gaspreise hoch in Kurs. In den hofeigenen Anlagen ließen sich Mist, Gülle, Grassilage und andere landwirtschaftliche Reststoffe bestens zu Biogas für die Stromerzeugung vergären. Auch hier entpuppte sich der Mais als äußerst lohnende Pflanze, da er den Biogasertrag mehr steigert als jede andere Futterpflanze.

2004 sorgte dann das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) für einen zweiten Boom: Die Förderung der Biogaserzeugung aus nachwachsenden Rohstoffen war ein starker Anreiz, Mais speziell zu diesem Zweck als Energiepflanze anzubauen. 2015 gab es in Deutschland bereits knapp 9000 Biogasanlagen, Tendenz steigend.

Für viele Landwirte ist die Stromerzeugung nicht mehr nur ein zweites Standbein, sie haben sich zu Energiewirten entwickelt. Verbände wie der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) bemängeln jedoch, der Anbau von Mais für Biogas dürfe nicht lukrativer sein als der Anbau von Futtermitteln.

Deutschland "vermaist"

Ein Feld mit Pflanzen für Futtermais

Nach zwölf Wochen schon so hoch

Inzwischen ist landauf, landab von der "Vermaisung" Deutschlands die Rede. Im Rheintal in Baden-Württemberg stehen nach Angaben des "Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands" auf 80 Prozent der Flächen Maispflanzen. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hat der Mais innerhalb weniger Jahrzehnte die traditionellen Futterpflanzen fast völlig verdrängt. Klee, Kleegras, einzelne Gräserarten und Wiesen verschwinden.

Wo Mais angebaut wird, wächst nichts anderes mehr. Mit der Pflanzenvielfalt verschwinden auch die Tiere. Vögel wie Lerche und Goldammer, Bienen, verschiedene Wiesenbrüter oder auch Feldhamster verlieren ihren Lebensraum. Wer sich dagegen im Maisfeld "sauwohl" fühlt, sind Wildschweine, die vielerorts ohnehin schon zur Plage geworden sind.

Naturschützer in etlichen Bundesländern werden gegen den vermehrten Maisanbau und dessen Flächenverbrauch aktiv, weil inzwischen auch Niedermoorgebiete zunehmend trockengelegt und in Ackerland verwandelt werden. Abgesehen vom Verschwinden der typischen Arten wie Brachvogel und Wachtelkönig sowie bedrohten Orchideenarten wird beim Austrocknen der Moore das Treibhausgas Kohlendioxid freigesetzt. Durch den intensiven Maisanbau kommt es außerdem zu stärkerer Bodenerosion. Die intensive Düngung belastet wiederum das Grundwasser mit Herbiziden und Nitrat.

Mais, wohin das Auge blickt

Eine Bache schnüffelt im Wald nach Futter.

Für Wildschweine ist Mais ein Festessen

Abgesehen von den ökologischen Folgen fällt inzwischen der Mais auch beim Landschaftsbild negativ auf: Anstelle abwechslungsreicher Landschaften sind in ländlichen Gegenden, so weit das Auge blickt, oft nur noch meterhohe Maisstängel zu sehen. Insbesondere Touristen beschweren sich über die monotonen Maiswüsten.

Jäger kommen angesichts der rasanten Vermehrung der durch Mais wohlgenährten und vermehrungsfreudigen Wildschweine nicht mehr mit dem Abschießen nach; viele berichten von steigenden Wildunfällen.

Auf den Vorwurf der Monotonie haben viele pfiffige Bauern längst eine Antwort: Wo Mais angebaut wird, ist das nächste Maislabyrinth meist nicht weit. So entstehen auf riesigen Maisfeldern mit mindestens mannhohen Pflanzen komplizierte Irrgärten, in denen die Touristen sich stundenlang tummeln können. Manche bieten gar Maislabyrinthe mit kindgerecht hohen Pflanzen an.

Am Bodensee verlegte das Seeburgtheater eine Aufführung ins Maisfeld. Und in lauen Sommernächten bieten einige Landwirte "ein Bett im Kornfeld" an – Übernachten im "1000-Sterne-Hotel" Maisfeld, ganz naturverbunden auf duftendem Stroh im frisch gemähten Zimmer.

Autorin: Martina Frietsch

Stand: 16.08.2016, 11:00

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