Interview mit Harald Gasser

Harald Gasser beim Gemüseanbau.

Wurzelgemüse

Interview mit Harald Gasser

Die Methoden der industrialisierten Landwirtschaft waren Harald Gasser schon als Jugendlichem suspekt. Den Hof seiner Eltern wollte er zuerst auch gar nicht übernehmen und wurde stattdessen Sozialbetreuer für behinderte Jugendliche – bis er seinen ganz eigenen Weg zum Gemüseanbau fand.

Darum geht's:

  • Harald Gasser baut unbekannte und seltene Gemüsesorten an.
  • Er arbeitet ohne Chemie und Neuzüchtungen.
  • Er wehrt sich gegen wirtschaftlichen Druck und pflanzt alles von Hand.
  • Von seinem Gemüse wird man schneller satt, sagt er.
  • Durch seine Anbaumethode gibt es keine Ernteausfälle.
  • Auch staatliche Subventionen lehnt er ab.

Planet Wissen: Herr Gasser, Sie bauen Gemüsesorten an, die mehr Arbeit machen als andere Sorten, die wenig Erträge liefern, die oft kaum einer kennt und deshalb schwer zu vermarkten sind. Es spricht also alles dagegen, diese Sorten anzubauen. Warum machen Sie das trotzdem?

Harald Gasser: Was die Wirtschaftlichkeit betrifft, spricht fast alles dagegen. Eines spricht aber dafür: Das ist die Gesundheit. Sowohl die der Natur, die es zu erhalten gilt, als auch die des Menschen, für den die Nahrung ist.

So wie heutzutage die Landwirtschaft läuft, wird einem immer gesagt, ohne die Neuzüchtungen, ohne die chemischen Hilfsmittel ist Gemüseanbau nicht möglich. Mein Betrieb ist ein Beispiel dafür, dass es doch funktioniert.

Wie wäre Ihr Leben ohne diesen Ehrgeiz verlaufen? Hätten Sie dann wie viele andere in Südtirol auch Äpfel angebaut?

Wahrscheinlich nicht. Hier in Südtirol haben wir so eine Bauernberatungsstelle. Da kommen Fachleute auf den Hof und beraten einen kostenlos, wie man seinen Betrieb am besten bewirtschaften kann. Vor gut 20 Jahren haben sie mir und meinem Vater geraten, Äpfel anzubauen. Aber ich war von der Idee nicht begeistert.

Warum nicht?

Wir hätten auf dem ganzen Hof Betonsäulen für die Apfelbäume bauen müssen und Drähte spannen. Zudem sagen die einem, welche Sorten man anbauen soll, wann man was spritzen muss, wann man ernten darf, was man tun muss. Das gefiel mir nicht.

Zwar garantieren sie einem die Abnahme und bis zu einem gewissen Grad auch den Preis. Aber ich hätte mich dann gefühlt, als wäre ich deren Arbeiter und auf meinem Hof nicht mehr frei.

Aber Sie hätten womöglich mehr verdienen können. Sie hingegen bauen Sorten an, die so selten sind, dass sie das Standardwerk "Handbuch des speziellen Gemüsebaus", gar nicht nennt oder als wirtschaftlich unbedeutend bezeichnet. Das spricht nicht gerade dafür, dass Ihre Art der Landwirtschaft Geld einbringt.

Wurzelgemüse von Harald Gasser.

Wurzelgemüse von Harald Gasser

Das habe ich auch erst geglaubt und meine Eltern sowieso. Aber ich habe ja nicht nur viele sehr spezielle Gemüsesorten, sondern auch viele Standards: Kohlrabi und Spitzkohl etwa. Und bei solchen Sorten habe ich gesehen, dass die effektiven Erträge pro Quadratmeter auf meiner Fläche höher sind als in einer herkömmlichen Monokultur.

Wie haben Sie das denn geschafft?

Weil ich alles mit der Hand mache, brauche ich im Feld keine Spuren für den Traktor freilassen. Denn bei mir gibt es ja keinen, der die Pflanzen kaputtfahren könnte. Ich kann daher viel enger pflanzen.

Und wenn eine einzelne Pflanze schon erntereif ist, nehme ich die heraus und setze in die Lücke möglichst sofort wieder eine Jungpflanze ein. Natürlich aus einer anderen Pflanzenfamilie, um durch die Mischkultur Krankheiten und Schädlinge zu unterdrücken. So bleibt der Boden nicht offen, aber ich erhöhe damit auch den Ertrag.

Und so habe ich übers Jahr vier, fünf Ernten, wo die konventionelle Landwirtschaft je nach Sorte vielleicht nur zwei bis drei Ernten schafft.

Mehr Ertrag pro Quadratmeter sagt aber noch nichts über die Qualität aus.

Nein. Aber Gemüse, das so produziert wird wie bei mir, sättigt auch stärker, sodass geringere Mengen ausreichen, um die Menschen zu ernähren.

Ich beliefere hier ein kleines Gasthaus in Südtirol. Und dort war einmal ein junger Mann zu Gast, der sich vegan ernährte. Der hatte dort einen Salatteller gegessen, wie er ihn auch anderswo oft aß, aber auf diesem Salatteller war das Gemüse aus meiner Produktion.

Und er kam zu mir, weil er sehen wollte, wo die Sachen produziert werden. Er erzählte, dass er nach dem Salatteller so satt war wie sonst nur nach einem Teller Nudeln. Deswegen glaube ich, dass Gemüse, das so wie bei mir produziert wird, die Menschen besser ernährt als konventionell erzeugtes Gemüse, das mehr Wasser enthält.

Wäre Ihre Methode denn Ihrer Meinung nach auch ein Modell für die Landwirtschaft insgesamt?

Ich bin sicher ein extremes Beispiel. So extrem ist das vielleicht nicht auf die ganze Landwirtschaft umzusetzen. Ich kann nicht solche Erntemengen produzieren, dass hier jeden Tag ein Sattelschlepper kommt und die Sachen mitnimmt.

Aber so kleine Strukturen, wie ich sie hier betreibe, wären für die Nahversorgung im Kleinen sicher ein gutes Modell. Auch, um dem Bauern eine Sicherheit zu geben. Wenn ich mir meine Aufzeichnungen der letzten zehn Jahre anschaue, dann sehe ich meine Art der Landwirtschaft als die finanziell sicherste.

Warum sollte Ihre Art finanziell sicherer sein als die konventionelle Landwirtschaft?

Es gibt bei mir nie einen Totalausfall, da kann kommen, was will: Hagel, Krankheiten, Schädlingsbefall. Es gleicht sich jedes Jahr ungefähr aus.

Ich bin hier in einem Hochrisikogebiet für Hagel. 2014 kamen hier Hagelkörner mit zwei Zentimeter Durchmesser herunter, die haben mir komplett den Salat zerhackt. Hätte ich aber eine Monokultur nur von Salat, wäre das ein hundertprozentiger Ausfall gewesen.

Durch die Mischkultur war zwar der Salat kaputt und auch die Tomaten. Aber den Karotten ging‘s gut, und ich hatte hinterher im Herbst noch nie so große und schöne Rote Beete. Von denen hatte ich den doppelten Ertrag des Jahres davor.

Portraitaufnahme von Harald Gasser

Harald Gasser

Deswegen meine ich, dass so eine kleine Anbauform mit Mischkultur die sicherste ist. Und wenn ein Bauer mit so einer Sicherheit produzieren kann, dann braucht er auch keine Subventionen.

Das heißt, Sie bekommen auch keine?

Ich bin ausgestiegen. Ich nehme keinen Euro mehr von niemandem. Das brauche ich nicht.

Aber Sie hätten schon den Rechtsanspruch darauf?

Und wie! Auf Bio, ich hätte Anspruch auf die ganzen EU-Beiträge, auf die Beiträge von der italienischen Republik und auch auf die von Südtirol. Alle Beiträge, die in der Landwirtschaft möglich sind, könnte ich bekommen, sicher so 4000 Euro im Jahr.

Da könnte Ihre Familie schon gut eine Weile von leben.

Genau. Aber ich bin ausgetreten, weil ich die Beiträge als kontraproduktiv und als ungerecht sehe. Denn die meisten Beiträge sind an die Flächen gekoppelt. Je mehr Fläche einer hat, desto mehr Beiträge kriegt er.

Wir haben hier viele Bauern, die am Berg wohnen und noch viel extremere Höfe haben als ich. Die haben Flächen, die so steil sind, dass sogar mir fast schwindlig dabei wird, und die deswegen sehr vieles in Handarbeit erledigen müssen. So einer braucht einen Beitrag.

Aber er muss trotzdem runter ins Tal fahren und dort arbeiten gehen, um mit dem Verdienst den Hof zu erhalten. Denn er kriegt viel weniger als ein großer Betrieb, der viel Milch und viel Gülle produziert und alles mit riesigen Traktoren befährt und eigentlich keinen Beitrag bräuchte.

Autoren: Frank Drescher/Cordula Weinzierl

Stand: 17.02.2017, 09:00

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