Analphabeten

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Analphabeten

An dem einen Tag hatte sie ihre Brille vergessen, an dem anderen täuschte sie eine Sehnenscheidenentzündung vor, und einmal brach sie sich sogar selbst den Finger. Roswitha Vogel konnte weder richtig lesen noch schreiben. Sie erfand immer neue Ausreden, wie sie unangenehmen Situationen aus dem Weg gehen konnte, den Formularen beim Arbeitsamt, den Hausaufgaben der Kinder.

Fast ein Zehntel der Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten

Roswitha ist mit ihrem Problem nicht alleine: Etwa 7,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten nach Angaben des Bundesverbandes für Alphabetisierung und Grundbildung als Analphabeten. In der Regel sind das funktionale Analphabeten: Sie haben rudimentäre Kenntnisse im Lesen und Schreiben, können meist einzelne Wörter, oft auch kurze Sätze lesen und verstehen. Längere, zusammenhängende Texte bereiten ihnen jedoch Schwierigkeiten. Sie geraten ins Stocken, müssen Passagen mehrmals lesen. Und selbst dann verstehen sie oft nicht, was sie gerade gelesen haben. Die Kenntnisse reichen in den meisten Fällen nicht über das Grundschulniveau der ersten drei Klassen hinaus.

Wer zu Hause nicht liest, hat verloren

Vier Kinder lesen gemeinsam mit zwei Frauen ein Buch.

Am besten: Kinder früh ans Lesen gewöhnen

"Funktionale Analphabeten kommen häufig aus bildungsfernen Schichten", sagt der Pädagoge Jan-Peter Kalisch von iChance, einer Initiative vom Bundesverband für Alphabetisierung und Grundbildung. Meist seien schon die Eltern in einem schriftfremden Umfeld aufgewachsen. So war es auch bei Roswitha Vogel.

"Ich habe erst später herausgefunden, dass mein Vater nicht lesen und schreiben konnte", sagt sie. "Und auch der Onkel und die Oma nicht." Zu Hause habe es keine Bücher gegeben. Darauf wurde kein Wert gelegt. Roswitha Vogel hat vier Geschwister, von denen nur einer in der Schule lesen und schreiben gelernt hat.

Dabei ist gerade in den ersten Lebensjahren der gemeinsame Umgang mit Büchern zwischen den Eltern und den Kindern wichtig, damit der Nachwuchs lesen und schreiben lernt. Etwa die Hälfte der Erstklässler kann schon ein wenig lesen und schreiben, wenn sie in die Grundschule kommen.

Die meisten lernen es aber auch ohne Vorkenntnisse spätestens bis zum dritten Schuljahr. Dann gilt man in Deutschland als alphabetisiert. Von da an wird vorausgesetzt, dass ein Kind das Alphabet beherrscht; dass es Texte lesen, verstehen und selber schreiben kann.

Was sie bis zur Dritten nicht lernen, holen sie selten auf

Schulkinder sitzen im Klassenraum und zeigen auf.

Wer als Analphabet lesen will, muss viel nachholen

Was sie bis zur dritten Klasse nicht gelernt haben, holen die Kinder erfahrungsgemäß auch nicht mehr auf. Sie haben in den folgenden Schuljahren nicht nur im Deutschunterricht bei Diktaten oder Aufsätzen Probleme.

Auch Textaufgaben in Mathe und Texte in anderen Fächern werden schnell zum Hindernis. "Die Kinder merken, dass sie nicht mehr mithalten können. Das führt zu Frustrationen", sagt Jan-Peter Kalisch.

Die Lehrer haben selten Zeit, sich um die Nachzügler in der Klasse zu kümmern. Individuelle Förderung im Unterricht ist kaum möglich.

Aus Hilflosigkeit oder falschem Mitgefühl geben die Lehrer den Kindern häufig zu gute Noten. Statt einer sechs bekommen sie noch gerade eben eine vier - und bleiben daher nicht sitzen. Ihre Lücken nehmen sie mit ins nächste Schuljahr.

Die Kinder werden so durchgereicht und landen früher oder später auf der Haupt- oder Sonderschule. Ein Schuljahr mehr würde vielen Schülern gut tun: zum einen, um den Stoff zu wiederholen, zum anderen, um lesen und schreiben zu üben.

Auch Roswitha Vogel ist wegen ihrer schlechten Noten nach der dritten Klasse in der Sonderschule gelandet. Eine besondere Förderung hat sie dort aber nicht erhalten.

"Unser Lehrer setzte die schlauen Schüler in die ersten Reihen. Wir anderen mussten nach hinten. 'Ihr bleibt sowieso dumm', hat er gesagt", sagt Vogel. Den Schulabschluss habe sie trotzdem erhalten.

Die meisten Analphabeten arbeiten

Ein Mann macht seine Steuererklärung.

Wer Formulare nicht lesen kann, verzweifelt daran

Trotz mangelnder Schulbildung sind in Deutschland mehr als die Hälfte der funktionalen Analphabeten erwerbstätig. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Wissenschaftler an der Universität Hamburg 2012 veröffentlicht haben.

Die Berufsfelder, in denen Analphabeten eine Anstellung finden, sprechen jedoch für sich. Sie arbeiten als Bauarbeiter, Reinigungskräfte, als Hilfsarbeiter in der Fertigung oder als Küchenhilfe - in Berufen, in denen es kaum eine Rolle spielt, ob jemand lesen oder schreiben kann.

Meist sind es Tätigkeiten, die man auch ohne Ausbildung ausführen kann. Roswitha Vogel begann mit 14 Jahren direkt nach der Schule eine Ausbildung als Metzgerin. In der Berufsschule war sie aber nur wenige Male. Die Lehrer hielten sie für dumm.

Irgendwann schämte sie sich so sehr, dass sie gar nicht mehr hinging. Nach anderthalb Jahren machte dann der Fleischereibetrieb zu. Ihre Ausbildung konnte sie nicht mehr beenden. Von da an schlug sie sich mit anderen Jobs durch, arbeitete in der Metallfertigung, als Putzfrau und als Kellnerin.

Wer nicht lesen kann, gilt oft als dumm

Eine Frau sitzt mit dem Rücken zur Kamera in einem Klassenraum vor einer Tafel.

Lesen lernen, um mitreden zu können

Einen Lese- und Schreibkurs zu besuchen - die Entscheidung erfordert Mut, sagt Jan-Peter Kalisch. Bis sich ein Analphabet dazu entscheidet, etwas an seiner Situation zu ändern, vergeht oft viel Zeit. Der Leidensdruck wird immer größer. Die Kursteilnehmer sind in der Regel zwischen 30 und 50 Jahre alt, wenn sie anfangen lesen und schreiben zu lernen.

Oft ist es ein Schlüsselerlebnis, das die Betroffenen wachrüttelt: Roswitha Vogel bekam einen Computer geschenkt - und konnte damit kaum etwas anfangen. Da war für sie klar, dass sich etwas ändern musste.

"So oft stand ich außen vor, weil ich bei Themen wie Politik zum Beispiel nicht mitreden konnte. Beim Einkaufen wusste ich häufig nicht, was ich da eigentlich im Einkaufswagen habe. Ins Restaurant oder ins Kino bin ich nur ganz selten gegangen. Das wollte ich nicht mehr!"

Sie vertraute sich ihrer jüngsten Tochter an und begann mit 45 Jahren einen Kurs an der Volkshochschule. Bis dahin hatte sie verheimlicht, dass sie weder lesen noch schreiben konnte.

Vom Analphabeten zur Leseratte

Ein Kind schreibt ABC an die Tafel.

Das Alphabet zu lernen, ist in jedem Alter möglich

Roswitha Vogel reichten die Kurse an ihrer Volkshochschule irgendwann nicht mehr. Sie wollte mehr lernen. Sie meldete sich im Online-Portal www.ich-will-lernen.de des Deutschen Volkshochschulverbands an und lernte täglich fünf bis sechs Stunden. Hier kam sie mit anderen Analphabeten in Kontakt, mit denen sie noch heute befreundet ist.

Heute liest Vogel gerne. Sie traut sich zwar noch keine dicken Romane zu, aber ein Kinderbuch oder die Tageszeitung sind kaum noch ein Problem für sie. Mit ihren Enkeln liest sie Geschichten und holt das nach, was ihre Eltern und Großeltern in ihrer Kindheit versäumt haben.

Auch im Netz ist sie unterwegs. Über Facebook schreibt sie sich mit ihren Freunden. "Ich kann nur jedem dazu raten, lesen und schreiben zu lernen. Wenn man schon älter ist, dauert es zwar länger, aber ich will nie wieder so leben wie früher. Heute kann ich alles alleine. Ich bin viel selbstständiger - fühle mich wie neu geboren."

Autorin: Wiebke Ziegler

Stand: 22.01.2015, 12:00

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