Wie schreibe ich einen Bestseller?

"Kapitel 1" steht auf einem Blatt Papier, das mit einer Schreibmaschine beschrieben wurde.

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Wie schreibe ich einen Bestseller?

Frank Schätzing, Karen Duve, Daniel Kehlmann: Viele wollen Bestseller schreiben, wie diese drei es getan haben. Aber wie mache ich das? Einfach drauf loslegen und aufs Beste hoffen – so nicht. Es gibt ein paar Kniffe, die ein angehender Autor kennen sollte. Zu Besuch in einem Schreibseminar.

Auf dem Weg zum Schreibseminar

Köln-Mülheim. Es ist Freitagmorgen und die Sonne scheint. Juweliere, Dönerbuden, türkische Bäcker. Es riecht nach Köfte, Haarspray vom Friseur und Gebäck. Alles durcheinander.

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Ich bin auf dem Weg zum Bastei Lübbe Verlag, der gleich um die Ecke sitzt. Der Verlag bietet ein Schreibseminar mit Andreas Eschbach an, dem Autor von "Das Jesus-Video", "Eine Billion Dollar" und noch einigen anderen.

"Wie Sie einen verdammt spannenden Roman schreiben" - darum soll es gehen. Ich selbst will keinen Roman schreiben, auch keinen Bestseller. Aber ich würde gerne wissen, wie das geht. Einfach so.

Die anderen 15 Teilnehmer haben sich vorbereitet. Jeder von ihnen hat eine möglichst spannende Geschichte eingereicht - das ist die Voraussetzung, um teilnehmen zu dürfen. Ich habe nichts im Gepäck, aber ich will ja auch nur Mäuschen spielen.

Ein Bestseller-Autor gibt Tipps

Porträt von Andreas Eschbach.

Bestseller-Autor in Deutschland: Andreas Eschbach

Vorne sitzt Andreas Eschbach. Halb randlose Brille, schwarzer Pulli, dunkle Hose. Er könnte Lehrer sein, Kartenzeichner oder - Software-Ingenieur, was er früher einmal wirklich war. Der Bestseller-Autor ist etwas blass um die Nase. Er muss viel am Schreibtisch sitzen.

Wir nehmen uns einen der ersten Texte vor. Tobias Gerritzen hat eine Kampfszene zu Papier gebracht:

Ein mysteriöses Flugobjekt verfolgt den Eurofighter-Kampfjetpiloten Jung. Er versucht es mithilfe von Raketen und Maschinengewehrsalven zu bezwingen, aber vergebens. Er will fliehen, doch eine unsichtbare Kraft hält den Jet gefangen.

"Das ist mir zu technisch", sagt jemand aus dem Kurs. Die meisten stimmen zu. Gerritzen hat viele Details in seine Szene eingebaut, Koordinaten, Geschwindigkeiten, Flugmanöver. Ich bin unentschlossen, mich hat das Technische nicht so gestört, aber der Journalist in mir kann auch die anderen verstehen.

Vermeide zu viele Zahlen, lautet eine Regel unter Journalisten, sonst steigt der Leser aus. Gerritzen hat sich Mühe gegeben, den Text detailgetreu zu schreiben. Und was sagt Herr Eschbach dazu?

Die Sprache sollte zur Figur passen

"Die ganzen Fakten machen es für die Männer sinnlich", sagt Eschbach und grinst breit. Die Beschreibung reflektiere die Figur. "Zu einem Kampfjetpiloten passt es zu sagen, dass er mit 1604 Kilometer pro Stunde fliegt und ein Mauser-BK27-Maschinengewehr bedient." Zu einer Hausfrau hätte die Beschreibung hingegen nicht gepasst.

Ein Mann liest ein Buch.

Ein Mann liest einen Roman

Eine gute Geschichte drehe sich - wie in diesem Fall - immer um das Ungewöhnliche. Ein Unbekanntes Flugobjekt über Deutschland! Wo gibt’s denn so was?

Was der Autor unbedingt beachten müsse: Auch wenn er sich die Dinge zusammenspinne, innerhalb der Geschichte sollte alles glaubwürdig sein, sagt Eschbach.

Sonst nehme der Leser einem nicht mehr ab, was passiert. Und reagieren die Figuren zu übertrieben, kann das schnell melodramatisch wirken - und auch dafür hat der Leser einen feinen Riecher.

Ob Lehrer, Ingenieur oder Hausfrau - sie alle wollen schreiben

Pause. Eine der Teilnehmerinnen erzählt mir, dass sie früher intensiv Kampfsport getrieben habe, Karate. Im normalen Leben arbeite sie in der Personalabteilung.

Der Kurs ist bunt gemischt: Im Seminar sitzen unter anderem eine Bibliothekarin, die Hausfrau ist, ein Ingenieur, ein Medienberater, eine Märchenerzählerin, ein ehemaliger Angestellter aus dem Controlling und ein Lehrer.

Sie alle wollen schreiben! Warum?

"Ich hatte schon immer Spaß am Schreiben", sagen die meisten. Und Eschbach: "Ich schreibe die Bücher für mich selbst." Das sei der Kern des Schreibens. Er schreibe die Bücher, die er selbst gerne lesen würde.

Welches würde er noch gerne lesen? "Die Hanse!"

Ein Roman liest sich anders als ein Wikipedia-Eintrag

Ein Mensch hält ein Buch in den Händen.

Ein guter Roman liest sich wie von selbst

Wenn ihn die Hanse so interessiert, kann er doch den Artikel dazu auf Wikipedia lesen, denke ich. Das ginge schneller - ob die Fakten stimmen, lassen wir an dieser Stelle außer acht.

Was den Roman vom Wikipedia-Artikel aber unterscheidet: Er ist spannend!

"Sie können etwas aus Interesse lesen. Sie nehmen sich einen Text vor, weil Sie das schon immer interessiert hat", sagt Eschbach. Unser Wille entscheide, ob wir das nun lesen oder nicht.

Anders verhalte es sich mit der Spannung: Es gebe Bücher, die seien so spannend geschrieben, dass der Leser sie nicht aus der Hand legen könne, sagt Eschbach. "Das Buch zwingt uns, es zu lesen!"

Darin liegt das Geheimnis, so scheint es. Ich kenne das von mir: Ich bin ein sehr egoistischer Leser und lese privat nur das, was mich unterhält. Wird ein Buch zu anstrengend, lege ich es weg. Gnadenlos.

"Wir können uns nicht vornehmen, ein Buch spannend zu finden", sagt Eschbach. Ein gutes Buch verführt, zieht rein - manipuliert uns zu unserem eigenen Nutzen.

Wie das geht?

Nach Eschbach gibt es sechs Stellschrauben der Spannung:

  • Stellschraube 1: Wer macht was, wo, wie und wann? Die Antworten auf diese Fragen helfen dem Leser, sich zu orientieren. Das was ist, sollte klar sein (Orientierung).
  • Stellschraube 2: Was kommt, ist unklar. Die Zukunft ist ungewiss (Unvorhersagbarkeit).
  • Stellschraube 3: Was in der Geschichte passiert, sollte zudem plausibel sein (Glaubwürdigkeit). In Fantasy- und Science-Fiction-Storys kann zwar Wunderliches geschehen, aber auch in diesen Welten gelten wie in der realen Welt Regeln. Wenn die Dinge nicht authentisch ablaufen, nimmt der Leser dem Autor die Geschichte nicht ab.
  • Stellschraube 4: Wie die Muggel-Pflegefamilie mit Harry Potter umgeht, ist ungeheuerlich. Was muss der Junge leiden! Figuren wie Harry hauchen der Geschichte Leben ein. Angst, Wut, Trauer – der Protagonist ermöglicht es dem Leser, nachzuempfinden und mitzufühlen (Intensität).
  • Stellschraube 5: Die Hauptfigur muss etwas erleben. Ein Beispiel: Ein Weißer Hai schwimmt vor der Küste. Die Menschen gehen weiter baden. Und der Mann, der die Gefahr sieht, sieht wie seine Kinder ins Wasser gehen. Der Leser ahnt, es wird was geschehen (Vorausdeutung). Aber was? Und wie?
  • Stellschraube 6: die angemessene Sprache. Zunächst einmal müsse das Geschriebene formal richtig sein, sagt Eschbach. Wenn der Leser über zu viele Rechtschreibfehler stolpert, hört er auf zu lesen.
Harry Potter streckt seinen Zauberstab aus und zaubert.

Harry Potter: Der Leser fühlt mit der Hauptfigur

Die Sprache diene dazu, eine Wirkung zu erzielen. Es ginge nicht darum, zu zeigen, wie viele Worte der Autor kenne. Die Sprache weckt Vorstellungen – und am besten so, dass der Leser es nicht bemerkt.

Während die anderen Seminarteilnehmer weiter an ihren Texten feilen, geht das Seminar für mich zu Ende. Ich verlasse das Verlagsgebäude, gehe über die Schanzenstraße und biege ab in die Keupstraße Richtung Bahnhof Köln-Mülheim. Es riecht nach Köfte, Haarspray und Gebäck. Unrasierte Männer rauchen Kippen auf dem Bürgersteig.

Wenn das kein guter Ort für eine Geschichte ist!

Autor/in: Sami Skalli

Stand: 22.01.2015, 12:00

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